Folge 1: Was vorbei ist ...

Arbeiten um zu leben oder leben um zu arbeiten? florian-lamp erzählt davon, wie sein Leben sich nach dem Studium verändert hat
florian-lamp

Nach meinem Studium sah mein Plan so aus: Ich würde einen Stapel Bewerbungen rausschicken, mich dann zum Ende des Studiums mit einer 3-monatigen Autotour durch Amerika belohnen, dann zurück nach Deutschland kommen und dort würden wenigstens fünf bis zehn Antwortschreiben liegen, in denen ich aufgefordert würde, mich doch bitte zu einem Vorstellungsgespräch einzufinden. Ich hätte wissen sollen, dass das alles so bestimmt nicht funktioniert, als sich schon die Amerikareise um eine Woche verschieben musste, weil ich die Chance hatte, bei „Wer wird Millionär“ eine Million Euro zu gewinnen. Die Aussicht, als Millionär in die USA zu fliegen, reizte mich ungemein, leider reizte sie zehn weitere Menschen ebenfalls. Ebenfalls leider war eine Co-Kandidatin bei der ersten Frage 0,48 Sekunden schneller als ich und bei der zweiten Fragerunde konnte ein anderer teilnehmender Student vier James-Bond-Filme 0,36 Sekunden schneller in die richtige Reihenfolge bringen. Schon damals auf der Rückreise in den Westerwald, als ich mit einem meiner besten Freunde die zehn Euro Aufwandsentschädigung in einem Schnellfress auf dem Kölner Bahnhof verjubelte, hätte ich ahnen können, dass irgendwas schief läuft. In Las Vegas hatte ich bei meinem ersten Spiel mit zwei Dollar Einsatz 50 Dollar gewonnen. Was ich danach dann verloren habe, will ich hier nicht schreiben. Tatsache war: Sowenig ich als Millionär nach Amerika geflogen war, so wenig war ich als Millionär zurückgekommen. Umso mehr war ich von der Tatsache überrascht, dass Zuhause keinerlei Einladungen zum Vorstellungsgespräch auf mich warteten. Lediglich drei Bewerbungsmappen waren ablehnend zurückgeschickt worden. Ich entschied mich, zu Hause zu bleiben und zu warten, weiterzusuchen und weiter Bewerbungen zu verschicken. Nach drei Monaten Warten fand ich ein Praktikum bei einem Ausbildungsfernsehkanal in München, erzählte meinen Eltern von meinem Fund im Internet und von dem „Einstellungstest“, der in München stattfinde. Meine Mutter überredete mich, eine Bewerbung dorthin zu schicken, immerhin war dieser Sender ja auch der erste, der sich auf meine Bewerbung hin meldete – dass das Praktikum sechs Monate dauern sollte und unbezahlt war, ärgerte mich zwar jetzt schon, aber egal. Der „Einstellungstest“ war lächerlich. Man sollte einen Kunsthochschulfilm interpretieren, in dem sich Gipsstatuen in einem Museum stritten. In hektischen Schnitten und untermalt von atonaler Musik flog eine wildgewordene entfesselte Kamera durch den Raum – natürlich war alles in Schwarzweiß gefilmt. Dazu galt es nun auch noch diverse kurze Texte (eine Kritik, eine Pressemeldung, einen Fernsehzeitungseintrag) zu schreiben. Neben mir fragte mich ein Politikstudent im neunten Semester verzweifelt, was denn bitte der Titel „Polis“ zu bedeuten habe. Dieses Wort habe er noch nie gehört. Meine Erklärung (Athen, Politik, Demokratie) mochte er nicht so recht glauben. Diesem Einstellungstest folgte ein Vorstellungsgespräch bei der Senderchefin. Zu dritt, der Politologe, eine Mitbewerberin und ich, saßen wir an einem Tisch, sollten zunächst einen jeweils anderen im Raum interviewen und dann kurz vorstellen. Schon jetzt fand ich alles nur noch lächerlich. Anscheinend hatte man hier im Sender in den 70er Jahren einmal ein Buch gekauft, das den Titel „Das moderne Vorstellungsgespräch – Chancen und Möglichkeiten“ trug. „Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?“, fragte die Senderchefin allen Ernstes. Weil ich der Einzige im Raum war, der sich kaum zurückhalten konnte, vor Lachen zu platzen, gab sie diese Frage an mich weiter. Mir war jetzt eh alles egal und ich erzählte ihr, dass ich in zehn Jahren ein Chateau an der französischen Atlantikküste besitzen werde, das ich mir vom Erlös des Verkaufs meiner Film- und Fernsehproduktion gekauft hätte. Dennoch besäße ich an meiner Produktionsfirma immer noch so etwas wie eine Sperrminorität, mit der ich weiter mitbestimmen könnte, was dort gemacht wird und was nicht. Weiter wäre ich in zehn Jahren als bedeutender Schriftsteller bekannt. Die Mitbewerberin, nach meinen großkotzigen Zukunftsaussichten an der Reihe, wählte das andere Extrem: „Vielleicht bin ich dann schon mehrfache Mami.“ Obwohl ich auch in den weiteren Fragerunden immer darauf setzte, möglichst arrogant und arschig zu erscheinen, bekam ich den Job angeboten, suchte mir eine Wohnung in München und trat das Praktikum an. Illustration: daniela-pass Diese Kolumne kannst du dir auch im jetzt.de-Podcast vorlesen lassen.