Mit fast jedem Schritt durch das Haus, nach jedem Telefonat oder Meeting steigt die Verwunderung über diese weltweite Friedensverwaltung. Ständig höre ich mich selbst „Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine“ murmeln, weil ich wieder einmal überrascht bin, wie kompliziert Verwaltung und Diplomatie sind (natürlich unnötigerweise, wie ich finde, aber alte UN-Hasen lassen ab und an durchblicken, dass man ja froh sein könne, dass es überhaupt diese UN gebe) und wie gering im Vergleich das ist, was die Vereinten Nationen als Ganzes überhaupt tun können. Dagegen wie es sich tatsächlich verhält, ist die Auflistung der letzten Woche ein Witz. Ich habe die Aufgabe auf halber Strecke aufgehört zu lösen. Statt einem Ergebnis näher zu kommen, wuchsen vielmehr die Parameter, mit jedem Schritt, dem ich dem Gesamtkomplex näher kam.

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Die Pressefrau der deutschen Vertretung bei den Vereinten Nationen, der so genannten „Deutschen Mission“, die bei einem Besuch die Fragen der UN-Praktikanten beantwortete, lachte viel und grinste schelmisch. Man kann es verstehen und ich neide es ihr ein bisschen: Vieles hier ist so wirr, so unsinnig, dass man es entweder mit gutem Humor nimmt – oder zynisch wird. Etwa dann, wenn man sich das Wahlprocedere zum Generalsekretär ansieht. Das Geheimnis des Generalsekretärs Während fast alle Vorgänge bis ins kleinste Detail geregelt und reguliert sind, sind UN Charter und sonstige Ausführungen ausgerechnet bei diesem ungemein wichtigen Prozess vollkommen schwammig. Nur soviel steht fest: Gewählt wird der Generalsekretär durch die Vollversammlung auf Vorschlag des Sicherheitsrates. „Auf Vorschlag“ heißt dabei eigentlich: Der Sicherheitsrat bestimmt, die Vollversammlung nickt ab. Wie aber der Sicherheitsrat zu seinem Vorschlag kommt, ist nirgends geregelt. In den ersten Jahren der UN gab es daher einfach unendlich viele Wahlgänge, bis irgendeine der Parteien des Hickhacks müde war. Einmal, in den 50ern, wählte die Vollversammlung einen Generalsekretär ohne Vorschlag nochmals, weil der Sicherheitsrat zu keinem Entschluss kam. Mittlerweile gibt es so genannte „Straw Polls“, also Meinungsumfragen, bei denen die Mitglieder des Sicherheitsrates die im Rennen befindlichen Kadidaten ermutigen, ablehnen oder neutral werten. Zur Frage, ob nicht langsam mal eine Frau dieses Amt begleiten sollte und ob der nächste Generalsekretär aus dem asiatischen Raum kommen sollte, gibt es ebenfalls nichts Habbares: Geschlechtergleichheit wird angeraten, aber nicht festgelegt, ebenso wie die Zielsetzung Generalsekretären aus möglichst allen Regionen der Welt eine Chance zu geben, banal gesagt. Im Moment sind sieben Kandidaten im Rennen: • Der ehemalige Finanzminister Afghanistans, Ashraf Ghani. • Shashi Tharoor, Diplomat aus Indien und zur Zeit Untergeneralsekretär der UN in der Informationsabteilung (ein enger Vertrauter Annans, der dessen Wahl maßgeblich organisierte, wie man hört) • Der jordanische Prinz Zeid Raad Zeid al-Hussein. • Die litauische Präsidentin Vaira Vike-Freiberga (die von einem Rotationsprinzip zu ihren Gunsten nichts wissen will – immerhin kam noch keine Generalsekretär aus Osteuropa). • Jayantha Dhanapala aus Sri Lanka, der früher bei der UN leitend für Entwaffnung zuständig war • Surakiart Sathirathai, ehemaliger stellvertretender Premierminister aus Thailand (durch den erzwungenen Regierungswechsel in Thailand mittlerweile faktisch aus dem Rennen) • Und der Außenminister Südkoreas, Ban Ki-Moon, der bislang am besten in den Vorwahlen abschnitt (und dessen Regierung parallel zur Kandidatur ihre Beiträge an die UN und vor allem die im Sicherheitsrat befindlichen Länder gewaltig angehoben hat) Ob das unklare Procedere und die offene Situation Außenseiterchancen wahrscheinlicher machen oder ob hinter verschlossenen Türen bereits mehr geregelt ist, als man öffentlich weiß, das ist nicht einmal am UN Plaza hier im Hauptquartier zu erfahren. Beziehungsweise gerade hier nicht: Die politischen Gremien der UN, in denen die Länder sitzen, und die Verwaltung unter Kofi Annan, das sind zwei Welten für sich. Was den Weg von hier aus zum Amt des Generalsekretärs nicht unbedingt einfacher macht. Meet the SG Die beste Geschichte der letzten Woche vom langen Weg zum höchsten Amt der UN allerdings erzählte Carlos, ein beinahe typischer Spanier – von seinem britischen Gestus, von seiner distinguierten Weise, sich durch den Bart zu fahren, einmal abgesehen. Von seinem Vorgesetzten wurde er ins oberste Stockwerk geschickt – das Generalsekretärsstockwerk. Er steigt also mitsamt den abzuliefernden Papieren in den Aufzug, ist aufgeregt und fährt nach oben. Dort öffnet sich die Tür. Noch ehe Carlos sich nur einen Meter bewegt hat, ist er blind, in einem derartigen Gewitter der Photoblitze findet er sich wieder. Und sie haben sicher nicht auf ihn gewartet. Keine drei Augenblicke später erklingt das helle „Ding!“ des Aufzuges nochmals und das eigentliche Objekt der Begierde entsteigt dem Fahrstuhl: Der „SG“, wie man im Haus sagt, der Secretary General, Mr. Kofi Annan. Von seinem eigenen, kleinen Auftritt peinlich berührt, verdrückt sich Carlos an die nächste Wand, während Annan, sein Tross und die Photographen an ihm vorbeiziehen und Carlos will einfach nur durch die nächste Tür entschwinden. Er greift zur nächsten Türklinke – und wird von einem Sicherheitsmann rüde ermahnt: Junger Mann, da gehen sie besser nicht hinein. Carlos schaut groß und fragend. Der Sicherheitsmann lächelt: It’s the ladies restroom.