Sohn und Tochter Obama am O'Hare-Airport in Chicago.

Sohn und Tochter Obama am O'Hare-Airport in Chicago.

Foto: Kevin Lamarque Reuters

Malia Obama, die älteste Tochter des US-Präsidenten, bekommt gerade die gesammelte Aufmerksamkeit der amerikanischen Medien, weil sie vor ihrem Studium ein „Gap Year“ macht. Ein Jahr Pause also. Sie ist damit Vorreiterin eines neuen Trends. In den USA. Denn: Nur ein Prozent der Highschool-Absolventen verschieben dort den Studienbeginn. Lächerlich wenig.

Ausnahmsweise sind wir hier in Deutschland nämlich mal früher dran mit einer Entwicklung. Das Gap Year ist hier schon quasi Tradition. Wie viele Jugendliche genau ein Gap Year machen, wird statistisch nicht so richtig erfasst. Etwa ein Viertel der Abiturienten fangen jedenfalls weder ein Studium noch eine Ausbildung an und geben stattdessen an, einen Auslandaufenthalt, einen Freiwilligendienst oder ein Praktikum zu machen. Und das obwohl ein Jahr des Nichtstuns ja ungefähr das Undeutscheste ist, was man sich vorstellen kann. Trotzdem retten viele Jugendliche Schildkröten in Sri Lanka, machen Work & Travel in Australien oder couchsurfen durch Kalifornien. Dass eine Auszeit keine Lücke im Lebenslauf ist, sondern eine wertvolle Lebenserfahrung, ist hier also Grundkonsens.

Und ja vielleicht auch tatsächlich ein guter Ansatz für die USA. Gerade dort könnte ein Jahr Pause vor der Studiengangswahl den Jugendlichen wahrscheinlich nicht schaden. Wenn sich der amerikanische College-Student zum ersten Mal im vierten Semester – und mit dann im Schnitt wohl etwa 17.000 Dollar Schulden – fragt, was er eigentlich vom Leben erwartet, und dabei herausfindet, dass es nicht der Master in Literaturwissenschaften ist, könnte das schließlich sehr spät sein. Dann doch lieber ein Jahr pausieren und vorher über die Studiengangswahl nachdenken.

In Deutschland ist es ja inzwischen schon fast umgekehrt: Nicht wer ein Gap Year macht, ist der Exot, sondern diejenigen, die zu Hause bleiben. „Bereust du es nicht, dein Studium so schnell durchgezogen zu haben?“, wird man öfter gefragt als „Was hast du dir dabei gedacht, ein Jahr auszusetzen?“. Das Gap Year ist ein Baustein im Lebensweg geworden, es ist nicht mehr die Frage ob, sondern wo und wie man es verbracht hat. Der Hype um das Orientierungsjahr hat inzwischen eine Wettbewerbs-Dimension angenommen, die Jugendlichen versuchen, sich gegenseitig zu übertrumpfen: Wer berichtet von den verrücktesten Erlebnissen? Wer hat mehr Tierbabys gerettet? Und wer hat mehr neue Facebook-Freunde aus aller Welt?

Wahrscheinlich wird der Wahnsinn noch weiter ausarten, wenn sich in Zukunft auch die US-Highschool-Absolventen im Wettbewerb ums krasseste Gap Year beteiligen. Dann sollten wir uns vielleicht einfach daran erinnern, dass es dabei ursprünglich mal darum ging, sich Zeit für seine Entscheidungen zu nehmen und herauszufinden, was man eigentlich so will. Und nicht darum, irgendjemand anderen zu beeindrucken.

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