270768

1. Die Vorbereitungen Nachdem ich mich von meinen Zigeunern getrennt hatte, weil mit drei gegen meine Stimme bandintern beschlossen worden war, „Bésame Mucho“ wieder ins Programm zu nehmen, stand ich wieder ohne Verdienstmöglichkeit auf der Straße beziehungsweise in der Straßenbahn. Ich beherrschte nur das Theremin und das Metronom, wobei das Metronom im engeren Sinne ja nicht mal als Instrument bezeichnet werden konnte. Mit beiden Dingen hatte ich aber musikalisch keinen Erfolg gehabt. Es war Zeit, wieder etwas anderes zu machen, etwas, das ein bisschen Geld einbringen würde und nicht allzu anstrengend war. Ich rief Bruno an und verabredete mich mit ihm beim Chinesen. Begeistert erzählte er mir von seinem neuen Hobby, dem Kampfsport. In seinem Verein habe er schon tolle Freunde gefunden, unter anderem einen Polizisten, dem man besser nicht hilfesuchend von hinten auf die Schulter tippen sollte, denn er habe sich einen Reflex angewöhnt, der für andere ungesund sei. Er schlage mit seinem Ellenbogen gezielt nach hinten und hätte so schon mehrere ältere Damen in der U-Bahn und zwei Freundinnen bzw. jetzt wohl Exfreundinnen außer Gefecht gesetzt. Beeindruckt bestellte ich wie immer das Sesamhuhn und eine große Cola ohne Zitrone und betrachtete die verschiedenen knallbunten Kungfu-Kämpfer-Zeichnungen an den Wänden des „Kaisers von China“. In mir keimte eine Idee, wahrscheinlich würde ich Bruno gar nicht groß überreden müssen, mitzumachen. Der italienische Besitzer des „Kaisers von China“ stellte gerade mein Sesamhuhn auf den Tisch. Als der Teller leer war, erklärte ich Bruno meinen Plan. In den nächsten Tagen trafen wir uns bei Bruno und übten: Fallen, Schlagen, Akkordeonspielen, Treten, Beleidigen. Wir liehen uns die gesamte Bud Spencer- und Terrence Hill-DVD-Box in der Videothek aus und überspielten die besten Schlag-Geräusche auf Kassette, entwickelten eine Choreographie, die genau auf den Zeitplan abgestimmt war und klauten uns heimlich eine D!’s Dance School-DVD beim Saturn am Alexanderplatz, um unserer Aktion einen tänzerisch eleganten Ausdruck zu verleihen. Zum Glück waren wir beide arbeitslos, sonst hätten wir Monate gebraucht, um all das perfekt einzustudieren. Die Generalprobe legten wir auf Samstag Mittag in einer Woche, 2 Uhr 15. Treffpunkt U-Bahn-Station Rosa-Luxemburg-Platz, hatte Bruno empfohlen, schließlich gehörten wir zum Proletariat. Bis dahin übten wir wie die Verrückten. Bruno würde zunächst Akkordeon spielen und dann käme ich ins Spiel. Die Zeit war gekommen, auf dem Bahnsteig angekommen, erkannte ich Bruno schon von weitem. Er hatte sich seine Schiebermütze tief ins Gesicht gezogen und sein Akkordeon spannte über seinem Hemd, das über seinem Bauch spannte. Wir hatten uns abgesprochen, dass wir uns nicht kennen und uns in der U2 das erste Mal begegnen würden. Eine Durchsage machte uns einen Strich durch die Rechnung: „Sehr geehrte Fahrgäste, der Verkehr auf der Linie U2 muss zur Zeit leider unterbrochen werden wegen eines Personenschadens… Benutzen Sie bitte den Schienenersatzverkehr…“ Scheiß Selbstmörder. Wir mussten umdisponieren, flexibel bleiben, neue Wege finden. Alles Dinge, die wir im Studium gelernt hatten und die auf dem Arbeitsmarkt angeblich so gesucht waren. Wenn eine Idee auf dem einen Markt nicht funktioniert, dann muss man eben den Standort wechseln. „Wirtschaftskapitän! Ich sollte Wirtschaftskapitän sein, aber bestimmt gibt es noch nicht mal Wirtschaftskapitänspraktikantenplätze in diesem Land...“ Dass ich da nicht früher drauf gekommen war, mich als Wirtschaftkapitän zu bewerben! Know-How hatte ich ja. Zu Fuß gingen wir zum Alexanderplatz und beschlossen mit der S-Bahn Richtung Bahnhof Zoo zu fahren. 