Warum nicht Straßenbahnfahrer werden?

Arbeiten, um zu leben oder leben, um zu arbeiten? florian-lamp erzählt davon, wie sich sein Leben nach dem Studium verändert hat.
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Es ist kurz nach acht, als ich vor dem Ausbildungszentrum Straßenbahn in der Siegfriedstraße parke. Draußen ist es eiskalt und eigentlich habe ich meinen Termin erst um neun, aber ich hab es nicht geregelt bekommen, die passende Straßenbahnstation zu finden. Außerdem war ich wohl auch ein bisschen zu aufgeregt. Ich hatte zwar nie den Wunsch, Lokführer zu werden, aber wenn man dann mal die Chance hat… Nach zwei Zigaretten erkundige ich mich beim Pförtner, in welches Gebäude ich denn zum Straßenbahnfahren gehen muss. Im Gästeraum dort stehen verschiedene Straßenbahnmodelle in einer Glasvitrine. Ein Schild (rote Schrift auf weißem Grund) warnt: „A c h t u n g: Simulatorbetrieb! Diese Tür nicht ohne Zustimmung des verantwortlichen Ausbilders (Raum 209) öffnen!!!“ Ich wärme mich noch ein bisschen auf, eh ich dann um kurz nach neun auf Herrn Kurzawa treffe, seines Zeichens Fahrlehrer bei der BVG.

Bevor ich ihm mal schnell zeigen kann, wie elegant und sicher ich eine Straßenbahn steuern könnte, möchte er mir ein paar Fakten erzählen. Jeder Wagon wiege 20 bis 30 t, aneinandergehängt, wie es üblich sei, ergebe sich so ein Gesamtgewicht von 80 t, verteilt auf eine Gesamtlänge von 56 m. Die Gesamtlast werde lediglich getragen von einer Aufliegefläche von 1 cm² pro Rad. Okay, das hört sich jetzt viel an, aber ich habe auch mal einen Umzugs-LKW durch halb Amerika gefahren. Was gibt es schon Schwieriges beim Straßenbahnfahren. Man gibt Gas, man bremst, fertig. Wann ist der nächste Einstellungstest? Nicht so bald, derzeit sehe es schlecht aus mit Neueinstellungen. Schließlich müsse man überall Geld einsparen und so eine Ausbildung, die würde dann ja auch entsprechend lange dauern, nämlich genau 59 Tage. Nach dem ersten Eignungstest sortiere man ca. 50 Prozent aller Bewerber aus, mit dem Rest werde dann neun Tage lang die StVo sowie die Dienstvorschrift DFStrab gepaukt, nebenbei erste Simulatorfahrten unternommen. In den nächsten Phasen bekommt man als Straba-Fahrer gezeigt, wie man seine kaputte Bahn wieder zum Fahren bringt, wird auf dem Simulator geschult (vier Tage), zwischengeprüft in Theorie und Praxis, mache dann nach weiteren 18 Tagen zuerst seine praktische Prüfung auf den tschechischen Tatra- und zehn Tage später auf den Niederflurwagen, ehe man nochmals 18 Tage mit einem erfahrenen Fahrer mitfahre als sogenannter „Lehrfahrer“. 59 Tage??! Okay, man befördert Passagiere, aber das erscheint mir bei meinem fahrerischen Können doch eindeutig zu langwierig. Kurzawa selbst hat in diesem Beruf seinen Traumberuf gefunden. „Papa, Mama, Diesellok“, seien seine ersten dokumentierten Worte gewesen, seit seinem 13. Lebensjahr sei er in einem Verein, der alte Straßenbahnen saniere. Begeistert führt er mich durch die Straßenbahnwerkstatt. Hier erklärt er mir an Hand eines Straßenbahnfahrwerks, welches Teil damals am ICE in Eschede gebrochen sei, zeigt mir die Sandbetankungsanlage der Bahnen, die mit Hilfe von Feinsand bessere Bremsleistungen haben („Der Herbst ist das Glatteis der Straßenbahn!