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"Es ist schwierig, nicht die Hoffnung zu verlieren"

Wie es sich anfühlt, arbeitslos zu sein - in Deutschland, Frankreich und in Spanien.
Von Jana Gäng und Sina Pousset
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    Foto: elsone/photocase.de

"Ich werde nicht akzeptieren, dass die Generation Y die erste Generation seit 70 Jahren sein könnte, die ärmer ist als ihre Eltern“, hat Jean-Claude Juncker gesagt. In seiner ansonsten wenig spektakulären Rede zur Lage der EU betonte der Kommissionschef am Mittwoch, wie wichtig es sei, die Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen. Was im Plenum des Straßburger Parlaments gut klingt, klingt in München, in Almería und Paris nach Existenzangst, nach Scham und Resignation.

 

Ungefähr vier Millionen junge Menschen sind in Europa derzeit ohne Job. Hier erzählen drei von ihnen, wie sie ihre Arbeitslosigkeit erlebt haben. 

Anthony, 28, aus Paris, Frankreich

In Frankreich liegt die Arbeitslosenquote unter Jugendlichen*) bei 24,4 Prozent. 

*) Die Statistikbehörde Eurostat bezieht sich dabei auf Menschen unter 25. 

 

"Vor knapp zwei Jahren wurde ich zum ersten Mal in meinem Leben arbeitslos. Die Firma, in der ich gearbeitet habe, ging bankrott. In diesem Fall wird man vom französischen Staat relativ gut gefördert, wesentlich besser, als wenn man zum Beispiel kündigt oder entlassen wird. Ich hatte zwei Optionen: während der Arbeitssuche zwei Jahre lang knapp die Hälfte meines Gehaltes zu bekommen oder zwölf Monate lang eine voll bezahlte Zusatzausbildung absolvieren. Ich entschied mich für die erste Variante.

 

Die sechs Monate, die es dauerte, bis ich wieder einen Job hatte, waren gleichzeitig wichtig und schwierig für mich. Ich arbeite, seit ich 16 bin. Auf die Arbeitslosigkeit und die Fragen, die sie mit sich bringt, war ich absolut nicht vorbereitet. Ich habe in dieser Zeit viel

über meine berufliche Perspektive nachgedacht, darüber, was ich ändern und welche Richtung ich einschlagen will.

 

Finanziell war es sehr eng, was auf Dauer belastend war. Ich bin deswegen viel weniger weggegangen. Deswegen, aber auch, weil ich mich unwohl gefühlt habe. Dem Wort „arbeitslos“ haftet hier ein Stigma an. Das sagt man nicht gern, wenn man mit einem Drink an der Bar steht. Obwohl fast in jeder größeren Gruppe von Freunden ein, zwei dabei sind, die gerade keinen Job haben, habe ich mich blöd gefühlt, wenn mich jemand gefragt hat, was ich mache. Das Thema Jugendarbeitslosigkeit allgemein ist sehr präsent in Frankreich, und wir diskutieren in meinem Freundeskreis viel darüber. Es ist aber ein großer Unterschied, ob man theoretisch darüber redet, oder selbst betroffen ist. Wenn du von deiner Arbeitslosigkeit erzählst, verlieren die Leute schnell das Interesse an dir. Du wirst weniger wertgeschätzt.

 

"Ich war viel allein"

 

Am schwersten war es, mich jeden Tag zu motivieren. Einmal im Monat traf ich mich mit meiner Betreuerin vom Arbeitsamt, um mit ihr über meine Fortschritte zu sprechen. Gemeinsam haben wir am Anfang einen groben Plan gemacht, danach war ich bei der Suche ziemlich mir selbst überlassen. Überhaupt war ich viel allein. Deswegen war mir wichtig, die Routine nicht zu verlieren.

 

Ich bin jeden Morgen um acht mit meinen Mitbewohnern aufgestanden, habe Lebensläufe rausgeschickt und Firmen kontaktiert. Nachmittags war ich oft bei privaten Beratungsstellen. Dort habe ich mich auch mit anderen Arbeitslosen ausgetauscht. Ich habe versucht, mich von Anfang an voll in die Suche zu stürzen, um nicht an meine Ängste zu denken. Die Aussicht auf Arbeit war meine einzige Motivation. Innerlich war ich die ganze Zeit angespannt. Es ist schwierig, nicht die Hoffnung zu verlieren. Man fragt sich dauernd, wie es weitergeht.

 

Zur Ablenkung war ich auf dem Großmarkt und habe mit meinen Mitbewohnern gekocht. Kochen hat mich gerettet! Dabei konnte ich den Kopf freikriegen und hatte viele neue Ideen für die Zukunft. Viele habe ich auf einen Zettel geschrieben, zum Beispiel eine soziale Einrichtung zu gründen.