2. Die Umsetzung Bruno stieg ziemlich weit hinten im Wagon ein, ich am anderen Ende. Wie abgemacht fing er an, sein Akkordeon zu bearbeiten und die Leute anzulächeln, die ihn größtenteils mit gelangweiltem Gesichtsausdruck ignorierten. Nur zwei Touristinnen mit bunten Ponchos waren äußerst spendabel und drückten ihm je 20 Cent in die Hand. Kaum hatte sich Bruno mir auf ein paar Meter genähert – „Bésame, Bésame Muchooooo“ – war meine Zeit gekommen. Ich sprang auf, brüllte ihn mit am Kinn runtertropfendem Geifer an, er solle gefälligst mit dem Scheiß aufhören. „Sonst kriegst Du gleich so was von einen in die Fresse rein, wa!“ Wie abgesprochen reagierte Bruno nicht, tat so, als würde er mich nicht verstehen, lächelte freundlich weiter in die Gesichter der Passagiere, als ihn meine Faust mit einem fetten „Bautz“ aus dem im Jackenärmel versteckten Lautsprecher direkt am Kinn traf. In einer schauspielerischen Glanzleistung riss er entsetzt die Augen auf und torkelte ein paar Reihen nach hinten und schrie mich an, ob ich sie noch alle hätte. Mittlerweile guckte der ganze Wagen gespannt auf den U-Musiker und dessen Nemesis mit dem Dreijahrebart. The Show must go on. Bruno stürmte mit zusammengefaltetem Akkordeon auf mich zu und schlug es mir mit Wucht immer wieder auf den Schädel, begleitet von Padong-, Padautz- und Bratz-Geräuschen, während ich vor Schmerzen jammerte, ihm ein Stück aus seiner Cordhose rausbiss und mit den Fäusten in Richtung seiner Körpermitte zielte. Wir rollten quer über den Gang, bissen unsere Kunstblutkapseln geschickt auf und schlugen uns die im Internet billig ersteigerten Kassengestelle von der Nase, während er mich abwechselnd als Ausländerfeind, Kulturignorant oder einfach nur Arschloch beschimpfte und ich ihn als miesen Musiker, Geschäftemacher und fette Sau bezeichnete. Die Stimmung im Wagen war kurz davor zu kippen. Die Menge hatte sich in zwei Parteien gespalten. Während die eine, weit größere, mich anfeuerte, es diesem Nervmusiker aber so richtig feste zu geben, stellte sich eine kleine Minderheit auf Brunos Seite. „Wie soll der denn sonst sein Geld verdienen, der Arme? Können Sie nicht hören, wie begabt der ist!“ „Gute Kunst entsteht nur unter Schmerzen!“, presste ich noch schnaufend aus dem Schwitzkasten hervor, in dem mich Bruno mittlerweile festhielt und versetzte ihm dabei gezielte Kicks gegen seinen Knöchel, als er plötzlich von mir abließ. Die ersten meiner Anhänger waren Brunos Leuten mittlerweile ziemlich nahe gekommen, einer hatte sogar schon sein Überlebensmesser gezückt. Bruno stand auf und zog mich ebenfalls wieder in die Senkrechte. Wir gaben uns freundschaftlich die Hand, gratulierten uns zur gelungenen Show. „Sehr verehrte Damen und Herren, wir sind "Die Zwei Schlägertypen“. Das ist Bruno, meine Damen und Herren! Und ich, ich heiße Florian. Wir würden uns freuen, wenn Sie uns für die Vorstellung eben eine kleine Spende geben würden. Ich hoffe, wir haben Sie gut unterhalten. Bitte empfehlen Sie uns weiter.“ Bis zum Bahnhof Zoo hatten wir soviel Geld verdient, wie ich in meiner ganzen Zeit als Zigeunerhauptmann in drei Monaten nicht eingenommen hatte. Glücklich und mit gefüllten Taschen stiegen wir in eine Bahn in Richtung Olympiastadion. Wer hätte wissen können, dass gerade an diesem Wochenende der Fan-Club „Hertha NPD“ mit unserer Bahn Richtung Olympiastadion zu einem Heimspiel unterwegs war. Noch nie zuvor hatten mir so viele Skinheads aufmunternd auf die Schulter geklopft - noch schöner wäre es gewesen, wenn Sie mir vorher nicht mit echter Gewalt gegen Bruno geholfen hätten. Hoffentlich reichte das eingenommene Geld für seine Arztbehandlung aus. Der öffentliche Nahverkehr hatte für mich als Geldquelle ausgedient. Hier war einfach kein Platz für innovative Unterhaltung. Ich musste den Tatsachen ins Auge schauen: Vielleicht sollte ich doch noch ein paar neue Bewerbungen schreiben. Illustration: Daniela Pass