Corporate Identity

Arbeiten, um zu leben oder leben, um zu arbeiten? florian-lamp erzählt davon, wie sich sein Leben nach dem Studium verändert hat. Diese Woche hilft er auf einer Piercing-Messe aus.
florian-lamp

Piercing-Wurst: Nebenjob auf der Tätowiermesse Als Ersatz für einen Freund, der krank geworden ist, erhalte ich meinen ersten Job in der Gastronomie. Ich soll auf einer Piercing- und Tattoo-Convention Gläser spülen und hinter der Theke stehen. Als ich auf dem Fabrikhallengelände ankomme, muss ich mich an mehreren Türsteherskins vorbei zu meiner Theke durchfragen. Dort erwartet mich schon Micha: „Und so willste hier arbeiten, wa?!“ „Wie?“ „Zuerst mal Klamottenwechsel… immer dasselbe mit die Zeitarbeitsfirmen. Wenn wir auf 'ner Tattoopiercingmesse sind, dann wolln wir schon Leute, die da ooch hinpassen, wa. Corporate Identity, vastehste!?! Ein Glück ham wa imma noch 'n paar Sachen da…“ Und dann steh ich mit hautengem ärmellosem Unterhemd und schwarzer Lederhose hinter der Theke – will gar nicht wissen, wer da vorher drin gesteckt hat. Micha will eigentlich auch noch, dass ich mir Sachen ins Gesicht piercen lasse („Beim Preis machen wir Halbehalbe.“), begnügt sich dann aber damit, mir irgendwelche Ringe in die Nase, die Augebraue und den Mund zu klemmen. „Hoffentlich sieht mich so keiner…“ Unser Fressstand hat als einer der ersten aufgemacht, nach und nach treffen die Piercer und Tätowierer ein. Die ersten Gäste und Besucher sind auch schon da und so fühlt man sich bald schon akustisch in einen Zahnarztstuhl versetzt. Die ganze Halle sirrt und vibriert. Gibt es auch Zahnarzt-Conventions, auf denen sich Menschenmassen versammeln, um in einer Fabrikhalle Füllungen gemacht zu bekommen, sich Zahnstein entfernen und an einzelnen Ständen Wurzelbehandlungen vornehmen zu lassen? An meiner Theke treffen seltsamerweise hauptsächlich Durchschnittsmenschen ein. Leute im Anzug, die sich Bier bestellen oder auch mal eine Currywurst. Micha, der großen Wert auf „Corporate Identity“ legt, hat sich bei einem befreundeten Metzger extra gepiercte Bratwürste machen lassen. Nach und nach erfährt die ganze Halle davon, der Laden brummt und endlich kommen auch die richtigen Freaks. Grünes Fleisch frisst Pommes Rot-weiß und erfreut sich an den braun angebratenen gepiercten Bratwürsten. Bisher habe ich Tätowierungen immer deswegen abgelehnt, weil ich mir nicht vorstellen wollte, wie das aussieht, wenn man alt und wabblig wird; hier finde ich endlich, was ich mir denken, aber eben nicht vorstellen wollte. Mitsiebzigerinnen lehnen sich über die Theke und präsentieren mir ihr bemaltes Runzeldekollete, Großväter im String (über Ketten mit den Ohren verbunden) flanieren mit ihren Enkelinnen durch die Gänge und suchen gemeinsam ein Geburtstagstattoo aus. Die einzelnen Stände haben fantasievolle und individuelle Namen wie „Endless Pain Tattoo“, „Painless Tattoo“ oder „Painless End Tattoo“. Da fällt der „Buena Vista Tattoo Club Würzburg“ schon etwas aus dem Rahmen. Ich stelle mir fröhlich tätowierte 90-jährige Würzburger Volksmusikanten vor, die auf Welttournee gehen und dann langsam nacheinander sterben. Wann dreht Wim Wenders darüber einen Film?! Es wird Zeit! Währenddessen spüle ich Gläser, reiche Essen über den Tresen und hoffe, dass mich hier niemand erkennt. Gegen Nachmittag erlaubt mir Micha, mich einmal ein bisschen näher auf der Convention umzusehen. Eine große Bühne ist aufgebaut, auf der ein Mensch, der starke Ähnlichkeit mit einem Halbweltschläger hat und ohne Pause redet wie Dieter Thomas Heck, Applaus für die Teilnehmer des Wettbewerbs einfordert! Einer meiner Kunden erscheint auf der Bühne. Eben an der Bar noch im dunklen Anzug, seriös wie ein Vorstand der Deutschen Bank, trägt er jetzt wieder einen Anzug, allerdings einen japanischen. Ein „japanischer Anzug“, das heißt in diesem Fall nicht, dass er von Kenzo ist oder so, sondern es handelt sich um eine großflächige Tätowierung über den gesamten Körper, lediglich die Knopfleiste – wenn man das hier so nennen kann - ist untätowiert bis zum Bauchnabel und, um den Penis nicht zu zeigen, trägt er einen String. Der Moderator kriegt sich vor Aufregung und Begeisterung nicht ein. Auf der Zuschauertribüne klatschen fünf Leute, die zum selben Tattoostudio gehören, wie der Mann im japanischen Anzug. Endlich ist es so weit: „Jetzt, meine lieben Freunde, jetzt will ich aber mal 'nen richtigen Applaus haben, denn jetzt sind sie da: Elaine Johnson und Sheila, die meistgepiercte Frau der Welt UND die MEISTTÄTOWIERTE Frau! ZUSAMMEN HIER!! 4000 Tätowierungen!! 500 Piercings alleine im Intimbereich! IM INTIMBEREICH! 500! 4000 TÄTOWIERUNGEN!! UND IM INTIMBEREICH 500 PIERCINGS! Ich will mir den Intimbereich gar nicht vorstellen, mir reicht es, wenn ich von fernem das Gesicht der Piercinghuberin sehe. Es ist türkis. Wenn man genauer hinsieht, erkennt man hunderte von mit hellblauen Glassteinen verzierte Piercings. Wenn sie lächelt, dann klirrt es. Zurück am Stand spendiert mir Micha eine Bratwurst, weil ich mich so gut in sein Team eingefügt habe. Am Ende des Tages klopft er mir auf die Schulter: „Bis morgen! Jute Arbeit und komm morgen am besten direkt in den Klamotten… Du suchst doch 'nen Job, wa? Ick hab zwar ooch nix Festes, aber wennde wills, dann kannste gern als feste Aushilfe komm’. Hab da 'n jutes Jefühl.“ „Ich überlegs mir.“ Im Podcast kannst du dir die Job-Kolumne anhören. Illu: daniela-pass