 

Nach meiner Arbeitslosigkeit habe ich dann selbst versucht, jungen Arbeitslosen zwischen 16 und 25 Jahren zu helfen. Ich habe in einer Schreinerei mit ihnen gearbeitet. Und dabei habe ich gemerkt, wie viel sich politisch in meinem Land verändern muss. Die meisten von ihnen wussten nicht mal, wie sie Firmen finden oder Lebensläufe schreiben können. Niemand hat ihnen das Werkzeug mitgegeben, um einen Job zu finden. Sie wachsen in einem negativen Umfeld auf, viele stürzen durch die Arbeitslosigkeit ins Drogenmilieu. Ich hatte das Gefühl, dass ich ihnen durch meine eigene Erfahrung besser helfen konnte. Jetzt arbeite ich wieder als Schreiner in einer anderen Firma, aber ich hoffe, dass ich in Zukunft ein paar der Ideen umsetzen kann, die auf meinem Zettel stehen."

 

Martin, 24, aus der Provinz Almería, Spanien

In Spanien liegt die Arbeitslosenquote unter Jugendlichen bei 43,9 Prozent. 

 

Martin ist in Deutschland geboren, aber mit eineinhalb Jahren gemeinsam mit seinen Eltern nach Spanien ausgewandert und dort aufgewachsen.

 

"In Spanien ist es überhaupt nicht peinlich, arbeitslos zu sein. Alle meine Freunde sind auch arbeitslos Es ist natürlich trotzdem scheiße, dass ich keinen richtigen Job habe, schon seit meinem Schulabschluss 2011 ist das so. Ich glaube, die Krise ist schuld daran, dass ich keinen Job finde. Die Leute hier haben Verständnis dafür, wollen helfen.

 

Am Anfang der Wirtschaftskrise waren die Reaktionen noch ein bisschen anders. Es gab Eltern, die meinten, ihre Kinder kriegen es halt einfach nicht auf die Reihe. Aber als sie gesehen haben, dass auch 45-Jährige wieder zu ihren Eltern ziehen mussten, weil sie entlassen wurden, haben sie verstanden: Die können nichts dafür.

Ich hatte viel Wut in mir. Es hat mich wahnsinnig aufgeregt, diese ganze Sache mit der Krise und der Arbeitslosigkeit. Es waren doch die ganzen Banker und die, die an der Börse rumspekulierten, die die Sache in die Kacke geritten haben! Es gab eine Zeit, in der ich gewisse Sympathien für linksextreme Parteien hatte, einfach aus diesem ganzen Frust heraus. Mich wundert es nicht, dass der Populismus in Spanien gerade so zulegt.

 

Dabei war ich am Anfang noch optimistisch. Als Kind und Jugendlicher hatte ich ja eine Zeit erlebt, da boomte die Baubranche. Da konnte man auch als Hilfsarbeiter auf der Baustelle relativ ordentlich verdienen. Es gab Arbeit, die Leute hatten Geld, gaben Geld aus. Alles hat funktioniert. 2007, 2008, hat dann alles angefangen. In den Medien tauchte immer häufiger der Begriff „Krise“ auf. Ich habe mir zuerst keinen großen Kopf deswegen gemacht. Zumal ich damals noch in der Schule war und bei meinen Eltern lebte. Mit der Zeit wurde die Krise spürbarer. Und als ich dann meine mittlere Reife hatte, waren wir mittendrin.

 

"Du kriegst in Spanien keinen Arbeitsplatz über das Amt" 

 

Bei mir kam zu der schwierigen Arbeitsmarktlage noch dazu, dass ich relativ weit draußen auf dem Land in Südspanien wohnte, wo meine Eltern ein Gästehaus haben. Das nächste Dorf war drei Kilometer entfernt. Wenn man noch nicht dort war, ist es schwer vorstellbar, was das für ein Gefühl von Isoliertheit ist. Auf dem Land gab es fast keine Ausbildungs- oder Arbeitsstellen. Ich wollte anfangs gerne in die Baubranche, aber in meiner Gegend hat man eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Das eine sind die Gewächshäuser. Dort arbeitest du meistens schwarz, gebückt in aufgeheizten Treibhäusern und kassierst – wenn du einen korrekten Lohn bekommst – 40 Euro für acht Stunden. Man kriegt keinen festen Vertrag, ist nicht versichert und trotzdem haben die Wartelisten, zum Teil von 200 Leuten. Ich habe da mal Tomaten sortiert. Die andere Möglichkeit ist die Gastronomie. Ich habe tageweise in einer Pizzeria ausgeholfen, im Sommer, wenn die Touristen kamen. Aber nie fest. Wer einen richtigen Vertrag hat, der hat echt Glück.

