Warum gehen so wenige Frauen zur Feuerwehr?

Feuerwehrfrauen erzählen von ihren Erfahrungen.
Von Inga Pöting

Illustration: Federico Delfrati

Wenn Anna auf Partys erzählt, dass sie bei der Feuerwehr arbeitet, ist die Reaktion häufig: „Aha, im Büro?“ Dass die 26-jährige Frau mit dem blonden Zopf einen Feuerwehrwagen fahren, Brände löschen und Personen aus Gebäuden retten kann, das können die meisten sich zuerst nicht vorstellen. Aber Anna ist nicht der Typ, der sich darüber ärgert. „Ich kann das schon verstehen“, sagt sie. „Es gibt eben kaum Frauen bei der Feuerwehr.“

Ein Blick in die neueste Statistik zeigt: Unter 100 aktiven Feuerwehrleuten sind nur neun weiblich. Dazu muss man wissen: Ein Großteil der Feuerwehr in Deutschland arbeitet ehrenamtlich. Berufsfeuerwehrfrauen wie Anna sind noch viel seltener – ihr Anteil liegt nur bei 1,4 Prozent.

Anna arbeitet seit drei Jahren in Bocholt in NRW als Brandmeisterin, so nennt man fertig ausgebildete Feuerwehrfrauen. Dass viele zunächst glauben, sie sei in der Verwaltung tätig, findet sie ziemlich absurd: „Mich könnte man nicht hinter einen Schreibtisch setzen. Ich brauche Abwechslung.“ Als Feuerwehrfrau bekommt sie die: Ihr Team wird nicht nur bei Bränden, sondern auch bei Verkehrsunfällen, überschwemmten Kellern und entlaufenen Tieren zu Hilfe gerufen.

Auf ihrer Feuerwache ist Anna die einzige Frau und noch dazu die Jüngste. Gibt es deshalb manchmal Probleme? „Nee“, sagt Anna. „Ich gehöre zum Team wie alle anderen und packe auch genauso mit an.“ Sprüche bekomme sie natürlich manchmal. „Wenn ich ins Löschfahrzeug steige, fragen die Kollegen: Sollen wir dir einen Kindersitz holen?“ Mit ihren 1,67 Metern sieht sie im Fahrerhäuschen winzig aus. Doch Anna kann mit solchen Gags gut leben. „Dann drücke ich eben einen Spruch zurück.“ Unterschiede in der Gruppe seien zudem auch praktisch: „Ich kann zum Beispiel durch kleine Fenster krabbeln, durch die sonst niemand passt.“ Doch obwohl sich der Feuerwehrbundesverband schon 2003 die Gleichstellung von Männern und Frauen auf die Agenda gesetzt hat, wächst der Frauenanteil nur sehr, sehr langsam. Woran liegt das?

 

Früher waren die Männer froh, unter sich zu sein

„Frauen stehen sich manchmal selbst im Weg“, sagt die Bundesfrauensprecherin des Deutschen Feuerwehrverbands, Kerstin Schmidt. „Sie befürchten, dass ein Job, der traditionell von Männern ausgeübt wird, sie überfordert.“ Dass diese Sorge aber unberechtigt ist, weiß Schmidt aus eigener Erfahrung. Sie ist seit 1995 freiwillige Feuerwehrfrau in Weidenberg bei Bayreuth. Seit ihren Anfängen bei der Feuerwehr habe sich viel getan: „Dass Frauen nicht erwünscht sind, ist zum Glück vorbei.“ Früher seien die Männer noch froh gewesen, unter sich zu sein. „Heute bringen sie zu Feierlichkeiten ihre Familien mit und Kolleginnen im Team sind etwas ganz Normales.“ Doch auch wenn das Betriebsklima sich für Frauen zum Guten verändert habe, bleibe ein Punkt schwierig: die Kombination aus Feuerwehrdienst und Familienleben. Kerstin Schmidt wird als Freiwillige oft spontan zu Einsätzen gerufen, Berufsfeuerwehrfrau Anna arbeitet in 24-Stunden-Diensten. Beides kann einen Alltag mit Kindern kompliziert machen. „Das schreckt viele Frauen ab“, sagt Schmidt. Während in der Jugendorganisation der freiwilligen Feuerwehr noch gut ein Viertel Mädchen sind, wird der Anteil viel kleiner, sobald die Frauen erwachsen werden.

Ein Forschungsprojekt der Feuerwehr und des Bundesfamilienministeriums hat diese Probleme schon 2008 identifiziert. Seitdem versucht die Feuerwehr aktiv, mehr Frauen zu gewinnen. Zu den Strategien gehört, weibliche Kolleginnen auf Infomaterial und bei Veranstaltungen sichtbar zu machen und eine flächendeckende Betreuung für die Kinder von Feuerwehrleuten einzuführen. „Unterstützen könnten dabei zum Beispiel ehemalige Feuerwehrleute, die aus Altersgründen aus dem aktiven Dienst ausgeschieden sind“, erklärt Schmidt. Doch die Organisation geht nur langsam voran: Jede Kommune muss selbst aktiv werden und die Ideen umsetzen. Um besser zu verstehen, was Frauen in der Feuerwehr brauchen, versucht Schmidt seit einiger Zeit, Kolleginnen aus allen 16 Bundesländern an einen Tisch zu bekommen. Bisher hat das nicht geklappt: „Manche Länder schaffen es einfach nicht, zu den halbjährlichen Treffen eine Vertreterin zu schicken.“

