Sieht so aus, als gäbe es viele Wege in die Zukunft – aber eigentlich ist es nur einer, oder?

Sieht so aus, als gäbe es viele Wege in die Zukunft – aber eigentlich ist es nur einer, oder?

Illustration: Daniela Rudolf / Foto: emano, photocase

„Du kannst alles machen“, wurde mir in der Schule von den Lehrern gesagt, als es darum ging, einen Praktikumsplatz auszusuchen. Später, nach dem Abi, dann wieder, dieses Mal von den Eltern: „Dir stehen alle Wege offen!“ Und auch nach dem Studium hieß es: „Du musst dich nur entscheiden.“ Was andere mir damals als große Chance verkaufen wollten, klang für mich schon immer wie eine Drohung. Und irgendwann kommt der Punkt im Leben, an dem man merkt, dass dieses Versprechen nicht aufgeht.

Zum Beispiel werde ich keine berühmte Schauspielerin, keine Leistungssportlerin und höchstwahrscheinlich auch keine Naturwissenschaftlerin mehr. Es gibt Areale in meinem Hirn, wie das, in dem die Naturwissenschaften ihren Platz hätten, deren Aktivierung einen so massiven Aufwand bedeuten würde, dass es sich einfach nicht mehr lohnt, in sie zu investieren. Es wäre nicht unmöglich, aber extrem anstrengend, kurz: Das wird nichts mehr. Diese Erkenntnis könnte ziemlich deprimierend sein, tatsächlich habe ich sie aber als Erleichterung empfunden.

Denn in dem Versprechen „Dir stehen alle Wege offen“ versteckt sich eigentlich auch die Aufforderung „Dann nutze sie gefälligst!“. Der perfide Leistungsimperativ bereitet uns sehr gut auf eine Arbeitswelt vor, in der alles flexibel, kreativ und individuell sein soll. Statt Hocharbeiten, festen Arbeitszeiten und Tarifverträgen wird heute in vielen Branchen erwartet, selbstständig, im Home-Office und oft in mehreren Jobs gleichzeitig zu arbeiten. Das führt dazu, dass wir uns permanent entscheiden müssen und mit der ständigen Gewissheit leben und arbeiten, dass kein Job von Dauer und kein Einkommen sicher ist.    

Dieses Gefühl machte sich schon damals nach dem Abi in meinem Unterbewusstsein breit. Je öfter ich den Satz „Du musst dich nur entscheiden“ hörte, desto orientierungsloser wurde ich. Statt einfach die nächstbeste Ausbildung zu nehmen, die mich interessierte und bei der ich nach drei Jahren ein geregeltes Einkommen hätte, empfand ich es als Pflicht, möglichst viel auszuprobieren, um den perfekten Weg zu finden, der zu mir, und wirklich nur zu mir passt. Vor lauter Druck, diese ganzen Möglichkeiten auch wirklich zu nutzen, stürzte ich mich von einem unbezahlten Praktikum ins nächste, nur um danach ein Mal mehr zu wissen, was ich nicht machen möchte. 

Ein weiteres Problem ist, dass meine Erfahrungen mit dem Satz „alle Wege stehen dir offen“ Luxusprobleme sind. Ich komme aus einer weißen Mittelschichtfamilie und hatte weder zu Hause noch in der Schule jemals große Probleme. Bei manchen meiner Freundinnen war das Gegenteil der Fall, aber auch da hieß es immer: „Wenn ihr euch nur genug anstrengt, dann stehen euch alle Wege offen.“ 

Je älter man wird, desto seltener sagen andere Menschen diesen Satz

Soziale Ungleichheit wird in dem Verwirklichungsimperativ nicht mitgedacht. Laut einer Erhebung des Bundesamts für Statistik aus dem Jahr 2016 geht nur ein Viertel aller Jugendlichen, deren Eltern in erster oder zweiter Generation in Deutschland leben, aufs Gymnasium. Auf den Hauptschulen dreht sich das Verhältnis um: Nur ein Viertel der Kinder spricht zu Hause Deutsch als Muttersprache. Die Statistikbehörde glaubt, dass das an der „Segregation der Schulen nach Leistungsniveau und Bildungshintergrund der Eltern“ liegt. Will heißen: Viele Kinder werden schon in der Grundschule abgehängt, weil das Lernumfeld zu Hause schwierig ist, aber auch, weil sie aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse benachteiligt werden. Der Satz „alle Wege stehen dir offen, wenn du dich nur genug anstrengst“, den ich so oft gehört habe, klingt in diesem Fall fast schon zynisch.  

Schon in der Schule hatte ich die Vermutung, dass  das große Alles-ist-möglich-Versprechen einerseits nicht für alle aufgeht und dass es andererseits auch gar keinen Sinn ergibt, sich in tausend Richtungen gleichzeitig zu orientieren. Was wäre ich für eine großartige Pianistin geworden, hätte ich nicht jedes halbe Jahr ein neues Instrument gelernt. Vielleicht hätte ich schon längst einen Doktor, hätte ich ein naturwissenschaftliches Studium durchgezogen. Vielleicht würde ich aber auch einfach nur solide Geld verdienen mit einem mittel aufregenden Job. All das ist nicht der Fall. Und wird es auch so schnell nicht sein. Gleichzeitig bin ich aber an einem Punkt, an dem es schlicht gelogen wäre sich einzureden, dass noch alle Wege offen stünden. 

Je älter man wird, desto seltener sagen andere Menschen diesen Satz. Bei mir haben sich spätestens nach dem Studium ganz viele Optionen von selbst ausgeschlossen. Das fühlte sich kurz beunruhigend, dann aber sehr angenehm an. Denn mit dem Ausschlussprinzip ist bei mir auch das Selbstbewusstsein in die paar Dinge gewachsen, die ich in immerhin sieben Jahren Studium gelernt habe. Das Alles-ist-möglich-Versprechen ist so auf die Zukunft gerichtet, dass man oft vergisst, was man eigentlich in der Vergangenheit schon alles gelernt hat. Die Gewissheit, dass man sowieso nicht alles ausprobieren kann und dass es deshalb viel sinnvoller ist, sich auf die wenigen Dinge zu konzentrieren, die man kann, ist ein sehr versöhnliches Gefühl.

„Diese zwei, drei Wege stehen dir offen und das ist völlig okay“, klingt vielleicht weniger aufregend. Es wäre aber eine viel ehrlichere Art, mit dieser sowieso schon hyperkomplexen Welt umzugehen – und hätte mir in den vergangenen Jahren sehr viel Stress erspart. 

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