Es wird Herbst, auch in New York. Die Sonne scheint seltener, bei Nacht ohne Wintermantel aus dem Haus zu gehen ist nicht einfach nur fahrlässig, sondern richtiggehend dumm. Kalt zieht der Wind von Hudson River und East River. Und auch die allseitige Euphorie über die Zeit bei den Vereinten Nationen kühlt merklich ab. Die Aufregung, die Freude, die Spannung verpuffen mit jedem Tag ein bisschen.

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Am Montagmorgen treffe ich in der Schlange zum täglichen Security Check Benedetto aus Florenz. Er fällt heute zwischen den anderen auf, und das hat einen Grund: Er trägt weder Anzug, noch Krawatte, weder Hemd, noch Lederschuhe. Benedetto grinst, zuckt mit den Schultern, schaut etwas müde, sagt: „Es kümmert keinen, wie ich rumlaufe. Es kümmert ja auch keinen, was ich hier überhaupt mache.“ Sein Praktikum langweilt ihn, aber immerhin macht Benedetto das Beste daraus. Statt ins Büro zu gehen besucht er einen von der UN veranstalteten Kongress mit dem recht grob geschnitzten Titel „Unlearning Intolerance“, bei dem internationale Karikaturisten über ihren Job und ihre Verantwortung sprechen. Benedetto sagt: „Everything is better than work.“ Später am Tag, in der Mittagspause, versammeln sich in einem kleinen, zum UN-Gelände gehörigen Park ein paar Hundert Mitarbeiter. Viele von ihnen haben weiße T-Shirts über die Kostüme und Anzüge gezogen, was etwas beknackt aussieht, ein bisschen so, als würden Bänker Hiphop-Klamotten auftragen. Auf den T-Shirts steht „Stand Up“ und in wenigen Augenblicken werden all diese Menschen auf dem Rasen in die Knie gehen, gemeinschaftlich aufstehen und hernach eine Erklärung gegen die weltweite Armut und für die Verantwortung der Staats- und Regierungschefs vorlesen.

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Bereits vor sechs Jahren wurden die so genannten Millenium Development Goals ausgerufen, Minimalziele der Weltpolitik. Unter anderem stand – und steht – die Abschaffung größter Armut auf dem Plan. Ein hehres, aber theoretisch doch zu erreichendes Ziel. Passiert ist seitdem allerdings nicht viel. Und genau das ist der Grund, warum sich diese Menschen hier versammelt haben: Um ein Zeichen zu setzen, um einen Eintrag in das Guinnessbuch der Rekorde zu erreichen, vor allem aber um die Politiker der Nationen an die gemeinschaftlich beschlossenen Ziele zu erinnern. Die Aktion ist eine gute Sache, aber auch ein Akt der Hilflosigkeit. Die UNO selbst kann nichts tun, was die Staats- und Regierungschefs nicht ausdrücklich fördern. Aber für Staats- und Regierungschefs gibt es oftmals Wichtigeres als idealistische Weltpolitik – Wahlen, Skandale, Umfragen. Ob dagegen ein derart symbolischer Akt hilft? Doch zwischen dem aufziehenden, abgekühlten Realismus gibt es auch immer wieder und immer noch diejenigen, die nicht nur daran glauben, dass hier Veränderung geschehen kann, sondern die sie auch machen. Selbst, von Hand, an den großen Steinen, langsam – aber eben doch. Jan Martin Munz und Christina Apel sind die Jugenddelegierten der Deutschen Mission bei den Vereinten Nationen und ständig auf den Fluren des Hauses unterwegs. Tagsüber trifft man sie vor den Konferenzsälen, meist im Gespräch mit Delegierten, abends sitzen sie in der Delegates Lounge mit Blick auf den East River und auch da versuchen sie die Vertreter der Länder in der Generalversammlung von ihrem Anliegen zu überzeugen. Ihr Anliegen, das ist eine größere Mitsprache für die Jugend der Welt und bessere Lebensbedingungen und Ausbildungsmöglichkeiten für alle jungen Menschen der Welt. Im nächsten Jahr wird die UN-Vollversammlung diese Themen diskutieren. Jan und Christina arbeiten jetzt schon auf Hochtouren an einem Entwurf für einen möglichen Beschluss. Dafür sind sie im letzten Jahr kreuz und quer durch Deutschland gereist, um zu erfahren, was deutsche Jugendliche beschäftigt. Seit drei Wochen sind sie nun in New York, um in Sitzungen und bei Hintergrundgesprächen möglichst viele Länder und Ländervertreter von ihrem Anliegen zu überzeugen. Jetzt, am Montagabend, sitzt Jan Martin Munz im „Austria Café“ im Untergeschoss der Vereinten Nationen, und ein bisschen sieht man ihm den Stress der letzten Wochen an. Doch Jan ist bester Dinge: Sie haben, schwierig genug, Verbündete gefunden, durften im Sozialausschuss der Vollversammlung vor den Länder der Welt ihre Position vorbringen und haben mit den anderen Jugenddelegierten eng zusammengearbeitet. „Man muss das realistisch sehen,“ sagt Jan, „hier gehen die Dinge schon sehr, sehr langsam voran – aber man kann trotzdem was bewegen. Wichtig ist nicht so sehr, wie viel sich der Stein bewegt, sondern dass er sich bewegt.“ Ab sofort kann sich wieder jeder als deutscher Jugenddelegierter bewerben, der genügend Zeit und Motivation mitbringt – und Vorerfahrung in der Jugendarbeit. Am Wochenende findet zudem in Bonn der Jugendkongress der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen statt, bei dem auch Jan Martin Munz und Christina Apel sein werden. Hier kannst du ihre Rede vor der UN-Generalversammlung als Stream ansehen. Foto: ap; Illustration: Fiegenbaum