Alexandra Hofmann
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Alexandra Hofmann studiert Psychologie und ist seit mehreren Jahren Mitglied des Österreichischen Weltraumforums (ÖWF). Das ÖWF organisiert regelmäßig Simulationen von Mars-Missionen und arbeitet mit internationalen Forschungseinrichtungen zusammen. Im Frühjahr fand so eine Simulation im Oman statt: Probe-Astronauten testeten vier Wochen lang Ausrüstungen und Arbeitsabläufe. Das Mission Support Center in Innsbruck steuerte den Einsatz. Alexandra untersucht, wie die Teams auf der Erde und dem Mars zusammenarbeiten. Wir haben mit ihr über das Projekt gesprochen. 

Alexandra, was genau war deine Aufgabe bei der Mars-Simulation?

Ich untersuche die Kommunikation zwischen den Teams. Es gibt einerseits die Menschen auf dem Mars und andererseits die auf der Erde. Das Team auf der Erde ist die Mission Control, was viele aus dem Fernsehen als „Houston“ kennen. Ich schaue mir an, wie die beiden Teams miteinander sprechen und miteinander arbeiten.

Die Teams kommunizieren über Chats. Wenn man auf dem Mars ist, hat man eine Zeitverschiebung von 20 Minuten pro Nachricht. Das ist so, als müsste man wichtige Dinge über Whatsapp kommunizieren – da antworten Menschen auch nicht sofort. Das ist total blöd. Ich untersuche, ob die Teams verstehen, wie sich das gegenüberliegende Team fühlt: Haben sie eine Ahnung, welche Probleme es gibt oder was gut läuft? Es ist wie eine Paartherapie zwischen Mars und Erde.

Wie läuft das ab?

Ich mache strukturierte Videotagebücher mit den Teilnehmern. Es gibt Fragen, die sie täglich beantworten. Dann werte ich die Tagebücher aus: Was sagt die Person? Wie lange spricht sie? Wie lange spricht sie über das eigene Team und wie lange über das andere? Spricht sie mehr über die Dinge, die gut geklappt haben, oder über Probleme? Solche Dinge kann man gut berechnen.

Was hast du bisher herausgefunden?

Wir sind gerade noch bei der Auswertung, aber was man sagen kann, ist, dass sich vor allem die Leute auf der Erde Mühe geben zu verstehen, was auf dem Mars passiert. Manchmal verfehlen sie aber, wo der Fokus der Astronautengruppe wirklich liegen könnte. Beispielsweise hatte das Bodenteam viel damit zu tun, dass es im Oman deutlich wärmer war als erwartet und so viele Experimente umgetimed werden mussten. Auf dem Mars beschwerten sich die Teilnehmer eher über langsames Internet. Ein weiterer Punkt ist, dass zum dritten Viertel der Mission das Stresslevel am höchsten ist. Da setzen Müdigkeit, Frust und der ein oder andere Konflikt ein. Das wurde schon vorher in der Forschung festgestellt und war bei uns genauso.

Wie können das Support Center und die Crew auf dem Mars überhaupt kommunizieren?

Wir haben dafür ein eigenes Computerprogramm, das die Teams auf der Erde und dem Mars verwenden. Im Chat werden den ganzen Tag Nachrichten geschrieben: Was gerade passiert, ob das Experiment geklappt hat, welche Steinproben eingesammelt wurden, wer Mittagspause macht, ob es jemandem nicht so gut geht. Man hat sonst ja keine Ahnung, was da oben läuft.

Wie arbeiten Teams zusammen, wenn sie nicht mal auf demselben Planeten sind?

Das macht es schwieriger. Wichtig ist, dass die Leute schon vorab gelernt haben, gut miteinander zu kommunizieren. Vorher üben die Teilnehmer, präzise und klar zu kommunizieren. Man muss seine Botschaften strukturieren und trotzdem empathisch bleiben. Auf der anderen Seite sitzen ja auch Menschen.

