Was dich garantiert beim Klassentreffen erwartet

Das ABC des Abitreffens – von Angeben bis Zipperlein.
Von Christian Helten und Jan Stremmel
Illustration: Daniela Rudolf

Angeben

Neben dem „Treffen“ der eigentliche Hauptzweck eines Abitreffens. Schließlich ist es eine der wenigen Gelegenheiten, in denen du Menschen triffst, deren Biografie sich wie ein Lineal neben deine eigene legen lässt, weil ihr vor fünf oder zehn Jahren durch dasselbe Schultor in die Welt gestartet seid (→ „Und, was machst du so?“).  

Blackout-Moment

Die Schrecksekunde, in der dir klar wird, dass du ums Verrecken nicht weißt, wie der Typ mit dem Kurzhaarschnitt und dem Polohemd heißt, mit dem du gerade redest. Die einzige noch abrufbare Erinnerung ist, dass er in Bio immer ganz vorne links saß und nie was gesagt hat.  

Clowngarantie

Menschen ändern sich mit der Zeit (→ Mutanten). Nur einer ändert sich nie: der Klassenclown. Beziehungsweise hat er sich im echten Leben stark geändert, fällt aber in der alten Konstellation aus Kumpels aus dem Rauchereck wieder zurück in alte Verhaltensmuster (→ Yo-Yo-Effekt). Er ist also auch nach zehn Jahren noch derjenige, der in die erste Getränkebestellung einen Witz einbaut und auf dem → Gruppenfoto seinem Nachbarn Hasenohren macht.  

Distanzierung

Bis zum Vorabend des Abitreffens wird mit alten Klassenkameraden oder unbeteiligten Dritten herablassend und maximal distanziert über das lästige Nostalgie-Event gesprochen. Feststehende Formulierungen: „Boah, null Bock auf die ganzen Nasen“ / „ . . . aber muss ja“ / „ . . . ist dann ja auch wieder fünf Jahre Ruhe.“ Dass das ein inszeniertes Ritual ist und sich fast jeder penibel vorbereitet hat, zeigt sich am Abend des Treffens: an der auffallend hohen Quote frisch geschnittener Haaren, perfekt gebügelter Hemden und zeitnah aufgefrischter Urlaubsbräune.

Eichen

 

Es gibt die Weltreisenden, die Auswanderer und die Frequent Traveller, die beim Abitreffen über Entwicklungsprojekte in Belo Horizonte reden oder von der guten Luft in Oakland schwärmen. Und es gibt die Eichen. Die wohnen immer noch genau gleich weit von der Schule entfernt wie früher und haben jemanden aus dem nächsten Abi-Jahrgang geheiratet. Auch wenn die Frequent Traveller sie für beschränkte Hinterwäldler halten: Eichen sind die wichtigsten Teilnehmer des Abitreffens. Sie sind die Einzigen, die wissen, was in der Heimatstadt eigentlich heute so los ist, dass letzten Sommer der Chemietrakt der Schule brannte und der Dings immer noch dieses Cabrio fährt. Und das ist ja der Rohstoff, aus dem Smalltalk-Gespräche gemacht sind.  

 

 

Fernbleiber

 

Manche der „Leider keine Zeit“-Absagen mögen wahr sein – aber häufiger ist der Grund, dass die Abwesenden gerade arbeitslos, frisch getrennt oder sonst irgendwie unzufrieden sind und lieber keine Fragen zu ihrem Leben beantworten möchten. Und dann sind da diejenigen, die sich durch ihr Fernbleiben eine Aura des Geheimnisvollen geben wollen – und das tatsächlich schaffen. Denn wenn alle → „Und, was machst du so“-Gespräche des Abends geführt wurden, sind die mysteriösen Fernbleiber das Thema aller Unterhaltungen.  

 

 

Gruppenfoto

 

Will früher oder später auf jeden Fall jemand machen. Leider. Dauert immer noch so lange wie früher und sieht genauso aus wie früher (→ Clowngarantie), nur mit mehr Kopfhaut im Bild.  

 

 

Hangover

 

Der Kater nach dem Abitreffen rührt meist nicht vom Alkohol her (→ Zipperlein), setzt aber oft schon auf dem Heimweg ein: ein Mischgefühl aus Rührung (angesichts der alten Schulkameraden, vor allem der → Eichen), Hadern mit den vertanen Chancen der vergangenen zehn Jahre (→ Angeben, → Quote) und den bohrenden Fragen: Wie sehen die anderen mich jetzt wohl? Bin ich ein → Mutant?  

