Ban Ki Moon, Kim Jong Il, ein Flugzeug: Die UN-Kolumne (V) im Brennpunkt

Zwei Monate hatte sich Sebastian Klein gegeben, den Job des UN-Generalsekretärs an sich zu reißen. Diese Woche nun platzte sein Traum: Hier erklärt er, wie ein Südkoreaner zum neuen Gesicht der Vereinten Nationen wurde. Und er erzählt, wie seine Mutter schneller vom Flugzeugabsturz in NY erfuhr als die UN-Angestellten.
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Eine seltsame Woche am UN Plaza zu New York. Erst sprachen alle von Südkorea, dann alle von Nordkorea. Dann rief meine Mutter an, weil das deutsche Fernsehprogramm wegen eines in einen Wohnblock geflogenen Kleinflugzeuges unterbrochen wurde, während die Kollegen in der UN noch gebannt auf die in Schwärmen die 1st Avenue stadtaufwärts rasenden Krankenwagen und Feuerwehrautos blickten und ein Feuer als Ursache vermuteten. Doch der Reihe nach.

Ban Ki Moon. SK.

Kim Jong Il. NK. Meine Chancen auf die Kofi-Annan-Nachfolge sind in der Zwischenzeit nicht einfach nur schlecht, sie sind passé. Das kam für mich ebenso überraschend wie für den Rest der Welt, die Medien und auch die UN-Angestellten. Während es in den letzten Wochen noch so aussah, als wäre das Rennen einigermaßen offen, als könnte noch alles passieren und als sei der südkoreanische Außenminister Ban Ki Moon nicht mehr als eben der aussichtsreichste Kandidat, während sich einige der Vetomächte im Sicherheitsrat ganz neue, frische Kandidaten – wie mich! – wünschten, ging es nach der letzten Testabstimmung verdammt schnell: Keine Stimme gegen Ban Ki Moon. Keine Gegenstimme der wichtigen permanenten Mitglieder des Sicherheitsrats. Und überhaupt: nur eine Enthaltung. Die Sache ist gegessen. Wie das so schnell vonstatten gehen konnte, ist ein Rätsel und das liegt, muss man feststellen, in der Natur der Sache. Der Ablauf der Wahl des Generalsekretärs ist zwar festgelegt, wie aber das Vorschlagsprocedere zu laufen hat, das ist nur durch gewachsene Traditionen eingegrenzt und wird ganz übrigens der Welt auch nicht en Detail mitgeteilt. Auch nicht der Welt innerhalb des UN-Hauptquartiers. Während das technische Wie also unerklärt bleiben muss, ist das politische Wie durchschaubarer: * Ban Ki Moon war südkoreanischer Diplomat in den USA, hat also die Zustimmung des größten Wackelkandidaten. * Russland und China legten von vornherein vor allem Wert auf einen Asiaten. Das ist Ban Ki Moon. * Die Anderen waren entweder nicht an größeren Zerwürfnissen interessiert, wünschten sich ganz einfach einen fehlerfreien Stabwechsel oder wurden durch die spontan spendable Außenpolitik Südkoreas überzeugt. Also: Die Wahl war schnell vom Tisch, das Thema auch, ein anderes Land beanspruchte alle Aufmerksamkeit. Nordkorea war plötzlich am Drücker, und das wortwörtlich. Der angekündigte und nun wohl geschehene Atomtest hat das bettelarme Land südlich von China in den Fokus der Welt gerückt. Und genau das war wohl auch das Ziel Kim Jong Ils, dessen Land einerseits verhungert und andererseits vielleicht schon bald kaum mehr „ein Land“ zu nennen ist.

Ein unterernährter 14-Jähriger Junge in Nordkorea. Das ap-Foto stammt aus dem Jahr 2002. Die Krisen und der anhaltende Kriegszustand – es gibt bis heute keinen Friedensvertrag mit Südkorea oder den USA – haben das Land marode gemacht, längst sind regionale Machthaber auf dem Weg, ihr Territorium selbst zu regieren.

Foto eines Atomtest in Indien. Es geht also um Außen- und Innenpolitik, um internationale Politik, um den Einfluss und damit die Rolle Chinas, um Sicherheit in der wirtschaftlich und politisch wichtigen Region. Und um Atomwaffen, deren Vorhanden- oder Nichtvorhandensein nicht unwesentlich die Kräfteverhältnisse zwischen den Ländern dieser Welt bestimmt. Aber auch die waren kurz nach drei Uhr Ortzeit gestern vergessen. Der Tag war unbeschreiblich grau, die Wolken hingen zwischen den Häusern Manhattans, es regnete in Strömen. Erst rasten, wie eigentlich stündlich, ein paar Feuerwehrfahrzeuge die 1st Avenue am East River Richtung Uptown. Dann immer mehr. Meine Mutter rief an: „Geht es dir gut?“, fragte sie. Ich war verwundert. Wir hatten am Vortag kurz gesprochen und es gab keinen Grund zur Sorge. Doch es gab einen Grund.

Blickrichtung Hochhaus. Noch ehe bei den Vereinten Nationen auch nur ein Mitarbeiter Bescheid bekommen hatte, war das deutsche Fernsehabendprogramm für eine Sondermeldung aus New York unterbrochen worden: Ein Kleinflugzeug war offenbar in ein Hochhaus mit Wohnungen geflogen. Es sah, dachte ich, als ich kurz darauf die ersten Bilder im Internet betrachtete, wie der Versuch eines Amateurs aus, den 11. September nachzustellen.

Das Hochhaus, in das die Maschine des Baseball-Spielers der New York Yankees krachte. Natürlich war mir nichts passiert, wie auch. Wäre da nicht diese Symbolik, weltweit hätten nur wenige Menschen von dem Vorfall Notiz genommen. Seltsam ist allein, so dachte ich eine Stunde später, als die Straßen der Gegend gesperrt wurden: dass es passieren konnte! Trotz Alarmstufe Orange für die kompletten Vereinigten Staaten. Seltsam ist, dass man es 20 Straßenblöcke weiter, in einem der nach Einschätzung von Terrorexperten gefährdetsten Gebäude der Stadt erst so spät erfährt. Und ich fragte mich, ob die Herren im Sicherheitsrat in einem solchem Moment ihre Diskussionen über nordkoreanische Atomwaffen eigentlich unterbrechen? Die Kollegen jedenfalls lachten. Auf den Gängen des Hauses war alles ruhig. Fotos: ap, dpa +++ Sebastian Klein berichtet von einer ereignisreichen Woche bei den Vereinten Nationen und in New York. Hier, zum Nachlesen, die Hintergründe auf jetzt.de: ... Ban Ki Moon. ... Atomwaffentest. ... Kleinflugzeug.