Die Crew auf dem Mars muss auf sehr engem Raum zusammenarbeiten. Wie funktioniert das?

Klare Regeln und Abläufe sind am wichtigsten dafür, dass Gruppen gut miteinander kooperieren. Es muss klar sein, wer wofür zuständig ist und warum welche Entscheidung gefällt wird. Außerdem haben wir herausgefunden, dass Rituale Gruppen stark binden. Das können Kleinigkeiten sein. Unsere Gruppen haben zum Beispiel einen „Morning Song“. Das bedeutet, dass jeden Tag eine Gruppe der anderen einen Link zu einem Lied schickt. Das ist total banal, aber es schweißt zusammen.

Welche Lieder sind das?

Meistens sind es Weltraum-bezogene Songs, wie zum Beispiel „Space Oddity“ von David Bowie – das dröhnt dann morgens um sieben Uhr aus dem Lautsprecher.

Was schweißt Teams noch zusammen, wenn sie so weit von einander entfernt arbeiten?

Sie müssen das Gefühl haben, dass man ihnen zuhört und sie Raum für ihre Fragen bekommen. Auch Herzlichkeit und Wärme schweißen zusammen. Das klingt immer so pathetisch, wird aber manchmal vergessen. Wir benutzten in unserem Chat dafür den Hashtag #compassion, also Mitgefühl. Wenn man merkt, jemand hatte einen schlechten Tag, sendet man kleine Gimmicks unter dem Hashtag, damit sich die Leute verstanden fühlen. Ich vergleiche das gerne mit Beziehungen: Es schweißt die Partner zusammen, wenn man das Gefühl hat, der andere versteht einen. Weltraum klingt immer nach etwas ganz Abgefahrenem, aber letztendlich wirft es uns auf die grundlegendsten Bedürfnisse zurück. Das sind ganz einfache Dinge wie Bindung, Freude und Teilhabe. Das, was alle kleinen Kinder schon drauf haben.

Wodurch entstehen Spannungen in Gruppen wie der Mars-Crew?

Physiologische Gründe wie Schlafentzug oder wenn Leute nicht genug essen. Das frustriert Gruppen total. Auch Stress führt zu Spannungen. Das kann durch Über- oder durch Unterforderung entstehen. Unterforderung war bei unserem Mars-Team kein Problem, weil es nur einen Monat „unterwegs“ war. Das wird aber ein Thema bei zukünftigen Mars-Reisen werden. Die sind zwei oder mehr Jahre unterwegs und sitzen relativ viel Zeit im Raumschiff ab. Das ist langweilig. Damit muss man auf jeden Fall rechnen und daran arbeiten.

Was kann man gegen die Langweile tun?

Es ist wichtig, Menschen zu finden, die das aushalten können. Dazu zähle ich Menschen, die schon einmal die Erfahrung gemacht haben, mit ihren Gedanken alleine zu sein und damit zurechtzukommen. Außerdem hoffe ich auf Impulse aus der Virtual Reality, die Menschen eine sensorisch komplexe Umwelt liefern, in die die Astronauten eintauchen können. Denn es verursacht Frust, dass der sensorische Input, also alles, was wir fühlen, riechen, schmecken oder sehen, im Weltraum viel geringer ist. Da kann sich das Gehirn schnell unterfordert fühlen. Wir bereiten Gruppen auch dahingehend vor, dass sie sich gezielt damit auseinandersetzen müssen.

Wodurch können sonst noch Spannungen in Gruppen entstehen?

Das Autonomie-Bedürfnis von Gruppen kann auch ein Problem werden. Je weiter eine Gruppe von der anderen entfernt ist, desto größer wird das Autonomie-Bedürfnis. Es könnte passieren, dass sich das Mars-Team als eigenständige Gruppe sieht und sein eigenes Ding machen will. Das ist natürlich nicht gut.  

Welche Vorraussetzungen muss man mitbringen, um an einer Mars-Simulation teilnehmen zu können?

