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Der Job

Seit zehn Jahren bin ich ausgelernter Gebäudereiniger. Ich habe mich gemeinsam mit einem Kollegen selbstständig gemacht. Da die normale Gebäudereinigung von den großen Firmen dominiert wird, wollten wir uns eine Nische suchen. So sind wir vor drei Jahren auch auf die Leichenfundort- und Tatortreinigung gekommen. Außerdem machen wir andere Spezialreinigungen wie zum Beispiel Graffitientfernung, Steinsanierung oder Holzbeläge schleifen.

Der typische Arbeitstag

Ich bin ab sieben Uhr im Büro und gehe dann mit meinen Mitarbeitern den Tagesplan durch, also ob Grundreinigungen, Fassadenreinigungen und Ähnliches anstehen. Wir besprechen, wie die Teams eingeteilt sind, welche Maschinen und welche Chemie wir verwenden, wo es Besonderheiten bei der Ableitung in die Kanalisation gibt. Danach beladen wir die Autos und um acht Uhr legen wir los.

Die Leichenfundort- und Tatortreinigung ist leider weniger gut planbar. Denn der Anruf der Hinterbliebenen oder der vom Nachlassgericht bestimmten Betreuer kann eigentlich 24 Stunden am Tag kommen. Wenn ich selbst gerade nicht im Dienst bin, gebe ich den Auftrag an meine Kollegen weiter. Nach einer Sichtung des Fundortes besprechen wir im Büro genau, wie wir im jeweiligen Fall weiter vorgehen: Muss vielleicht eine Bauteilöffnung stattfinden, also zum Beispiel der Bodenbelag abgetragen werden, um festzustellen, ob Leichenflüssigkeit darunter gelaufen ist?

Bevor wir am Fundort loslegen, besprechen wir mit den Angehörigen, was wir genau machen werden. Nach der Reinigung stellen wir ein Zertifikat aus, das bestätigt, dass die Räumlichkeiten ordnungsgemäß desinfiziert und geruchssaniert wurden.

Wie oft wir zu Tatorten und Leichenfundorten gerufen werden, kommt komischerweise auf die Jahreszeit an. Rund um Weihnachten und Ostern gibt es relativ viele Suizide, vermutlich wegen der Einsamkeit während der Feiertage. Im Sommer gibt es dafür mehr Mordfälle – wenn’s warm ist, fangen eben alle an durchzudrehen.

Die Fundorte

Wir kommen erst zum Fundort, wenn Polizei und Bestatter fertig sind und die Leiche abtransportiert ist. Denn wir müssen warten, bis der Leichenfundort beziehungsweise Tatort von der Staatsanwaltschaft oder dem Nachlassgericht freigegeben ist. Von einem Tatort sprechen wir, wenn ein Mordfall vorliegt – oder ein Verbrechen mit ähnlich schwer zu reinigenden Spuren. Ansonsten ist es ein Leichenfundort.

Ob man uns braucht, kommt immer darauf an, wie verschmutzt der Fundort ist, ob Leichenflüssigkeit oder Fäkalien ausgetreten sind und wie lange die Leiche schon daliegt. Die längste Zeit, die eine Leiche unentdeckt gelegen hat, waren für uns drei Monate. Die Kinder haben vor ihrem Urlaub mit dem Vater gesprochen, waren dann zwei Wochen verreist und danach auch noch einmal auf Geschäftsreise. Erst nach drei Monaten haben sie ihn gefunden, weil ihnen auffiel, dass er nicht mehr ans Telefon ging. Zu diesem Zeitpunkt ist die Leiche schon stark verwest und mumifiziert. Das war heftig und hatte natürlich auch Auswirkungen auf unsere Arbeit.

Wenn wir einen Tatort reinigen, müssen wir auch die Spuren der Polizei beseitigen. Zwar werden die Umrisse der Leiche nicht wie im Fernsehen auf den Boden gemalt, aber es werden gelbe Schildchen zur Markierung verwendet. Außerdem hat die Spurensicherung bei einem Tatort ziemlich sicher mit Graphit gearbeitet, um Fingerabdrücke festzustellen. Das bedingt einen höheren Reinigungsaufwand, weil der feine Staub schwer zu entfernen ist. Man muss viel schrubben. Wir unterliegen übrigens einer strikten Schweigepflicht. Die Daten über die Verbrechen, die Täter und die Opfer dürfen nicht an die Öffentlichkeit dringen.

Die Schutzvorkehrungen

Wir müssen uns vor allem vor dem Kontakt mit Leichenflüssigkeit schützen. Es ist zwar noch nie passiert, dass ich oder einer meiner Kollegen etwas davon abbekommen haben. Aber sollte es geschehen, wäre der erste Weg direkt ins Krankenhaus. Man müsste Blutuntersuchungen machen, eine vorsorgliche Hepatitis-Spritze – das volle Programm.

