Der Finanz-Chef redet Mist

Arbeiten, um zu leben oder leben, um zu arbeiten? florian-lamp erzählt davon, wie sich sein Leben nach dem Studium verändert hat. Diese Woche hangelt er sich durch die Praktikumsschleife.
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In der ersten Praktikumswoche bekamen wir ein paar Pilotsendungen einer geplanten Talkshow zu sehen. Sie hieß der „blaue Salon“ oder so, passender wäre der Titel „Drei Typen reden Mist“ gewesen. In der Sendung trafen drei Gastgeber auf einen Gast, den sie kaum zu Wort kommen ließen, der aber eh nichts zu erzählen hatte. Dummerweise hatten die drei Gastgeber aber ebenfalls nichts zu erzählen und wollten dazu auch noch immer mehr zu hören und zu sehen sein als ihre jeweiligen Co-Gastgeber. Zwischendrin gab es Einspieler, in denen in lustigen Straßenumfragen unlustige Fragen gestellt wurden und alte Menschen verarscht wurden. Dazu wurden topfschlagen-ähnliche Kinderspiele veranstaltet. Kurz: Die Sendung war kein Spaß. In den ewig dauernden Meetings, in denen hauptsächlich zuerst einmal fast jeder Anwesende ausführlich und kichernd von seinen letzten Wochenenderlebnissen berichtete und die Planungen für die folgenden Wochenenden immer wieder ausdiskutiert, verworfen und neu geordnet wurden, durften wir dann auch unsere Meinung zu den „Piloten“ sagen. Dass die nicht so gut war, war klar, aber eigentlich war diese Meinung auch völlig uninteressant, denn man musste ja fürs Wochenende und die Freizeit planen. Schließlich kam es zur ersten Studioaufzeichnung in einem Münchner Vorort. Der Starmoderator, der auch einer der drei Moderatoren der Talkshow war, erschien leicht angeschlagen und verhaspelte sich bei jedem zweiten Satz seiner vorgeschriebenen Moderation. Schon nach sechs Stunden war alles im Kasten und der angemietete Regisseur versammelte vor dem Gebäude alle Praktikanten um sich: „Wir produzieren am Samstag in zwei Wochen so von morgens um zehn bis bestimmt abends um neun, mit open end, aber dann können wir ja noch was zusammen trinken gehen, den „Blauen Salon“. Da das hier ja ein reiner Praktikantensender ist, ist ja wohl klar, dass Ihr dann auch kommt, oder?“ Die Gesichter aller Anwesenden verdunkelten sich rapide. Alle hassten diese Sendung und dann sollten sie sich dafür auch noch den Samstag um die Ohren schlagen lassen? In der nächsten Woche machte der Miet-Regisseur – der wenigstens bezahlt wurde – wieder die gleichlautende Ankündigung, verschärfte sie allerdings ein kleines bisschen: „Wenn Ihr nicht kommt, dann werden sich Mittel und Wege finden lassen, dass Ihr doch kommt…“ Luca Brasi hatte uns allen ein Angebot gemacht, dass wir nicht ablehnen konnten. Der Reihe nach wurde jetzt jeder Neupraktikant gefragt, was er denn jetzt zu sagen hätte. Die häufigste Antwort war „Mist! An dem Samstag, da kann ich leider nicht, aber nächsten dann bestimmt…“ Ich selber sagte nur, dass ich nicht kommen werde und auf die Frage des Regisseurs „Warum?“ antwortete ich: „Weil ich die Sendung blöd finde und für so was nicht an einem freien Tag arbeiten gehe.“ Nach drei Wochen kündigte ich meinen Praktikantenvertrag, gerade noch rechtzeitig, denn, auch wenn man nicht bezahlt wurde, so hatte man als Praktikant darauf zu achten, dass eine fristlose Kündigung nur in den ersten vier Wochen möglich war. Danach wären Ansprüche des Senders geltend gemacht worden. Ob sich so der Ausbildungsfernsehkanal finanzierte? Nach einer Zwischenstation beim Jugendmagazin der Süddeutschen Zeitung verschlug es mich über den Kontakt eines Users zu einer der größten Werbeagenturen Deutschlands nach Berlin. Hier wurde mir von Anfang an gesagt, dass ich, gute Arbeit vorausgesetzt, gute Chancen hätte, übernommen zu werden. Nach der Hälfte der Praktikumszeit, also nach 3 Monaten, solle ich nachfragen, ob man mich als Juniortexter einstelle. Gesagt getan. Der Chefkreative war von meiner Leistung überzeugt, bemühte sich um Zusagen weiterer entscheidender Leute in der Firma und in der letzten Woche meines Praktikums gab er mir montags, nach einem Vieraugengespräch mit dem Finanz-Chef Deutschland die feste Zusage: „Gratulation, Florian! Du wirst bei uns Juniortexter.“ Zwei Tage später bestellte er mich erneut zu sich und teilte mir mit, dass der Finanz-Chef seine feste Zusage zurückgezogen habe, er darüber extrem verärgert sei, man ihm aber gesagt habe, ich solle doch mein Praktikum einfach noch einmal verlängern. Ich lehnte ab, bedankte mich für seinen Einsatz und sagte, dass ich in einer Firma, in der so mit den Menschen umgegangen werde, nicht mehr arbeiten wolle. Meine Vorstellung vom Wesen einer festen Zusage, eben, dass sie fest ist und nicht mehr zurückgezogen werden kann, hatte sich geändert. Ich fasste den Entschluss, nie wieder ein Praktikum zu machen, schon gar nicht für nur 400 Euro. Illustration: Daniela Pass