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1.600 Euro brutto für den Teilzeit-Porno-Produzenten

Collage: jetzt.de

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Der Job

Wir machen hauptsächlich Amateurpornos im Mainstream-Bereich. Das bedeutet, es werden heterosexuelle Pärchen gezeigt und der Mann spritzt das Sperma auf die Frau – was in der Gesellschaft teilweise verpönt ist. Die Art der Drehs ist trashig und geht in Richtung Homemovies. Alles läuft sehr basisdemokratisch ab. Wir machen nicht nur, was der Produzent sagt, sondern gehen auf die Ideen der Darsteller ein und ändern spontan die Story. Durch diese Spontaneität kommen unsere Filme authentisch rüber. Ein genaues Drehbuch gibt es nicht, sondern eine Liste mit den Szenen, die wir machen wollen. Im Idealfall ist das vorher eine Solo-Nummer, dann ein Pärchen, Gangbang oder ein Dreier. 

Ich bin meistens ein bis zwei Stunden vor Drehbeginn in der Homebase. Das ist eine angemietete Wohnung, in der unser Equipment und unsere Requisiten stehen. Dann bereite ich die Technik vor, sorge für Getränke und Essen, mache sauber. Wenn der zweite Kameramann da ist, gehen wir noch einmal durch, was zu tun ist. Danach kommen die Darsteller, das sind meistens zwei oder drei, wenn wir etwas Größeres machen, sind manchmal auch fünf da. Wir rauchen, trinken, reden und lachen einmal eine halbe Stunde, bevor die Kostüme – oder was gerade an Kleidung notwendig ist – angezogen werden.

Bei der Arbeit bin ich selbst nur sehr selten erregt. Wenn ich hinter der Kamera stehe, ist es egal, ob ich eine Pressekonferenz filme oder drei Menschen, die gerade Sex haben. Es muss immer die Einstellung passen, gut aussehen und nicht verwackelt sein – die technischen Aspekte stehen im Vordergrund. Genauso ist das beim Schnitt. Vielleicht wird man auch einfach betriebsblind.

Die Filme

Aktuell machen wir einen Film mit dem Arbeitstitel „Hausmannskost“, da geht es um einen Essensfetisch. Eine Darstellerin legte sich darin zum Beispiel eine Scheibe Leberkäse auf die Brüste. Oder sie hatte ein Fleischlaberl (Frikadellen, Anm. d. Red.) im Mund, während sie auch einen Penis im Mund hatte. Das wollten wir ausprobieren, weil es etwas Neues ist und die Leute dazu bewegt, es sich anzuschauen. Für diesen Film drehten wir drei längere Szenen.

Wir produzieren hauptsächlich Filme im 90-Minuten-Format. In der heutigen Zeit sind kurze Clips zwar das vorherrschende Medium, aber es gibt nach wie vor Kunden, die auf 90 Minuten Filmlänge bestehen. Wir verkaufen noch DVDs, aber weniger als früher. In erster Linie produzieren wir für Pay-TV und Online-Plattformen.

Online gibt es die ganz kurzen Clips. Wenn man bedenkt, wie lange sich die Leute einen Porno anschauen, reichen zehn Minuten vermutlich. Aber es gibt auch die Videos, bei denen es eine 15-minütige Einleitung gibt, bevor es zu Sache geht. Der Zuseher braucht das oft gar nicht, sondern spult vor. Aber wenn du einen Film für einen Pay-TV-Anbieter machst, ist es gut, diesen Vorspann zu haben. Es darf nur nicht fad werden. Viele Leute wollen auch, dass es eine Einleitung gibt, bevor es mit dem Sex losgeht. Pornos brauchen zwar keine Geschichte, aber es ist nett, wenn es eine gibt.

Das Publikum

Die Zuschauer sind je nach Plattform unterschiedlich. Meine persönliche Einschätzung ist, dass unser Hauptpublikum männlich und zwischen 20 und 65 Jahre alt ist - ein breiter Rahmen also. Wir bekommen aber auch regelmäßig Post von weiblichen Fans.

Die Technik

Bei Pornos zeigt man oft Close-Ups. Dadurch geht viel verloren. Ich finde es cool, auch einmal länger eine Totale zu zeigen, in der man das ganze Setting sieht und nicht nur die Körperteile. Wir lassen daher auch oft eine Kamera nur für die Totale mitlaufen. Wir drehen meistens mit zwei bis drei Kameras.

Die Darsteller

Unsere Darsteller sind Leute wie du und ich. Teilweise haben sie einen normalen Beruf, manche sind schon in Pension. Die Darstellerinnen bekommen meistens 150 bis 250 Euro pro Dreh. Bei längeren Drehs gibt es auch mal mehr. Die Männer machen es meistens aus Liebe und Spaß an der Sache. Sie finden es geil, wenn sie Sex haben können. Es gibt Ausnahmefälle, in denen wir eine kleine Aufwandsentschädigung zahlen. Das sind Männer, die sehr oft mitmachen und sich um weit aus mehr kümmern, als sie müssten. Man merkt meistens gleich, ob jemand – egal ob Mann oder Frau – etwas aus Leidenschaft macht oder nur für Geld. Ihre Motivation ist größer.

Bei Mainstream-Pornos bekommen Frauen immer mehr Geld als Männer. Im künstlerischen, queeren, feministischen Pornofilm ist das vielleicht nicht so stark ausgeprägt. Aber für den Mainstream-Porno gilt ganz klar, dass die Zielgruppe heterosexuelle Männer sind und die wollen nun mal Frauen sehen.

