Wie viel Wahrheit verträgt die Freundschaft?

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Mit der Wahrheit ist es so eine Sache: Man weiß, woran man ist (gut), allerdings ist sie nicht immer angenehm zu hören und beizeiten sogar gnadenlos (weniger gut). Deshalb gilt es generell als total ok, etwa aus Höflichkeit oder Rücksichtnahme, von Mensch zu Mensch nicht stets 100 Prozent ehrlich zu sein oder gewisse Dinge einfach nicht anzusprechen, solange niemand nach ihnen fragt. Vermutlich wäre es um manche Beziehung nicht allzu gut bestellt, wenn die Frage "Findest du mich in dem Kleid zu dick?" immer allzu wahrheitsgetreu beantwortet würde. Bürogemeinschaften würden Kriegsschauplätzen gleichen, wenn Kollege A wüsste, was Kollege B von ihm denkt.

Von Freundschaften heißt es jedoch oft, dass gute Freunde immer ehrlich zueinander sein sollten. Das schließt zwar nicht aus, die Wahrheit in kritischen Fällen mit einer sehr großen Portion Diplomatie als Beilage zu servieren. Aber der Grundwert der Ehrlichkeit als absolute Basis einer echten Freundschaft wird eigentlich nie in Frage gestellt. Die tiefe gegenseitige Sympathie soll's richten, so dass auch Unbequemes ausgesprochen werden kann. Aber stimmt das tatsächlich immer?    

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Illustration: Julia Schubert



Man muss ja gar nicht gleich von dem Extremfall ausgehen, dass sich ein enger Freund in die eigene Freundin verliebt hat, wenn man sich die Frage stellt, ob es der Freundschaft gut tut, die Wahrheit auszusprechen. Aber sollen einem Freunde wirklich immer sagen, wenn man sich auf der Party neulich betrunken schon etwas peinlich aufgeführt hat? Oder will man umgekehrt auf alle Fälle ansprechen, dass man eine Eigenheit der besten Freundin schon etwas spinnert findet, solange sie eher harmlos ist? Gilt nicht auch für Freundschaften, dass ihnen manchmal ein gewisses Maß Unehrlichkeit als Beziehungshygiene ganz gut tut? Möchtest du vielleicht in mancher Angelegenheit auch von engen Freunden lieber nicht zwingend die Wahrheit hören, wenn du (höhö) ehrlich zu dir bist? Oder denkst du, dass eine gute Freundschaft die Wahrheit immer aushalten muss? Dass es wichtig ist, dass wenigstens in einer Sozialkonstellation immer Tacheles geredet wird?




Text: veronique-schneider - Foto: photocase/mys

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