352621

Die Sonne scheint durch die Hochhausschluchten Manhattans, es ist kurz nach acht Uhr am Morgen. An der Grand Central Station verteilen sich die Menschen wie Ameisen auf den U-Bahnhöfen und in den Straßen. Der Bus M42 Crosstown fährt seine Haltestelle gegenüber des großen Bahnhofes an, Menschen zücken ihre Metrokarten, eilen, doch der Busfahrer macht mit den Händen eine abwehrende Geste. Stoppen, stutzen. „Oh God, yes!“, ruft eine üppige, schwarze Frau: „The UN is on!“ Und ja, das ist sie wirklich. Seit Dienstag vergangener Woche tagt die WG-Küche der Welt, die UN-Vollversammlung, die General Assembly. Seit dieser Woche versammeln sich nun die Staats- und Regierungschefs der Welt zur General Debate. Kofi Annan erklärt und verteidigt – ein letztes Mal – die Politik der UN des vergangenen Jahres. Bush, Ahmadinedschad und all die Gesichter aus den Fernsehnachrichten laufen auf, geben ihre Meinung zur UN ab und schlagen neue Strategien vor. Das iranische Staatsoberhaupt zum Beispiel verspricht einen Plan zur Lösung der großen Probleme der Menschheit. Für wenige Tage ist das UN-Hauptquartier tatsächlich, was es eigentlich immer sein sollte: das Zentrum der Weltpolitik. Die Straßen rund um das UN-Hauptquartier sind komplett gesperrt, schon zwei Blöcke entfernt beginnen die ersten Polizeikontrollen, große Betonklötze und Metallzäune versperren die Geh- und Fahrwege, Sicherheitskräfte in Schwarz säumen den Weg, über all dem kreisen Helikopter. Aus einem der Fenster Richtung East River sieht man ein Polizeiboot patroullieren, im Fluß schwimmen Froschmänner auf- und ab, auf den umliegenden Dächern liegen Männer mit großen Gewehren und während George W. Bush im Haus ist, blockt ein Störsignal alle Mobiltelefone. Auch wenn das goldene Emblem in der Assembly Hall und der dunkle Granit hinter den Rednern der Versammlung eine tiefe Würde verleiht, auch wenn die Aufregung in den Straßen vor dem Gebäude und in der Cafeteria noch größer ist als sonst - dieser WG-Küche namens UN sieht man von innen jede Sekunde an, welchen Stellenwert sie für die Weltpolitik hat: einen geringen. Auf dem Flur sagte jemand, die New Yorker Polizei habe ein höheres Budget als die Vereinten Nationen und angesichts der seit 1946 kaum erneuerten Büros mag man das gerne glauben. Die Räume sind oft grau und eng, die Versammlungssäle ähneln in ihrem Charme den DDR-Prachtbauten in Berlin, nur dass sie ohne kommunistischen Firlefanz auskommen und gepflegter sind. Dafür sind zumindest die offiziellen Bereiche mir allerlei bizarrem Kitsch aus den UN-Mitgliedsstaaten geschmückt, vor allem mit wunderlichen Wandteppichen die wahlweise Picassos „Guernica“ oder auf 15 mal 10 Metern die Chinesische Mauer zeigen. Hier wird nicht mit Waffen gekämpft, sondern mit Geschenken an die UN. Für all dies entschädigt der Ausblick. Wahlweise aus der Bibliothek auf den UN-Vorplatz, auf dem die schwarzen Limousinen der Regierungschefs, Könige und Diktatoren vorfahren. Oder, sicherlich besser, aus dem 28. Stock mit Sicht auf Manhattan: Die Hochhäuser der Halbinsel sind verdammt nah und verdammt eindrucksvoll und die Praktikantinnen rennen regelmäßig auf eine dieser Toiletten in den oberen Stockwerken, die tatsächlich ein Panoramafenster hat. Was die UN an antiker Einrichtung, Schmucklosigkeit und Enge zu erleiden hat, das macht sie mit Personenkult und Pathos wett. Kaum ein Gang, der nicht mit den Portraits der bisherigen Generalsekretäre behangen ist. Und wenn Kofi Annan das Gebäude betritt, wird es über die Flurlautsprecher verkündet, es ist ein bisschen wie bei Elvis. Aber bald, ganz bald, wird Annan das Gebäude für immer verlassen und nur noch als Gemälde anwesend sein. Wer ihm folgen wird ist noch immer vollkommen unklar. Noch stehen mir alle Türen offen. Jene einmal ausgenommen, vor denen gerade George Bushs Sicherheitsmänner stehen und grimmig schauen. Illustration: Hanna-Fiegenbaum