Der Meister der Arschbombe

Über den Traum, mit einer Spaß-Sportart sein Leben zu finanzieren.
Von Christian Helten
Nach 20 Minuten ist die erste Badehose kaputt. Sauberer Riss neben der Naht am Gesäß, gut 15 Zentimeter. Christian Guth, Zwei-Millimeter-Frisur, Bart, Bacardi-Fledermaus-Tattoo zwischen den Schulterblättern, zieht sie aus, wirft sie kommentarlos zu seinen Sachen, kramt eine neue hervor und zieht sie über die mit Comic-Einhörnern bedruckte Leggins. Die trägt er, damit es seiner Haut nicht so geht wie seiner Badehose. Dann läuft Christian wieder zum Sprungturm. Er klettert auf den Zehnmeterturm, nimmt dabei zwei Stufen auf einmal. Oben: Anlauf, Salto, Schraube, Arschbombe. Das Wasser spritzt mehr als vier Meter hoch. Christian taucht auf und grinst.    

Bei einer Arschbombe kann die Hose schon mal verrutschen. Unter den Badeshorts trägt Christian Leggins, damit der Aufprall auf dem Wasser nicht so wehtut und keine blauen Flecken hinterlässt.

Fotos: Fabian Zapatka
Wenn Christian Arschbomben springen kann, ist alles in Ordnung. Dann stört keine kaputte Badehose. Dann ist es egal, dass hier im Berliner Olympiabad noch keiner seiner Showspringer zu sehen ist, obwohl ihre Show seit 20 Minuten laufen sollte. Dann ist egal, dass Christian heute Nacht nicht geschlafen hat und noch nicht mal ganz ausgenüchtert ist. Dann ist der Drucker vergessen, der streikte, als er heute früh die Haftungsausschluss- und Anmeldeformulare für den Berliner Splashdiving Cup drucken wollte, für den Event, dessen Veranstalter, Hauptattraktion und Moderator er heute ist. Dann sind auch all die Sorgen vergessen, die Christian sich machen müsste, weil es gerade generell nicht so läuft mit den Sponsoren. Dann ist es egal, dass ungewiss ist, ob Christians Plan wirklich aufgeht: ob man mit Arschbomben seinen Lebensunterhalt verdienen kann.  

Bääm!

Anlauf!

Die Menschen am Beckenrand unten sind in ein paar Sekunden nass.

Christian stammt aus einer Turnerfamilie und war in seiner Jugend Bayerischer Meister im Turnen.

Die Körperbeherrschung ist ihm nicht abhandengekommen. Fotos: Fabian Zapatka

Christian Guth ist das Gesicht und das Gehirn von Splashdiving, einer noch jungen Sportart, die die Akrobatik des Turmspringens mit dem größten Spaß kombiniert, den Jungs im Freibad haben können: der Arschbombe. Es gibt Regeln und Punktrichter, es gibt verschiedene Landungen mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden, sie heißen „Kartoffel“, „Yogi-Arschbombe“ oder „Offenes Brett“. Es gibt Deutsche Meisterschaften und sogar eine WM.  

Christian war Teil einer Clique im Freibad in Bayreuth, die sich all das vor mehr als zehn Jahren ausgedacht hat. 2004 wurde er der erste Weltmeister, den diese Sportart je hatte. Seitdem dreht sich so gut wie alles in seinem Leben um die Arschbombe. Christians Geschichte ist deshalb auch die Geschichte eines Menschen, der etwas versucht hat, wovon viele träumen: sein Hobby zum Beruf zu machen. Sein Geld mit der Tätigkeit zu verdienen, die einen am meisten erfüllt, die einen am glücklichsten macht. Das ist ohnehin schon nicht so leicht. Aber wie geht das, wenn das, was man am liebsten tut und am besten kann, Arschbomben vom Zehnmeterturm sind?

Die Arschbombe ist der lauteste Schrei nach Aufmerksamkeit, der im Freibad möglich ist.