“), geht mit mir unter aufgebockte und über die Dächer anderer Bahnen. Als wir die Werkstatt verlassen, erzählt er von einem suizidalen Dackel, der ihm mal eine zehnminütige Verspätung beschert hatte, indem er einfach auf den Gleisen saß. Kaum war er ausgestiegen, hatte den Hund auf Seite geräumt und war wieder in seine Bahn gestiegen, saß das Tier wieder auf den Schienen. Erst eine mit ihrer Bahn entgegenkommende Kollegin habe ihm helfen können, den Hund gepackt und ihn mit seiner Bahn passieren lassen. Mit dem Erfolg, dass der traurige Hund nun immer wieder ihre Bahn blockierte. Endlich geht es in den Simulator. Ich nehme Platz auf dem Fahrersessel und bin wieder zurück in der Zeit, in der ich auf dem Gymnasium in Montabaur war. Jeden Morgen fuhren wir mit dem Triebwagen von Siershahn in die Kreisstadt. Wenn man nichts mit seinen Freunden und Kumpels zu bereden hatte, dann versuchte man, einen der leeren Fahrersitze, die es in jedem Triebwagen vorne und hinten gab, zu besetzen. Links hatte man so einen komischen Hebel, den man klackernd hoch und runter schieben konnte, genau wie jetzt auch hier in meiner Tatra-Straßenbahn. „Wo ist die Hupe“, frage ich Kurzawa als nächstes. Er deutet auf einen Hebel im Cockpit, mit dem gleichzeitig auch geblinkt wird. „Da dran ziehen.“ Im Triebwagen früher konnte man, wenn jemand von der Bahn vergessen hatte, den Fußraum zu versperren, mit dem Fuß den Hup-Knopf drücken. Das hatte ich rausgefunden, als ich es mir einmal im Montabaurer Bahnhof auf einem Fahrersitz bequem gemacht hatte und gedankenlos mit dem Fuß am silbernen Knopf im Fußraum herumgespielt hatte. Ständig drückte irgendein Idiot die Hupe! Ich ärgerte mich, Scheißschule, Scheißhupe. Nach fünf Minuten hatte ich herausgefunden, wer der Arsch mit der Hupe gewesen war. Auf der Heimfahrt nach Siershahn grüßte ich mit der Hupe die auf den Äckern stehenden Kühe. Kurzawa erklärt mir, wie ich blinke, Weichen stelle, mit dem Klackerhebel Gas gebe und bremse, dann geht es los und er gibt einem Kollegen im Computerraum das Okay, die Fahrt starten zu lassen. Der Simulator ruckelt und ich drücke den Hebel nach vorne. Die erste Haltestelle. Ich bremse ab, aber keiner der virtuellen Passagiere will einsteigen. Auch egal, gerade Strecke jetzt vor mir. „Sie können gerne mehr Gas geben!“ Mach ich doch gleich. An einer Seitenstraße steht ein grauer LKW - und fährt mir genau vor die Spur, die Sau! Es kracht und rumpelt, aus dem Computerraum meldet sich Kurzawas Kollege: „Na, das war ja jetzt 'n schöner Crash!“ „Lass uns doch noch mal von hier weiterfahren, ja!“ Der LKW ist verschwunden, ich fahre jetzt langsamer und vorsichtiger. Glaube ich jedenfalls. „Bei Gleisen höchstens 20 fahren“, ermahnt mich Kurzawa und als ich auf den Tacho sehe, zeigt dieser knapp 40 an. Endlich kommt wieder eine gerade Strecke, rechts und links mehrspurige Straßen. Im letzten Augenblick bemerke ich einen roten Geländewagen. Vollbremsung, aber trotzdem erwische ich ihn am Heck. „Wozu braucht man in der Stadt auch einen SUV? Geschieht dem nur Recht…“ Nachdem ich drei Minuten unfallfrei gefahren bin, verlange ich nach Lob von Herrn Kurzawa. „Na, aber jetzt geht’s doch ganz gut, oder?“ „Hm… wenn Sie an den beiden letzten Haltestellen gehalten hätten.“ Die Simulatorfahrt ist vorbei. Kurzawa bringt den Klackerhebel in die Leerlaufstellung und bemerkt dabei trocken: „Da haben Sie aber ordentlich Wasser aus der Kugel rausgedrückt!“ Ist aber bei zwei Unfällen doch nur allzu verständlich, dass man schwitzt! Meine Schlussfrage: „Herr Kurzawa, gibt es Leute, bei denen Sie nach einer Simulatorfahrt sagen: Neee. Das wird nie was mit Ihnen?“ Kurzawa grinst: „Nein, Sie hatten ja jetzt auch keinerlei Theorieteil vorher wie die Leute, die wir ausbilden.“ Illustration: Daniela Pass