Es fehlt Frauen an Informationen und Vorbildern

Dass Frauen bei der Berufswahl eher auf Familientauglichkeit schauen als Männer, kann Andrea Hammermann bestätigen. Sie forscht beim arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft in Köln zu typischen Frauen- und Männerberufen. Doch es gebe noch einen anderen wichtigen Grund, warum der Frauenanteil in traditionell männlich geprägten Berufen nur sehr langsam ansteige: „Es fehlt Frauen an Informationen – und an Vorbildern.“ Zwar würden sich viele Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber bemühen, auf ihrem Infomaterial Vielfalt zu zeigen und alle Geschlechter anzusprechen, aber: „Die Bilder in den Köpfen bauen sich trotzdem nur langsam ab.“ Was da hilft? „Mit dem Job wirklich in Kontakt zu kommen“, sagt Hammermann. Zum Beispiel beim „Girls’ Day“ und „Boys’Day“, bei denen Jugendliche in Berufe hineinschnuppern können, die traditionell dem anderen Geschlecht zugeordnet werden. „Das hilft, Klischees zu korrigieren.“ Inspirieren könne natürlich auch das eigene Umfeld: „Es spielt für die Berufswahl eine große Rolle, was die Eltern arbeiten“, sagt Hammermann.

Feuerwehrfrau Anna ist dafür ein Paradebeispiel. Auch ihr Vater ist Feuerwehrmann, bei der Jugendfeuerwehr lernte Anna schon als Zwölfjährige, mit Pumpen und Schläuchen umzugehen. Laut der Frauensprecherin Schmidt ein typischer Fall: „Wer bei der Feuerwehr anfängt, hat sehr häufig Vorbilder in der Familie.“

Doch Nachwuchs aus Feuerwehrfamilien zu rekrutieren, reicht bei Weitem nicht: In ganz Deutschland fehlen Feuerwehrleute. Die Freiwillige Anke Packruhn versucht in Dollbergen bei Hannover seit Jahren, Neulinge für das anspruchsvolle Ehrenamt zu begeistern: „Wir machen Werbung ohne Ende – zum Beispiel durch öffentliche Übungen, bei denen jeder und jede mitmachen kann.“ Doch Neuzugang gebe es kaum, und Frauen seien „überhaupt nicht zu kriegen“. Als Packruhn 1986 mit 21 Jahren zur Feuerwehr wollte, musste sie sich ihren Platz erst erkämpfen: Damals wurden in Dollbergen nur Männer aufgenommen. Packruhn schaffte es schließlich, die Änderung der Vereinssatzung durchzusetzen, seitdem können auch Frauen zur Feuerwehr. Und trotzdem hat Packruhn nur zwei Kolleginnen. „Ich kann mir nicht erklären, warum“, sagt sie. Die verantwortlichen Männer hätten ihr die Aufnahme damals zwar schwer gemacht. „Aber mit den Kollegen im Dienst hatte ich danach nie Probleme.“

Das geht nicht allen Feuerwehrfrauen so: Im Rahmen des Forschungsprojekts von 2008 berichteten Feuerwehrfrauen von „sexistische Sprüchen“ und einer Festlegung auf „,frauenspezifische Tätigkeiten‘ (z.B. Pflege, Funken)“. Ausnahmslos teilten die elf Befragten die Erfahrung, dass sie sich die Anerkennung der Männer erst erarbeiten mussten. Wie groß das Problem der Diskriminierung insgesamt ist, sagt das Papier nicht. Die Frauenbeauftragte Kerstin Schmidt, die seit 2016 im Amt ist, kann keinen Fall nennen, in dem sich eine unzufriedene Feuerwehrfrau an sie gewandt hätte.

 

Der Typ muss passen – egal ob Mann oder Frau

Für Feuerwehrfrau Anna spielte die Geschlechterfrage bei der Berufswahl übrigens keine Rolle. Dass Frauen in der Branche etwas Ungewöhnliches sind, sei ihr gar nicht bewusst gewesen, sagt sie. Anna hat vor zwei Jahren einen Feuerwehrmann geheiratet, für die beiden steht fest, dass sie Kinder möchten: „Wenn es soweit ist, werden wir verhandeln, wer wie viel arbeiten kann.“ Durch die 24-Stunden-Dienste hat das Paar schon jetzt an einigen Tagen pro Woche frei: „Mit guter Absprache klappt das dann schon irgendwie.“ Auf der Wache ihres Mannes gebe es auch einige Eltern, die in Teilzeit arbeiten.

So selbstverständlich der Job für Anna aber auch sein mag – im Arbeitsalltag schlägt ihr immer wieder Verwunderung entgegen. Zum Beispiel, wenn sie schwer heben muss. Kürzlich sollte sie einen gut hundert Kilogramm schweren Mann ins Krankenhaus fahren, gemeinsam mit einer Sanitäterin holte sie ihn in seiner Wohnung ab. Dem Patienten war gar nicht wohl dabei, dass zwei Frauen ihn im Tragestuhl die Treppe hinunterbringen sollten. Anna ließ sich nicht verunsichern: „Ich habe zu ihm gesagt: Machen Sie sich mal keine Sorgen, einfach die Hände in den Schoß legen, gleich sind Sie unten.“ So klappte es dann auch.

Die Bocholterin ist davon überzeugt, dass Frauen die Arbeit bei der Feuerwehr genauso gut schaffen können wie Männer. Entscheidend ist für sie ein anderer Punkt: „Wenn man in diesen Job will, muss es vom Typ her passen. Man darf nicht zimperlich sein.“ Anpacken können, im Schichtdienst arbeiten, Entscheidungen auch unter Stress treffen können – das sei nicht für jede und jeden was. Aber das gelte schließlich für Frauen wie für Männer.

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