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Ich fahre nach Hause zum 60. Geburtstag meines Vaters und bleibe dort ein paar Tage, treffe mich mit alten Freunden, besuche das Altenheim, in dem ich meinen Zivildienst gemacht habe und treffe dort auf Marita, eine meiner damaligen Lieblingskolleginnen. „Wie sieht es mit einem Job aus, Florian? Immer noch nix?“ „Nee. Ich schreibe Bewerbungen und Bewerbungen, aber es kommt nix bei rum. Wenn mich mal jemand zum Vorstellungsgespräch einladen würde, dann würde ich das dort fest machen, aber es lädt mich halt keiner ein. Was machst Du so? Wie geht’s Deiner Familie?“ Und dann fängt sie an zu erzählen, von ihrem Sohn Tomas. Tomas arbeitet seit mehr als zehn Jahren als Industriemechaniker bei einem großen Automobilzulieferer. Er hat dort seine Lehre gemacht, leistet gute Arbeit und bekam dann Ende letzten Jahres auf einer Versammlung in der Firma mitgeteilt, dass seine Abteilung ausgelagert werden solle. In Deutschland werde zu teuer produziert, deswegen verlege man die Abteilung nach Rumänien. Die entsetzten Gesichter von Tomas und seinen Kollegen vor sich, machte der Mann von der Firma dann aber ein „Angebot, dass man nicht ablehnen“ könne. „Das heißt aber nicht, dass Ihr Euren Job hier verliert, denn Ihr dürft gerne mitkommen nach Rumänien!“ „Nach Rumänien!!!“ Marita, die aus Mazedonien stammt, ist entsetzt. „Da sind wir einmal durchgefahren, als Krieg in Jugoslawien war. Da gibt es nichts! Da sieht’s noch tausendmal schlimmer aus als in meiner Heimat, viel schlimmer.“ Weiter gebe es einen Sozialplan, damit die älteren Arbeiter, die am längsten im Betrieb sind, woanders im Betrieb unterkommen könnten, teilte der Mann aus der Finanzabteilung mit. Nach einem komplizierten Punktesystem wurde festgestellt, dass Tomas leider drei Punkte zu wenig habe, um irgendwo anders im Betrieb beschäftigt zu werden. Bleiben die beiden Alternativen „Arbeitslosigkeit“ oder „Rumänien“. Da Rumänien ausscheidet, entscheidet er sich für Arbeitslosigkeit, wird beim Arbeitsamt vorstellig. Industriemechaniker, 27 Jahre, erstklassige Referenzen. Der Mann beim Arbeitsamt ist höchst erfreut. Er strahlt von Ohr zu Ohr, dann teilt er Tomas mit, dass er da genau das Richtige für ihn habe, denn gerade sei von einer großen Firma ein Suchangebot eingegangen. Man suche Industriemechaniker! Tomas kann sein Glück nicht fassen, Arbeitslosigkeit oder Rumänien sind durch die Alternative „Arbeit“ ersetzt worden. „Das wäre zwar nur als Aushilfe und keine feste Stelle, aber immerhin würden Sie etwas verdienen.“ „Und wie heißt die Firma?“ Der Mann vom Arbeitsamt nennt den Namen von Tomas altem Arbeitgeber, der ihn nach Rumänien bzw. in die Arbeitslosigkeit schicken will. Tomas versteht. Als Fachkraft ist er zu teuer, als Aushilfe würde er das leisten, was er als Fachkraft leistet, nur zu einem weit günstigeren Lohn. Die Firma nutzt das und dazu das Arbeitsamt aus, und das Arbeitsamt lässt sich ausnutzen, um Tomas von seiner alten Firma ausnutzen zu lassen. Tomas steht auf, nachdem er dem Menschen vom Arbeitsamt mitgeteilt hat, dass die genannte Firma die Firma ist, die ihn zum Jahresende entlassen will und lässt ihn zurück. Anscheinend sind hier alle bekloppt geworden. Tomas geht zu dem Menschen in seiner Firma, der für seine Abteilung und deren Verlegung nach Rumänien verantwortlich ist und spricht ihn auf sein Erlebnis auf dem Arbeitsamt an. Warum werden einerseits hochqualifizierte Mitarbeiter entlassen, andererseits aber das Arbeitsamt beauftragt, ebensolche als billige Aushilfen anzustellen? Doch dieser teilt ihm nur mit, er werde im neuen Jahr noch drei Monate sein Gehalt erhalten, solle sich aber währenddessen und überhaupt nicht mehr in der Firma blicken lassen. Über einen Kumpel erfährt Tomas, dass eine andere Abteilung einen Industriemechaniker sucht. Der Kumpel ist gut befreundet mit dem Chef der anderen Abteilung. Tomas schreibt eine Bewerbung, fügt die erstklassigen Zeugnisse seines bisherigen Vorgesetzten an und gibt die Mappe in der anderen Abteilung ab. Der dortige Chef ist begeistert, ruft Tomas einen Tag später zu sich und gratuliert ihm zum neuen Job. Die Arbeitspapiere werden fertig gemacht und unterschrieben. Tomas geht noch einmal zu dem Menschen, der ihn zuerst nach Rumänien schicken und dann im neuen Jahr nicht mehr in der Firma sehen wollte und fragt, wie er denn jetzt seinen zweiten Wunsch erfüllen könne, wo er doch im neuen Jahr in der anderen Abteilung arbeiten werde. Der Verwaltungsmann bekommt einen puterroten Kopf und weist ihn mit den Worten „Tun Sie ihre Arbeit, Hauptsache ICH muss SIE nicht mehr sehen“ aus dem Zimmer. Ja, anscheinend sind die alle wirklich bekloppt geworden. Nur warum hat man davon nichts mitgekriegt? Und wann ist das passiert? Ich trinke noch einen Kaffee mit Marita, sage den Alten, die ich noch kenne „Guten Tag“ und freue mich, wenn sie mich wieder erkennen. Ich hätte nie studieren sollen, hier mag man mich und wenn die alten Menschen verwirrt sind und auch mal schimpfen, dann hat man Verständnis dafür, weil in Ihrer Patienten-Akte „Demenz“ oder „Depression“ steht. Illustration: Daniela Pass