 

Du kriegst in Spanien gerade keinen Arbeitsplatz über das Amt, das habe ich auch schon versucht.  Die Leute, die Arbeit bekommen haben, waren meistens die, die schnell vor Ort waren. Man hat Augen und Ohren offen gehalten und sobald etwas frei wurde, ist man hingefahren. Die, die zuerst kamen, hatten auch die besseren Chancen. Manchmal war ich zu langsam, oft habe ich es überhaupt nicht mitbekommen und meistens lagen die Jobs außerhalb meiner Reichweite, in der Stadt. Dort hinziehen konnte ich nicht, ich hatte kein Geld für die Miete oder meinen Lebensunterhalt.

 

Irgendwann, als ich alle möglichen Arbeitsstellen einmal abgeklappert hatte, und sich keiner mehr gemeldet hat, habe ich nicht mehr so viele Bewerbungen geschrieben. Dann bin ich für neun Monate nach Schweden zu meinem Onkel gezogen. Er ist Zimmermann, ich habe ihm im Sägewerk geholfen und Baumstämme für Blockhäuser zurechtgeschnitten. Zurück in Spanien war ich wieder arbeitslos. Ab 2012 zog ich auch immer wieder für einige Zeit zum Arbeiten nach Deutschland. Da arbeitete ich in einem Internat als Freizeitbetreuer, hatte mit Jugendlichen aus aller Welt zu tun, die nach Deutschland kommen, um die Sprache zu lernen. Der Job gefiel mir richtig gut. Von dem Geld, das ich dort verdiente, lebte ich dann in Spanien. Ich war in dieser Zeit viel mit meinen Freunden unterwegs, die auch keine Arbeit hatten, war im Internet, habe gelesen oder Videospiele gespielt. Feiern war nicht drin, das hätte zu viel Geld gekostet.

 

Irgendwann wurde mir aber alles zu blöd. Ich hatte nichts zu tun, wollte aber unbedingt was tun. Viele junge Menschen in Spanien reden davon, ins Ausland zu gehen, machen sich aber Sorgen, weil sie nicht so gut Englisch sprechen. Da habe ich mir gedacht: In Deutschland ist die Wirtschaft stark, da gibt es Arbeitsplätze. Ich habe dort noch Verwandte und die Sprache beherrsche ich auch. Bevor ich also in Spanien bleibe und nie mit meinem Leben weiterkomme, gehe ich doch besser nach Deutschland. Und das habe ich dann gemacht.

 

Nach zwei gescheiterten Versuchen, sein Abitur in Spanien und Deutschland nachzuholen, ist Martin im Oktober 2015 dauerhaft nach Deutschland gezogen. Hier hat er ein halbes Jahr lang ein Berufseinstiegsprogramm in einer Zimmerei absolviert. Weil er Probleme in der Berufsschule hatte, bezieht Martin momentan Arbeitslosengeld II und sucht nach einer Möglichkeit, doch noch eine Ausbildung als Zimmermann zu beginnen. Er hofft, irgendwann nach Spanien zurückkehren zu können: „Würde ich sehen, dass es die Chance gibt, wieder in Spanien einen Job zu bekommen, einen, bei dem ich nicht nur arbeite, um gerade so über die Runden zu kommen – ich würde sofort wieder zurückgehen. Dort passe ich rein, da fühle ich mich wohl, da sind meine Leute.“

 

Jonas, 28, München, Deutschland

In Deutschland liegt die Arbeitslosenquote unter Jugendlichen bei 7,2 Prozent. 

 

"Dass ich mal arbeitslos sein würde, das hätte ich nie gedacht. Ich habe Abitur, einen Bachelor-Abschluss in Betriebswirtschaftslehre. Dass ich mal einen Monat zwischen zwei Jobs überbrücken muss, damit habe ich gerechnet. Aber nicht mit einer längeren Phase. Dann war mein Studium zu Ende und ich habe einfach keinen Job gefunden. Knapp fünf Monate ging das so. Das klingt jetzt nicht nach einem besonders langen Zeitraum. Außerdem denkt man ja immer, dass es zumindest am Anfang ganz cool wäre, einfach mal nichts zu machen.  Aber nichts daran war cool – auch nicht in den ersten Wochen. Ich war damals für mein Praxissemester umgezogen, hatte Miete zu zahlen, Lebenshaltungskosten. Keinen Job zu haben setzt dich sofort unter Druck.