Die Drehorte

Meistens sind wir in der Homebase. Manchmal machen wir auch Guerilla-artige Drehs, bei denen uns keiner erwischen sollte. Letztes Jahr fuhren wir zum Beispiel mit einem Auto, dem Sex-Taxi, durch Wien. Meistens bekam der Fahrer während der Fahrt schon einen Blowjob. Dann fuhren wir irgendwo hin, wo wir ungestört waren, zu einem Parkplatz oder zum Waldrand zum Beispiel. Es bestand immer die Chance, dass uns jemand dabei erwischt. Es gibt viele Leute, die sich gerne Pornos mit Public Sex anschauen.

Im Garten meiner Eltern wollte ich schon immer einmal etwas drehen, auch bevor ich Pornos machte. Das sind alte Stallungen und es gibt einen schönen Garten. Zu Weihnachten habe ich von meinen Eltern einen Gutschein bekommen, mit der Erlaubnis, dort einmal Pornos drehen zu dürfen. Darauf freue ich mich schon sehr.

Die Ausbildung

Ich habe eine Ausbildung als Video-Journalist und Publizistik studiert, ich brachte mir aber auch viel selbst bei. Dann arbeitete ich als freier Kameramann. Pornos sind irgendwann dazu gekommen.  

Ich machte ein Praktikum bei einer Firma, die Lizenz-Verträge mit Porno-Produktionsfirmen hat. Die Firma hat die bestehenden Pornos der Produktionsfirmen dann für andere Kanäle und Plattformen aufbereitet und weiterverkauft. Dort habe ich jeden Tag Pornofilme auf 30 bis 45 Sekunden lange Clips für Online-Plattformen gekürzt. Das Ergebnis war sehr stumpf: Man reduziert halbstündige Filme, die oft lustige Elemente enthalten, auf einen Blowjob, zwei Stellungen und einen Cum-Shot. Bei dieser Firma habe ich fünf Jahre gearbeitet und so auch einen österreichischen Pornoproduzenten kennengelernt, für dessen Unternehmen ich heute arbeite.

Der Berufseinstieg

Die ersten Drehs waren ungewohnt und überraschend. Teilweise stand ich ganz perplex da und fragte mich, was ich da eigentlich tue. Beim allerersten Dreh sah ich mir zwei Tage vorher die Location an und überlegte mir ein Storyboard. Der Ort war ein Irish Pub in Wien. Einen Tag vor dem Dreh rief mich der Produzent an und sagte mir, dass die drei Darstellerinnen die Rollen, die ich mir für sie ausgedacht hatte, nicht übernehmen können. Ich wollte zum Beispiel, dass sie in Stöckelschuhen auf der Bar gehen. Die drei Frauen, die der Produzent organisierte, waren zusammen 180 Jahre alt. Es waren drei seiner „Oma-Darstellerinnen“. Sie sind alle sehr lieb und super, aber sie verkörpern etwas ganz anderes, als wir ursprünglich für den Dreh geplant hatten. Ich war überrascht, dass ich mit Frauen, die meine Oma sein könnten, zusammenarbeiten und ihnen versaute Dinge anordnen sollte. Den lockeren Umgang untereinander musste ich erst lernen. Alle reden sehr unverblümt miteinander, sind sehr nett und haben viel Schmäh. Trotzdem sind wir immer direkt, damit man weiß, was zu tun ist.

Das Geld

Im Porno-Bereich muss man viel sparen: bei den Darsteller-Gagen, den Locations und beim Produktionsaufwand. Es gibt im Netz seit fünf bis zehn Jahren eine riesige Auswahl an Gratis-Pornos. Es ist schwierig, Leute zu finden, die dafür überhaupt noch Geld ausgeben. Ich verdiene bei etwa 30 Wochenstunden zwischen 1.600 und 1.800 Euro brutto pro Monat.

Das Privatleben

Die Leute, die davon wissen, reagieren positiv, neugierig und teilweise sehr überrascht auf meinen Job. In meiner Familie weiß es jeder – sogar meine Oma hat eine ungefähre Ahnung davon, was ich mache. Das ist kein Ding, da wird bei Familienfeiern oft viel darüber gelacht. Mein Papa bekommt regelmäßig Belegexemplare von meinen Filmen, weil ich weiß, dass er es lustig findet. Meine Mama stattet uns regelmäßig mit Kostümen aus, die sie für Fasching genäht hat. Oder wenn sie alte Sakkos von meinem Papa ausmustert, wandert alles in meinen Fundus und ich verwende das für Drehs. Meine Freundin findet das auch lustig. Ich erzähle ihr oft von den Drehs und sie gibt mir Feedback dazu. Ich zeige ihr auch regelmäßig Filme. Sie verdreht dann entweder die Augen oder schaut sie mit an.

Es ist schon vorgekommen, dass Leute aus meinem Bekanntenkreis Darsteller sein wollten. Das ist manchmal etwas eigenartig, aber wenn es für sie okay ist, ist es für mich auch okay. Weil ich bin ja derjenige, der sie nackt sieht.

Die Frage, die auf Partys immer gestellt wird

Viele wissen ja nicht, was ich mache. Auf der letzten Party hat mich ein Pärchen gefragt, was sie verdienen würden, wenn sie selbst vor die Kamera gehen würden. Sie haben mich ausgelacht, als ich ihnen sagte, was möglich ist. Sie wollten einfach viel, viel, viel mehr haben.

Der größte Irrtum

Ein Irrtum ist, dass die Darsteller zu irgendetwas gezwungen werden, was sie nicht machen wollen. Es ist immer sauber, nie schmuddelig und es wird immer ein Kondom verwendet.

*Der Name wurde geändert, die Person ist der Redaktion aber bekannt.

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