 

 

Interessensmaß, das richtige

 

Obacht, kritischer Punkt! Auf dem Abitreffen wirst du mit 50 Menschen sprechen, die dich die letzten fünf Jahre nicht interessiert haben. Zeigst du zu wenig Interesse, stirbt das Gespräch sofort ab. Zeigst du zu viel, sitzt du den halben Abend in der Ecke und lauschst einem Vortrag über die faszinierenden Details einer Energiewirtschafts-Dissertation oder musst dir Fotos von der Motorradsammlung des Unternehmenserben anschauen.  

 

Jugendliebe

 

Da war ja mal was, zwischen Patrick und Isabelle. Auf der Stufenparty in der Grillhütte haben sie geknutscht, waren ein Jahr zusammen und haben sich nach dem Abi getrennt – wegen Studium und Ausland und mit dem Leben anfangen und so. Und jetzt? Patrick heiratet in zwei Wochen, Isabelle hat eine Tochter und die beiden sitzen den ganzen Abend zusammen und Patrick fasst Isabelle manchmal vorsichtig an den Oberarm. Alte Erotik, neu aufgewärmt! Das Zusammentreffen mit der Jugendliebe kann allerdings auch weniger schön enden (→Verzweiflungstat).  

 

 

Kinder

 

Egal wie stolz die Inhaber von Superjobs und tollen Auslandserfahrungen → angeben – am stolzesten sind diejenigen, die Kinder haben. Und sie können ihren größten Stolz sogar live präsentieren. Sie haben die kleine Emma nämlich einfach mitgebracht. Hier ist es besonders schwer, das richtige → Interessensmaß zu finden, das höflich genug ist, aber nicht dazu führt, dass man den ganzen Abend mit der kleinen Emma spielen muss.  

 

 

Lehrerbesuch

 

Jemand aus der → Orgagruppe schlägt vor, doch auch den Herrn Czorwunka oder die Frau Schmidt einzuladen. Die haben ja früher auf der Klassenfahrt auch immer mitgesoffen (und einmal sogar gekifft!!!). Bete, dass sie nicht kommen! Der Reiz, einen Lehrer betrunken zu sehen, verflüchtigt sich genau in dem Moment, in dem das Lehrer-Schüler-Verhältnis endet. Den alten Lehrer jetzt zu bespaßen, ist der härteste Job des Abends: Er klagt darüber, wie frech und verkommen die Fünftklässler von heute sind und lässt sich im schlimmsten Fall nach sieben Rotwein zu einer → Verzweiflungstat hinreißen.    

 

 

Mutanten

 

Früher war der Schmolke bleich, still und trug Socken in Sandalen, genau wie sein Vater, der Mathelehrer. Eigentlich willst du deshalb mit einer Ausrede verschwinden, als er dich anspricht, schaffst es aber nicht, weil du das falsche → Interessensmaß angesetzt hast. Zum Glück: Sonst wäre dir nämlich entgangen, dass Schmolke aus dem Mathelehrerhaushalt ausgebrochen und zum selbstsicheren, weltgewandten Typen mutiert ist, der gerade in San Francisco seine erste Foto-Ausstellung kuratiert. Die Mutation funktioniert allerdings auch umgekehrt: Der Steve, der früher der tolle Bassist der Schulband war, ist jetzt stellvertretender Vorsitzender im AfD-Ortsverband.

 

 

Nie

 

Dinge, die auf Abitreffen nie passieren, obwohl man sich das heimlich wünscht: der Klassenprimus von damals erzählt, dass er Hartz IV bezieht; du erhältst stehende Ovationen für deine Energiewirtschafts-Dissertation; alle betrinken sich hart und tanzen zusammen auf den Tischen; Karl kriegt die Frau (→ Verzweiflungstat); und alle fühlen sich wohl.  

 

 

Orga-Gruppe

 

Maßgeblich dafür verantwortlich, ob ein Treffen überhaupt zustande kommt und wie es wird: Entweder macht es die Streber-Klassensprecher-Fraktion, dann gibt’s Sektempfang und gediegenes Essen im Gasthof zur Post. Oder es machen die, die auch früher immer die Partys organisiert haben. Einer von denen ist jetzt eh „in der Gastro“ und hat einen Spezial-Deal mit dem Betreiber seines Stammclubs ausgehandelt.  

 

 

Papa und Mama

 

Zwei, für die das Klassentreffen wichtiger ist als für dich. Weil: Die haben nie wieder so viel von deinem Leben mitbekommen wie damals, als du auf der Schule warst. Deshalb sind sie aufgeregt und stellen sehr viele Fragen („Was macht eigentlich der Christoph jetzt?“; „Und , wie hieß sie noch . . .  die Sabine, in die du so verliebt warst – aus der ist bestimmt was Tolles geworden, oder?!”).  

