Mein Praktikum als UN-Generalsekretär (Schluss): Den Lebenslauf geadelt

Zwei Monate hatte sich Sebastian Klein gegeben, den Job des UN-Generalsekretärs an sich zu reißen. In dieser Hinsicht ist er leider gescheitert. Dafür erklärt er heute, wie man zu einem Praktikum bei den Vereinten Nationen kommt und er sinniert, quasi letzte Amtshandlung, vor einer Sportsbar.
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Letzten Samstag, gegen Mitternacht, war meine Zeit als Praktikant bei den Vereinten Nationen endgültig vorbei. Ich stand bei einem Bier in einer lächerlichen Sportsbar mit überdimensionierten Fernsehschirmen an jeder Wand und betrachtete die Schar der UN-Praktikanten, die sich beschwipst in Smalltalk übte. Manche der Mädchen hatten sich, recht neckisch, Teufelshörnchen oder Katzenöhrchen ins Haar gesteckt, schließlich war Halloween. Die meisten waren aber so freundlich und gleichgültig wie auch sonst und plauderten über ihre Aufgaben am Arbeitsplatz, über die Wohnsituation und New York im Allgemeinen. Die gleichen, ermüdenden Themen, die schon seit zwei Monaten der soziale Kitt dieser Gruppe gewesen waren. Ich trank mein Bier aus und trat vor die Sportsbar. Es war irre kalt, ich zog meinen Mantel zu und ich wusste, ich würde dem Tross nicht in die eine Straßenecke weiter gelegene Absturzdisco mit Freibier für 20 Dollar Eintritt folgen. Ich wollte hier einfach nur so schnell wie möglich weg. Ich erinnerte mich an den Abend, als ich die Zusage für dieses Praktikum bekommen hatte: Echter Jubel, echte Freude.

Illu: Fiegenbaum Ich hatte mich in einer konzentrierten Aktion auf mehrere Praktika bei der UN und ihren Organisationen beworben, unter anderem bei einem Entwicklungsprogramm in Sierra Leone, von wo ich aber nach einer Empfangsbestätigung nie wieder eine Meldung bekam. Und auch die Onlinebewerbung über die Homepage des Internship Programmes hatte ich bald beinahe wieder vergessen, die Wahrscheinlichkeit war einfach zu gering. Wer sich ernsthaft für dieses Praktikum interessiert, sollte jedenfalls recht gutes Englisch sprechen. Französisch ist zum Teil Bedingung, aber nicht überall. Insgesamt macht es sich sehr gut, wenn man zumindest halbwegs guten Gewissens drei bis vier Sprachen in seinem Lebenslauf notieren kann. Auch Auslandsaufenthalte sind sehr gefragt und natürlich sind die Woche Sprachkurs in Mexiko plus anschließendes Tingeln durchs Land und Hängen am Strand eine Sprachreise. Ausgewählt werden aus den Bewerbern angeblich die Besten - nach welchen Kriterien ist mir aber beim Anblick der Praktikanten einigermaßen schleierhaft. Das Praktikum war insgesamt nicht ganz schlecht. Natürlich war es aufregend, so nahe an große Politik heranzukommen. Den Konvoi von George Bush vorfahren zu sehen. Ahmadinedschads Entourage in der Lobby stehen zu sehen. Kofi Annan die Hand zu schütteln. Den Botschafter dieses und die Botschafterin jenes Landes in einer Ausschusssitzung vortragen zu hören. Schnellen Schrittes durch das Geschoss der Konferenzräume zu gehen. In der Cafeteria zu sitzen und zwischen all den Landesvertretern Espresso zu trinken. Aber es gab, das soll nicht verschwiegen werden, auch zu viele Tage der gepflegten Langeweile. Es wird sich, so viel ist sicher, bestimmt gut im Lebenslauf machen. Vor allem aber, dachte ich, immer noch vor der Tür der Sportsbar stehend, würde ich jeder Zeit wieder in dieser wirren, lauten, hässlichen Stadt leben wollen. New York. Ich ging los. Der Abend hatte gerade erst begonnen.