Eine Stunde nach dem Hosenriss. Christian steht auf dem Siebenmeterturm, neben ihm ein Tonassistent mit Mikro vom ZDF, ein Kameramann filmt ihn von oben vom Zehner, wo auch der Redakteur steht und seine Fragen stellt. Wenn die Kamera gerade nicht läuft, zittert Christian ein bisschen, er zieht die Schultern fröstelnd hoch und legt sich sein Handtuch um. Sobald das rote Aufnahmelämpchen leuchtet, ist seine Körperspannung schlagartig wieder da, er wirkt wach und spricht fehlerfrei in die Kamera. Er war mit seinen Arschbomben schon zigmal im Fernsehen, allein bei „Galileo“ auf Pro 7 war er schon fast 50 Mal zu sehen. Manchmal bietet er den TV-Sendern gleich selbst Ideen für Beiträge an: 2011 filmte „Galileo“ einen seiner Weltrekordversuche, er sprang mit seinem Splashdiving-Team 24 Stunden lang Arschbomben vom Zehnmeterturm. Deshalb weiß er auch jetzt genau, was er dem Redakteur liefern muss – griffige Erklärungen, warum Gesäßlandungen aus zehn Metern und mehr nicht schmerzen: „Technik und Training. Ein Profi-Boxer weiß auch, wie man Schläge einsteckt.“ Emotionale O-Töne: „Jeder Absprung ist für mich ein Moment absoluter Freiheit.“ Und nach dem Interview natürlich Arschbomben in allen Variationen, inklusive aufgerissener Augen beim Anlauf oder eines kurzen Tänzelns an der Kante des Sprungbretts, wenn er sich zum Rückwärtssalto umdreht.

Foto: Fabian Zapatka
Fotos: Fabian Zapatka

Im Prinzip macht Christian heute nichts anderes als ganz früher, im Freibad in Bayreuth. Er spielt den Entertainer. Das ist ja das wesentlichste Merkmal der Arschbombe: Sie ist der lauteste Schrei nach Aufmerksamkeit, der im Freibad möglich ist. Der Knall, wenn der Körper aufs Wasser trifft, die Wasserfontäne – all das sagt ja nichts anderes als: „Seht alle her, hier bin ich!“ Damals in Bayreuth ging es Christian und seinen Freunden darum, bis zu den älteren Damen auf der höchstgelegenen Stufe der treppenartig angelegten Liegewiese zu spritzen. Heute geht es um Medienaufmerksamkeit und Quoten. Keine der „Galileo“-Sendungen, in denen er zu sehen war, sagt Christian stolz, habe weniger als 13 Prozent der werberelevanten Zuschauer erreicht. Ein ziemlich guter Schnitt, vor allem verglichen mit den aktuellen Zuschauerzahlen. Im Freibad auffallen und Leute vor dem Fernseher fesseln – die Mechanismen, die da wirken, sind die gleichen. „Ich bin eben ein kleiner Selbstdarsteller“, sagt Christian. „Ich mag es, die Leute zu unterhalten.“  

Das Problem ist: Er muss noch viel mehr sein als ein Selbstdarsteller, wenn er vom Splashdiving leben will. Er muss kalkulieren und knallhart rechnen. Er muss Eventmanager, Martketingexperte und Sponsoreneintreiber sein. Was das heißt, lernt er gerade. Auch aus den Fehlern der vergangenen Jahre.  

Rekordversuch zur Saisoneröffnung: ein Sprung aus einem Hubschrauber in 43 Meter Höhe. Diese Arschbombe wäre fast Christians letzte gewesen.

  Seit 2013 hat Christian für Deutschland, Österreich und Tschechien die Lizenz für die Marke „Splashdiving“. Das heißt, er darf die offiziellen Meisterschaften und andere Events ausrichten und vermarkten. Einen Teil der Gewinne muss er an den Markeninhaber abgeben, an Oliver Schill. Er war damals in Bayreuth derjenige, der die Regeln der Sportart aufschrieb und aus dem Spaß auch ein Geschäft machte. Mit seiner Sportmarketingagentur Kultos Entertainment holte er nach und nach große Firmen ins Boot. Mentos sponserte die Weltmeisterschaften und andere Events, Nestlé zahlte für eine „Nestlé Schöller Poolbombs Tour“ durch sechs deutsche Schwimmbäder.  

In dieser Zeit merkt Christian: Mit seinem Hobby lässt sich Geld verdienen. Er bricht seine Ausbildung zum Veranstaltungskaufmann ab, auch weil sein Chef ihn dort hauptsächlich als billige Arbeitskraft nutzt und ihm nichts beibringt. Er steigt bei Oliver und Kultos Entertainment ein. Dort kann er seine Ausbildung beenden – und als amtierender Splashdiving-Weltmeister die Events organisieren, auf denen er die Hauptattraktion ist.  

Vor zwei Jahren bietet sich dann die Gelegenheit, die Splashdiving-Lizenz zu übernehmen. Christian greift zu. Er weiß, dass sich Splashdiving vermarkten lässt und wie man Veranstaltungen organisiert. Er ist Star und Mittelpunkt der kleinen Szene und voller Tatendrang. Und doch startet er denkbar schlecht. 

Nur springen reicht nicht. Christian muss Interviews geben,...

seiner Frau die Wertungen der Sprünge durchgeben

am nächsten Tag die Technik abbauen und zum Verleiher zurückbringen...

und dem Publikum die Regeln erklären.