 

 

Quoten

 

Innerlich führst du den ganzen Abend Statistiken und Ranglisten: Wie viele von den Coolen sind eigentlich cool geblieben und wie viele sind → Mutanten? Wie hoch ist die Großverdiener- und wie hoch die Arbeitslosen-Quote? Wie viele sind schon verheiratet und/oder haben → Kinder? Die Zwischenergebnisse sind maßgeblich für dein weiteres Verhalten an diesem Abend und können schlimmstenfalls direkt zu Frustsaufen oder einer → Verzweiflungstat führen.  

 

 

Raum-Schrumpfung

 

Du bist zwar nicht gewachsen, seit du Abi gemacht hast. Trotzdem stellst du beim Besuch der alten Schule – ein Standard-Programmpunkt jedes ordentlichen Klassentreffens – fest, dass hier alles viel enger und kleiner ist, als du es in Erinnerung hattest. Die Aula kam dir früher riesig vor, ist aber kaum größer als ein Tennisplatz, und der größte Chemiesaal ist lächerlich im Vergleich zu dem Uni-Hörsaal, in dem du heute Morgen noch gesessen hast.

 

 

Stammtischfalle

 

Eigentlich hast du dich trotz → Distanzierung ja auch ein bisschen gefreut: Endlich kannst du mal wieder mit Menschen reden, die du lange nicht gesehen hast. Aber irgendwann kannst du einfach nicht mehr. Dein Smalltalk-Akku ist leer. Deshalb verbringst du den restlichen Abends mit den drei besten Freunden, die du jeden zweiten Mittwoch im Monat beim Stammtisch siehst.  

 

 

Taktisches Antworten

 

Nach einer Stunde Abitreffen hast du so viele → „Und, was machst du so?“-Gespräche geführt, dass du für jedes Gegenüber die passende Antwort parat hast. Du weißt genau, in welche Hülle du deine Lebenssituation und deine Jobbeschreibung wickeln musst, damit sie den gewünschten Effekt haben: Was du sagen musst, wenn du keinen Fortgang des Gesprächs willst („Ich mache was mit Textilienhandel“), und was, wenn du das Gegenteil erreichen willst („Ich habe so eine Online-Plattform gegründet; heißt Zalando, kennst du vielleicht“).  

 

 

„Und, was machst du so?“

 

Häufigste Gesprächseröffnung des Abends, Steilvorlage fürs → Angeben, Grund für → taktisches Antworten.  

 

 

Verzweiflungstat

 

„Einmal noch“, denkt sich Karl, „ein allerletztes Mal noch“, und setzt sich zu seiner → Jugendliebe – oder besser gesagt: zu dem Mädchen, in das er seine ganze Schullaufbahn verliebt war, das ihn aber von Klasse 5 bis 13 hat abblitzen lassen. Leider hat ihm keiner gesagt, was der →Yo-Yo-Effekt ist.  

 

 

„Weißt du noch, . . .“

 

Zweithäufigster Gesprächsbeginn nach → „Und, was machst du so?“ Birgt weniger Konfliktpotenzial, weil in Erinnerungen schwelgen nicht so heikel ist wie Job-Kündigung-Ehe-Scheidung-glücklich-gradenichtsohappy-Gespräche.  

 

 

Xylophon

 

Instrument, das niemand zum Abitreffen mitbringt. Warum auch?  

 

 

Yo-Yo-Effekt

 

Mit dem Abitreffen ist es wie mit dem Familienbesuch: Man geht zurück in ein System, in dem man eine feste Rolle hatte – und schwupps, hat man sie wieder. Egal, was man heute beruflich so macht oder wie viel Mühe sich der Therapeut gegeben hat, die Wunden der Schulzeit verheilen zu lassen: der Clown wird wieder zum Clown (obwohl er jetzt Anästhesist wird), Karl wird wieder zum Loser (obwohl er sein Jurastudium mit Auszeichnung abgeschlossen hat) und du wirst auch wieder der oder die von früher sein, weil die anderen dich halt so sehen. Besonders blöd: Der Yoyo-Effekt verstärkt den → Hangover.  

 

 

Zipperlein

 

Ja, ihr seid älter geworden. Ja, irgendwer hatte letztes Jahr eine Knie-OP oder klagt über Schlafstörungen. Und vor allem: Alle betonen, dass sie echt nicht mehr so gut saufen können wir früher. „Weißt du noch, damals, da war man am nächsten Tag suuuperfit, und jetzt spür ich’s drei Tage, wenn ich mal einen über den Durst trinke. Boah – ich werd’ echt alt!“