 

Ich hatte bereits während des letzten Semesters an der Uni mit den Bewerbungen angefangen. Am Anfang habe ich mich vor allem für Stellen beworben, die ich auch gerne machen wollte. Bei bekannten Unternehmen, die Produkte vermarkteten, die ich selbst gut fand. Ich dachte: Ich habe jetzt diesen Abschluss, dann will ich auch das machen, was mir Spaß macht. Heute würde ich sagen, dass ich es zu gemütlich anging, vielleicht war ich sogar ein bisschen abgehoben. Das lag auch daran, dass ich mit ganz falschen Erwartungen aus dem Studium gekommen bin. Da wurden uns Sachen erzählt, die nichts mit der Realität zu tun haben. Unsere Professoren haben uns empfohlen, dass wir als Bachelor-Absolventen in der freien Wirtschaft nicht unter 45 000 Euro Jahresgehalt einsteigen sollten. Da muss man erst mal wieder auf den Boden der Tatsachen kommen.

 

Und auf den wurde ich zurückgeholt, spätestens, als ich eine Absage nach der anderen kassierte. So nach drei Monaten habe ich einen Punkt erreicht, an dem Hektik reinkommt. Ich habe so viele Bewerbungen geschrieben, wurde aber nur ganz selten zu Gesprächen eingeladen. Direkt nach dem Studium, ganz ohne Berufserfahrung, da will dich einfach niemand. Mit jeder Absage schrumpften meine Anforderungen und Erwartungen – vor allem aber mein Selbstbewusstsein. Das hat die Situation natürlich nicht gerade besser gemacht, wenn ich dann doch mal zum Bewerbungsgespräch eingeladen wurde. In dieser Phase zweifelte ich an allem: an der Wahl meines Studiums, meinen Noten, daran, wie ich mich in meinem letzten Anschreiben verkauft hatte. Ich dachte mir beim Bewerbungschreiben schon von vorneherein, dass ich den Job sowieso nicht bekommen würde, nicht gut genug sei, zumindest aber viel schlechter als alle anderen. Das war das schlimmste, dieses Gefühl, ein totaler Versager zu sein – das war viel schlimmer als der Geldmangel.

 

"Hartz IV? Diese Hilfe wollte ich nicht annehmen."

 

Mit wenig Geld auszukommen war natürlich auch nicht leicht, ich musste mich schon einschränken, habe extrem sparsam gelebt. Ich bin zum Beispiel nicht mehr mit Freunden in Bars gegangen oder mit meiner Freundin zum Essen ins Restaurant. Es war aber nicht so, dass ich am Hungertuch hätte nagen müssen. Ich habe in diesen Monaten ausschließlich von meinen Ersparnissen gelebt. Beim Amt war ich nicht. Anfangs vor allem deshalb nicht, weil ich noch glaubte, dass die Arbeitslosigkeit schnell vorübergehen und ich sowieso bald einen Job finden würde. Außerdem hätte ich direkt Hartz IV beantragen müssen. Auf diese Stufe wollte ich mich nicht begeben, auch nach einigen Monaten nicht, als ich zunehmend verzweifelter wurde. Ich habe immer gearbeitet: Mit 13 Jahren fing ich an, Zeitungen auszutragen, in der Schule hatte ich Nebenjobs, in den Semesterferien habe ich gearbeitet. Und nun sollte ich mich finanzieren lassen? Diese Hilfe wollte ich nicht annehmen. Gut war, dass ich einen Ferienjob in Aussicht hatte, der mir eine gewisse Sicherheit gab. Sonst wäre ich vielleicht irgendwann eingeknickt und doch zum Amt.

 

Meine Familie und Freunde unterstützten mich sehr in dieser Zeit, haben mir Links zu Stellenanzeigen geschickt oder meine Bewerbungen Korrektur gelesen. Einige meiner ehemaligen Kommilitonen waren in der gleichen Situation wie ich. Mit ihnen habe ich mich häufig ausgetauscht. Ich glaube, ohne sie wäre diese Zeit noch schlimmer gewesen.

 

Ich bin dann schlussendlich einen Kompromiss eingegangen, habe meine Erwartungen heruntergeschraubt und war bereit, eine Weile unterbezahlt zu arbeiten. Als ich nach fünf Monaten Arbeitslosigkeit ein Angebot von einem Start-up für eine Stelle als Trainee im Marketing bekam, sagte ich zu. Das ist natürlich gehaltstechnisch die schlechtmöglichste Kombination, Trainee und Start-up. Für den Job habe ich auf den – weitaus besser bezahlten – Ferienjob verzichtet. Ich wollte endlich Berufserfahrung sammeln. Parallel suchte ich weiter. Inzwischen habe ich eine Stelle, die ich auch wirklich wollte. Die Zeit, in der ich arbeitslos war, prägt mich noch immer. Ich bin froh und dankbar, mittlerweile in der Position zu sein, Anforderungen an meinen Arbeitsplatz stellen zu können. In anderen europäischen Ländern ist das so bestimmt nicht möglich."

 

 

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