Bei einem Show-Event im Mai 2013 will Christian einen neuen Rekord aufstellen: eine Arschbombe aus 43 Meter Höhe, gesprungen aus einem fliegenden Hubschrauber. Das Fernsehen ist dabei und filmt die Aktion. Ein Rekord als Eröffnung der Saison, das wäre eine schöne Geschichte, mit der Christian zu den Sponsoren fahren kann. Christian knackt die 43-Meter-Marke zwar – aber diese Arschbombe wäre fast seine letzte gewesen. „Im Ansatz des Sprungs war ich noch gerade“, erinnert sich Christian. Aber aus einem Helikopter zu springen ist etwas anderes als von einem Sprungturm. Als Christian die Luftverwirbelungen unter dem Hubschrauber verlässt, erfasst ihn der Wind. Er muss mit den Armen rudern, um zu korrigieren. Er schafft trotzdem nicht, was Voraussetzung wäre, um den Sprung ohne Verletzungen zu überstehen: beim Eintauchen in der Arschbombenhaltung hundertprozentig gerade zu sein und die Füße direkt unter der Wirbelsäule zu haben. Er trifft in leichter Rücklage auf die Wasseroberfläche. „Ich habe die Schmerzen gleich gespürt“, sagt Christian. Als er aus dem Wasser steigt, kommt ihm seine Freundin Lotte weinend entgegen, auch sie hat sofort gemerkt, dass etwas schiefgegangen ist. Christian gibt sich noch betont gelassen. „Alles gut“, sagt er immer wieder und spricht sogar noch ein paar Sätze in die Fernsehkameras, bevor er mit dem Krankenwagen abtransportiert wird. Diagnose in der Klinik: schwerer Bandscheibenvorfall und schwere Wirbelsäulenzerreißung. Christian muss zweimal operiert werden, die Narben am Rücken sind immer noch deutlich sichtbar. Er ist nur knapp einer Querschnittslähmung entkommen.  

 

Die Zeit nach dem missglückten Sprung ist hart. Der Unfall passierte drei Monate vor der geplanten Hochzeit, und Christian muss jetzt plötzlich sein Leben hinterfragen, seine sportliche und seine berufliche Zukunft. „Auch marketingtechnisch war das natürlich eine Katastrophe“, sagt Christian mit einem bitteren Lächeln. „Finde mal Sponsoren, wenn du als Lizenznehmer und Gesicht der Sportart gerade knapp einer Querschnittslähmung entgangen bist.“ Christians erste Saison ist gelaufen.  

Zurück beim Splashdiving Cup in Berlin. Irgendwann nach 12 Uhr, als der Zeitplan der Veranstaltung schon eineinhalb Stunden hinterherhinkt, schlurft ein Rudel verkaterter Typen ins Schwimmstadion: Christians Showteam und Freunde aus der Splashdiving-Szene. Dresscode: verspiegelte Sonnenbrillen, Caps und Energydrinks. Fast alle sind tätowiert und perfekt durchtrainiert, nur Jürgen, auf dessen Unterarm vom Handgelenk bis zum Ellenbogen in Reggaefarben der Schriftzug „Splashdiving“ prangt, erinnert von der Figur her an Bud Spencer. Er wird heute der Publikumsliebling. Seine Salti und Schrauben sind zwar längst nicht so perfekt wie die der Arschbomber mit den ausdefinierten Turmspringerkörpern. Aber seine Bomben verdrängen am meisten Wasser und spritzen am höchsten. Wenn er springt, stoppt der DJ jedes Mal kurz die Musik und wechselt zu einem eigens für Jürgen vorbereiteten Lied. Mal ist es „Wrecking Ball“, mal „I Believe I Can Fly“. Splashdiving-Humor.  

 

Der Tag vergeht ohne Rekordversuche und größere Zwischenfälle. Christian und seine Kumpels haben Spaß, ein paar Grundschüler freuen sich, dass sie beim Contest vom Dreimeterbrett mitmachen dürfen, nur für den kleinen Miguel endet es böse, er landet nach einem Salto auf Brust und Gesicht. Christian tröstet ihn höchstpersönlich, überhaupt ist er überall gleichzeitig: Er springt selbst. Er beantwortet Pressefragen. Mittlerweile sind auch Berliner Lokalzeitungen und ein dpa-Reporter angekommen. Er schnappt sich ein zweites Mikrofon und unterstützt den Moderator, der die verschiedenen Bombenvarianten nicht auseinanderhalten kann. Im gleichen Augenblick gibt er seiner Frau, die im Schatten auf einer Bierbank am Laptop sitzt, die Punktzahlen der Sprünge durch. In den fünf Minuten, in denen gerade mal niemand was von ihm will, isst er eine Portion Freibad-Pommes und raucht eine Zigarette. Von Müdigkeit keine Spur.  

