Folge 3: Ehemalige Traumberufe

Arbeiten, um zu leben oder leben, um zu arbeiten? florian-lamp erzählt davon, wie sich sein Leben nach dem Studium verändert hat. Diese Woche schwelgt er noch einmal in Erinnerungen an die gute alte Kindheitszeit.
florian-lamp

Vielleicht ist die Idee, nach einem Studium einen Beruf auszuüben einfach von Natur aus falsch. Jahrelang studiert man, aber nur in den seltensten Fällen verlässt man sich, was die Berufswahl angeht, auf sein Gefühl, seinen Bauch. Wozu denn Abi machen, wenn es anders viel einfacher wäre? Wozu studieren, wenn man nachher eh arbeitslos ist? Warum nicht einfach das machen, was man zuerst machen wollte. Die Liste meiner Traumberufe: 1. Bevor ich für eine kurze Zeit Polizist werden wollte, gab es für mich nur einen Traumberuf. Im großen Supermarkt im Nachbardorf meines Wohnorts gab es eine riesige Käsetheke. Jedes Mal, wenn ich mit meiner Mutter einkaufen ging, drückte mir die Käseverkäuferin eine Scheibe Gouda in die Hand - ganz ohne daß ich danach fragen mußte! Das einzige, was von mir erwartet wurde und was ich auch gerne machte, war „Danke“ zu sagen. Ich stellte es mir traumhaft vor, Käseverkäufer zu sein. Den ganzen Tag lang würde ich Gouda essen und Umsonst-Scheiben an meine Kunden verteilen. Zwar bekam ich auch in der örtlichen Metzgerei immer ein Stück Fleischwurst, aber da roch es lange nicht so gut wie an der Käsetheke. Letztens war ich einem Edelschokoladeladen. Die Bedienung bat mich, doch einmal eine der angebotenen Pralinen zu testen. Auf ihre Frage, ob sie mir geschmeckt habe, antwortete ich mit „Ja; ich könnte mich hier sowieso durch den ganzen Laden fressen…“ Sie wurde etwas rot und verbesserte mich: „Besser genießen!“ und ich verbesserte wiederum sie: „Genießen und durchfressen.“ 2. Nach der kurzen und unspektakulären Polizisten-Episode – jeder Junge will irgendwann Polizist bzw. Feuerwehrmann werden, meinetwegen noch Lokführer; vor ein paar Monaten sah ich in einem Spielwarengeschäft sogar ein „Schaffner-Set für Kinder“ – wollte ich Tankwart werden. Als Tankwart hatte man einen Super-Job. Den ganzen Tag kamen Autos vorbei, alle paar Wochen hatte man das Glück, einen Ferrari oder gar Lamborghini an seiner Tankstelle vorfahren zu sehen und dazu, als besonderes Bonbon oben drauf sozusagen, konnte man den ganzen Tag lang Benzin riechen. Im Gegensatz zu Rammstein ging es mir beim Benzin nicht ums Verbrennen, sondern allein um den Geruch. Noch heute glaube ich, daß es ein Verkaufsschlager wäre, den Duft von Benzin als Parfum zu verkaufen. Heute gibt es keine Tankwarte mehr. Heute tankt man selbst. Der Tankwart sitzt drin im klimatisierten Häuschen, verkauft Zigaretten, Schnaps und Tittenblättchen und sehnt sich nach der guten alten Zeit. 3. Mein nächster Traumberuf: Stuntman bzw. Privatdetektiv bzw. Kopfgeldjäger bzw. alles zusammen. Großen Einfluß übten die Idole meiner Kindheit, Colt Seavers, sowie Cody, Nick und Murray, das „Trio mit 4 Fäusten“ auf mich aus. Wenn Colt Seavers mit einem beherzten Reißen an seinem Lenkrad die Vorderräder seines Pick-Ups nach oben ziehen konnte, wenn Nick den verrosteten Hubschrauber alleine durch Beschimpfen doch noch einmal zum letzten Abheben bewegen konnte, dann wollte ich das auch können. Zum Glück konnte man mit den Kumpels an der Bushaltestelle die letzte Folge immer toll nachspielen. Zwar war es schwierig, Colt sein zu dürfen, aber irgendwann gingen die Leute aus der 4. Klasse ja an andere Schulen, zu denen man zu anderen Uhrzeiten und mit dem Triebwagen fuhr. War man ein Jahr lang eben Howie, na und: Im nächsten Schuljahr war man Colt. Eine Jodie gab es übrigens nie an der Bushaltestelle. In unserem Teil des Dorfes, an unserer Haltestelle gab es nur Jungs, jahrelang war hier kein Mädchen geboren worden. 4. Im 4. Schuljahr dann wollte ich dasselbe werden wie mein Vater, Arzt, dann aber doch lieber Tierarzt. Zusammen mit ein paar Klassenkameraden und Kameradinnen hätten wir eine ganze Kleintierklinik aufmachen können, so viele andere mögliche Tierärzte und Tierarzt-Helferinnen gab es in meiner Klasse. 5. Als Kind hatte ich mit etwa vier Jahren schon immer Recht gehabt, konnte es nur auf Grund der körperlichen Unterlegenheit meinen Eltern gegenüber nicht durchsetzen. Auch wenn ich so laut schreien konnte, daß das ganze Dorf es hören mußte, blieb ich erfolglos. Mit dem Abi in der Tasche entschied ich mich, Jura zu studieren. Jura war bestimmt toll! Ständig konnte man unschuldige Leute vor dem Knast retten, man hatte einen wie Matula als Privatdetektiv an der Seite, der nicht nur einen Billardtisch besaß, sondern sich auch immer von irgendwem vermöbeln ließ, was einen selbst vor Schlimmerem schützte. Nach drei Wochen in Zivilrechtsvorlesungen entdeckte ich im BGB mehrere Paragraphen zum Bienenrecht. Zusammen mit dem Fund meines Lieblings-BGB-Paragraphen „Der Einzug in eine fremde besetzte Bienenwohnung“ wurde mir klar, daß ich hier falsch war. Statt den Gesetzestext näher durchzulesen stellte ich mir vor, wie ich mit Sack und Pack in einen Bienenstock einzog. Der Möbelwagen hielt, zusammen mit ein paar Kumpels schleppten wir meine Couch, das Bett und den Kleiderschrank rein. Das mit dem Kleiderschrank war ein bisschen schwierig, weil der Bienenstock sich oben verengte, aber nachdem wir das festgestellt hatten, hatte einer meiner Freunde die Idee, den Schrank als Raumtrenner zu nehmen. Währenddessen flogen immer wieder die eigentlichen Bewohner rein und raus, versuchten verzweifelt, den Bienenstockbesitzer auf dem handy zu erreichen, aber ohne Erfolg. Ein bisschen störte mich die Hitze im Stock, aber in einen Bienenstock hat man schnell ein Loch reingehauen und ein Fenster eingesetzt. Oben auf dem Dach noch schnell eine Antenne festgesteckt und die Stereoanlage an den Strom angeschlossen. Der Pizzabote staunte nicht schlecht, als wir im Bienenstock die Tür aufmachten und unsere Lieferung in Empfang nahmen… 6. Nach einem Semester entschied ich mich, irgendwas mit Medien zu machen. Illustration: Daniela Pass