Die Analog-Astronauten, die im Oman waren, mussten an einem Selektionsprozess teilnehmen. Sie mussten gesund und fit sein – so ein Raumanzug wiegt 50 Kilo. Außerdem war wichtig, dass man als Gruppe zusammenpasst. Wir haben für die Simulation eine Gruppe ausgesucht und keine Individuen. Auch alle, die im Mission Control Center saßen, haben Trainings absolviert. Die meisten waren Studenten, die in dem Bereich arbeiten oder arbeiten wollen und sich schon viel damit beschäftigt haben. Die meisten sind Naturwissenschaftler, aber es gab auch eine kleine Gruppe von Medizinern und Psychologen oder eine Gruppe von Leuten, die sich mit Medienarbeit beschäftigen.

Und wie sieht es bei einer echten Mars-Reise aus?

Bei einer echten Mars-Reise ist das natürlich anders, das sind echte Astronauten, die ausgewählt werden. Wenn man sich anschaut, wer zum Mond geflogen ist, sieht man, dass das sehr abenteuerlustige und draufgängerische Menschen waren, die oft einen Militärhintergrund hatten. Diese Expeditionen haben auch eine viel kürzere Zeitdauer, und damit andere Herausforderungen. Mars-Expeditionen funktionieren anders, die dauern länger. Man ist sehr lange isoliert und hat teilweise nicht viel zu tun, wenn alles richtig läuft. Man braucht Leute, die lange allein sein können, die genügsam und meditativ sind. Aber sie sollen trotzdem abenteuerlustig und keine Schlaftabletten sein. Man sucht das Mittelding zwischen einem Tiefseetaucher und einem Stubenhocker.

Wie arbeiten Teams aus Frauen und Männern zusammen?

Für das Gemeinschaftsgefühl finde ich es wichtig, dass Menschen nicht genderstereotyp sind, also nicht „zu männlich“ oder „zu weiblich“. Das sind die Aspekte, die zu Konflikten führen können. Das ist bei normalen Beziehungen auch so: Menschen, die nicht in ihrer „Geschlechterbox“ gefangen sind und dadurch viel mehr Variabilität in ihre Beziehungen übernehmen können, kommen besser miteinander klar.

Die Menschen, die Astronauten werden, sind – aus meiner Erfahrung – auch solche Menschen: Wir haben sehr abenteuerlustige Frauen und entspannte Männer, die zuhören können, um es mal platt zu sagen. Wir brauchen Menschen, die möglichst wenig in Kategorien denken, sei es in Bezug auf Gender, Nationalität, Alter oder Beruf.

Kann man die Simulation mit der echten Situation überhaupt vergleichen?

Gerade das Forschungsgebiet der Kommunikation kann man gut vergleichen. Es gab bei der Simulation Aufgaben und Experimente wie auf dem Mars. Auch der Kommunikations-Delay wurde genauso nachgestellt. Bei den letzten Simulationen war ich vor Ort und habe gemerkt, dass die Teilnehmer das ernst nehmen. Das ist so, wie wenn Leute Monopoly ernst nehmen und sagen, dass es Freundschaften zerstört. Auch die Bedingungen waren ähnlich: Es gab eine Essensrationierung und die Crew im Oman hat nur alle zwei bis drei Tage geduscht, weil sie testen sollten, wie es ist, Wasser zu sparen. Natürlich wissen wir nicht, wie es auf dem Mars wirklich ist. Bis wir dahin kommen, müssen wir diese Simulationen nutzen, um mit unserem Wissen so nah wie möglich an die echte Situation heranzukommen.

Würdest du selbst mal auf den Mars fliegen wollen?

Ich würde total gerne auf dem Mars stehen und mir das Spektakel ansehen. Aber ich bin sehr gerne auf der Erde. Ich bin auch nicht der Typ, den man dort hin schicken sollte. Ich bin ein sehr geselliger Mensch, ein Stammtisch-Typ, der gerne mit einem Bier im Park sitzt oder wandern geht. Nicht so der Typ, den man in ein Raumschiff stecken sollte.

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