 

Ein Teil des Freibadpublikums freut sich über die Arschbomben-Show, vielen ist sie aber auch egal: Sie schwimmen, blättern auf ihren Badetüchern in Zeitschriften, essen Eis. Die meisten sind hier, weil sie an einem Schönwettersonntag immer hier sind – und nicht wegen des Splashdivings. Christians Events sind keine Publikumsmagnete, zumindest noch nicht. Feste Geldgeber gibt es auch diese Saison nicht, heute hängt als einziges Sponsorenbanner das Logo eines lokalen Radiosenders am Sprungturm.  

Die Jury wägt ab, welche Wertung der Sprung verdient hat.

Foto: Fabian Zapatka

Wenn man ihn darauf anspricht, gibt Christian sich gelassen. Er habe sich auf die falschen Leute verlassen, auf eine Agentur, die Sponsoren für die Saison ranschaffen wollte, aber keine lieferte. Und als er das merkte und selbst eingriff, sei es zu spät gewesen; die Firmen hätten durchaus Interesse gehabt, aber die Budgets waren schon verplant. „Ich habe da ganz klar Fehler gemacht“, sagt er. „Aber die passieren mir nicht noch mal.“  

 

Klar ist: Viel Geld verdient Christian mit den Arschbomben auch dieses Jahr nicht. „Ich habe neulich mal gelesen, dass in Deutschland die Armutsgrenze bei etwas unter 1000 Euro im Monat liegt“, sagt er. „Da bin ich manchmal drunter.“ Um über die Runden zu kommen, muss er nebenbei als Kellner arbeiten, meistens bei einem Kumpel, der gerade dabei ist, eine Eventagentur aufzubauen.  

 

Christian stören diese Probleme nicht. Er redet darüber offen, ohne einen Anflug von Versagensangst. Jeglichen Erwartungsdruck lässt er einfach abprallen. Vor ein paar Tagen ist er 30 geworden, und weil der dreißigste Geburtstag auch ein Zeitpunkt fürs Bilanzziehen ist, musste er sich von Eltern und Bekannten kritische Fragen gefallen lassen. „Die denken alle, dass ich jetzt in einem Alter bin, wo ich mal ‚etwas Richtiges’ machen muss“, sagt er. Er versteht diese Fragen und die Denkweise der Leute, die sie stellen. Aber er lässt deren Definition von „etwas Richtiges“ einfach nicht gelten. Kellnernmüssen, das ist für ihn keine Schande. Und wenn der Juraprofessor seiner Frau ihn auf einer Univeranstaltung fragt, was er so mache, stellt er sich als Arschbombenweltmeister vor. „Ich bin gewohnt, Sachen zu machen, an denen ich Spaß habe. Und das werde ich weiterhin machen.“  

 

Natürlich klingen solche Sätze ein wenig floskelhaft. Ein wenig vielleicht auch nach zu viel Gedankenlosigkeit oder gar Naivität. Aber erstens glaubt man Christian diese Sätze, wenn man ein paar Tage mit ihm verbracht hat. Und zweitens ist es ja vielleicht genau das, was man braucht, wenn man ein so abseitiges Hobby wie Arschbomben zu seinem Beruf machen will: ein wenig Naivität und Gedankenlosigkeit. Vielleicht gibt einem das ja nicht nur den Mut, mit ausgebreiteten Beinen, Hintern voraus, vom Zehnmeterturm zu springen. Vielleicht gibt es einem auch den Mut, damit sein Geld verdienen zu wollen und nicht aufzugeben, wenn es nicht gleich klappt.  

 

Abends, gegen 18 Uhr. Das Berliner Olympiabad liegt mittlerweile halb im Schatten, der Contest ist vorbei. Es war ein langer Tag für Christian, man sieht ihm langsam an, dass er nicht geschlafen hat und heute wahrscheinlich an die 100 Sprünge hinter sich hat. Er sieht ein bisschen bleich und müde aus. Aber nicht so, wie ein 30-Jähriger aussieht, der müde ist, weil er den ganzen Tag Sport gemacht und davor eine Nacht gesoffen hat und jetzt echt nur noch ins Bett will. Sondern so, wie ein kleiner Junge aussieht, der kaum noch stehen kann vor Müdigkeit, aber unbedingt noch mal ins Wasser springen will.  

 

Christian geht in die Ecke hinter dem DJ-Pult. Dort steht ein Trampolin. Das wird er jetzt aufs Zehner tragen, ein letzter Höhepunkt für die Zuschauer, noch höhere Sprünge, noch mehr Salti und Schrauben, noch mehr Spritzwasser beim Eintauchen. Christian nimmt das Trampolin auf den Rücken und rennt damit zum Zehnerturm. Auf dem Weg bleibt er kurz beim DJ stehen. Leise raunt er ihm etwas zu: „Vollgas jetzt.“