Damit das nicht passiert, tragen wir Sicherheitsstiefel mit Stahlkappen und durchtrittsicherer Sohle. Unser Schutzanzug ist diffusionsoffen, die Luft kann also raus, aber die Flüssigkeit nicht rein. Die Handschuhe sind stichfest und werden mit dem Anzug verklebt, damit es auch ja keine Öffnung gibt, durch die Keime oder Leichenflüssigkeit eintreten können. Über die Kapuze ziehen wir dann noch unsere Atemmaske.

Die Ausbildung

Ursprünglich habe ich die Ausbildung zum Gebäudereiniger gemacht. Dann habe ich ein zweitägiges Seminar über Leichenfundort- und Tatortreinigung besucht. Das bieten verschiedene Hygieneschulen an. In einem psychologischen Teil lernt man, wie man am besten mit den Hinterbliebenen umgeht. Außerdem hat man Materialienkunde und lernt, welche Gerüche es an den Fundorten geben kann und wie man sie beseitigt. Da das alles aber rein theoretisch vermittelt wird, kommt diese Schulung niemals an die Erfahrung eines gelernten Gebäudereinigers heran.

Bei der Ausbildung zum Gebäudereiniger lernt man im theoretischen Unterricht erst mal viel über die verwendeten Chemikalien und ihre richtige Entsorgung und über verschiedene Bodenbeläge. Grünanlagenpflege, Schädlingsbekämpfung und Krankenhaushygiene sind auch wichtige Punkte der Ausbildung. Neben dem theoretischen Unterricht gibt es Praxiseinheiten. Wie diese konkret ablaufen, kommt auf die jeweilige Schule an. Wir haben zum Beispiel einen Ausflug in ein Klinikum gemacht und uns angesehen, wie ein OP-Saal gereinigt wird. Denn während die Assistenzärzte den Patienten nach einer Operation noch zunähen, müssen die Gebäudereiniger den Operationssaal schon für die nächste OP vorbereiten.

Die Belastung

Der erste Tag eines Tatortreinigers ist sehr aufregend, weil viele Eindrücke auf einen zukommen, die man davor wahrscheinlich noch nicht kannte. Man muss erst lernen, mit dem Tod umzugehen. Für mich war es etwas einfacher, weil ich im Zuge des Praxisteils meiner Ausbildung bei der OP-Reinigung dabei war. Ich war also schon einiges gewöhnt. Irgendwann sieht man die Tatortreinigung aber als normale Arbeit. Man denkt auch nicht mehr wirklich über das Verbrechen nach, während man reinigt.

Es kann aber dennoch vorkommen, dass man einen Tatort nicht verarbeiten kann. Wenn wir etwa einen Mordfall haben, bei dem Kinder involviert sind, und einer der Reiniger Familienvater ist, kann das sehr belastend für ihn sein. Für diese Fälle bin ich die sogenannte Vertrauensperson der Firma. Die Kollegen wenden sich mit ihren Problemen an mich und ich entscheide, ob wir einen Psychologen hinzuziehen müssen.

Die Angehörigen

Es ist wichtig zu wissen, wie man am besten mit den Angehörigen umgeht. Wir hatten einmal eine Frau, deren Mutter gestorben ist. Sie hat sich um alles gekümmert, während ihre Geschwister nur wissen wollten, wann das Erbe ausgezahlt wird. Vor lauter Verzweiflung fiel sie meinem Kollegen weinend um den Hals. Das sind Momente, die einem schon nahegehen. Aber man darf das nicht zu sehr an sich heranlassen. Wir reden zwar mit den Angehörigen, aber versuchen auch, uns möglichst stark zu distanzieren. In Härtefällen geben wir Tipps, wo man psychologische Beratung bekommt.

Das Privatleben

Für mich ist der Job schwer mit dem Privatleben vereinbar, weil jederzeit jemand anrufen könnte, der eine Sichtung des Leichenfund- oder Tatorts braucht. Auch am Wochenende und an Feiertagen. Ich muss also ständig erreichbar sein.

Das Geld

Im Durchschnitt bekommt man als angestellter Gebäude- und Tatortreiniger ungefähr 2300 Euro brutto im Monat. Für mich ist das als Chef natürlich ein bisschen anders: Ich steige im Monat ungefähr mit 3100 Euro netto aus.

Die Frage, die auf jeder Party gestellt wird

Am häufigsten höre ich die Frage: „Kennst du die Serie ‚Der Tatortreiniger’?“ Ich habe zwar schon davon gehört, habe sie mir aber noch nicht angesehen. Ich weiß nur, dass sie den Beruf ziemlich verharmlost.

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