Fabian, 30, arbeitet vier Nächte pro Woche als Taxifahrer

Fabian, 30, arbeitet vier Nächte pro Woche als Taxifahrer

Fotos: Privat / Sonja Marzoner / Collage: jetzt.de

Der Job 

Ich bin aus familiären und gesundheitlichen Gründen in meine Heimatstadt Limburg zurückgezogen und habe dort einen Job gesucht, bei dem ich möglichst unkompliziert einsteigen und schnell Geld verdienen kann. Davor habe ich in einer Großstadt in der Gastronomie gearbeitet. 

Seit sechs Monaten arbeite ich vier Mal die Woche als Taxifahrer, immer nachts. Meistens fahre ich „Bahnhofswagen“. Das sind die Taxis, die am Bahnhof auf Reisende warten. Ich kann nicht sagen, ob ich den Job liebe oder hasse, er ist wahnsinnig divers. In einer Taxischicht siehst du den Querschnitt der Gesellschaft.

Der Weg 

Ein Freund von mir, der auch Taxifahrer ist, hat mich auf die Idee gebracht. Dann ging alles sehr schnell: Zuerst muss man eine Firma finden, die einen anstellt. Dann musste ich zu einem Arzt, der mir versichert, dass ich nicht „auf den Kopf gefallen“ bin. Also: Hör-, Seh- und Reaktionstest und dann noch die obligatorische Frage nach Drogenkonsum, der allerdings nicht überprüft wird. Der schwierigere Teil ist der Ortskenntnisnachweis bei der Stadt. Da muss man die Adressen von Ämtern, Polizei, Feuerwehr, Altenheimen, Bädern und vielen anderen Einrichtungen wissen. Beim ersten Mal habe ich ein bisschen zu sehr auf meine Erinnerung gesetzt, ich bin hier schließlich großgeworden, und dann erstmal durchgeflogen. Danach habe ich noch mal richtig für den Test gelernt und bestanden. Das ganze Prozedere kostet rund 180 Euro und nach zwei bis drei Wochen konnte ich dann auch schon anfangen zu arbeiten. Achja, man darf natürlich keine Punkte in Flensburg haben.  

Eine typische Schicht 

 Lange Schichten dauern zwölf Stunden, dazu kommt aber noch die Anreise zur Firma, wo man das Auto abholt und es auch wieder zurückgibt. Ich fahre gegen 17 Uhr zur Arbeit, gegen sechs Uhr morgens fahre ich dann meist zurück in die Zentrale, wo ich den Wagen noch putzen und die „Reste der Nacht“ beseitigen muss. Dann rechne ich ab und gehe schlafen. Insgesamt war ich dann 13 bis 14 Stunden unterwegs. Wenn ich in dem Rhythmus mehrere Tage hintereinander arbeite, ist kein Platz für Freizeit. Die neun Stunden dazwischen schlafe, dusche und esse ich und dann geht es weiter. Man weiß nie, wo man unterwegs sein wird. Manchmal fahre ich Langstrecken von fünf Stunden, manchmal gurke ich die gesamte Nacht in der Kleinstadt rum. Manchmal pendle ich den ganzen Abend von Party zu Party, manchmal kommen Aufträge von Krankenhäusern, um Blut zu transportieren, wenn es Notfälle gibt. Im Schnitt mache ich in einer normalen Nacht 25 Fahrten. Die letzten zwei Stunden sind am anstrengendsten, wenn die Müdigkeit kommt und man eigentlich nicht mehr kann. Da musste ich mir auch dringend abgewöhnen, die langen Wartezeiten mit Rauchen zu überbrücken. 

Die Gäste 

In einer Kleinstadt steigen alle vorne ein im Taxi und oft werde ich von Menschen vollgequatscht, mit denen ich nicht einer Meinung bin. Zum Beispiel diese Leute, die aus der Rechtsrockkneipe rausfallen, sich im Taxi über „die Ausländer“ beschweren und sich dann am Dönerladen absetzen lassen. Da ist meine Strategie mittlerweile: Musik so laut drehen, dass ich nichts mehr hören muss. Es gibt ein paar Klassiker, auf die man öfter trifft: In der Zeit zwischen vier und sechs muss ich am Wochenende oft zu Großraumdiskos. Die Mädels, die da alleine rauskommen, sehen in dem adretten Taxifahrer dann die letzte Rettung des Abends und schmeißen sich an mich ran. Oft steigen an diesen Orten auch die berüchtigten Kleinstadt-Gangster ein, die viel zu laut sind oder ins Auto kotzen. Da muss man sich ein dickes Fell zulegen und auch mal zurückschreien oder Leute abweisen.

Der Großteil der Fahrgäste ist aber gut drauf. Wenn ich auf Partys fahre, werde ich oft noch auf eine Zigarette oder eine Cola eingeladen. Wenn mir meine Prämie an dem Abend egal ist, bleibe ich dann auch kurz. Manche sind dann richtig süß und bedanken sich für die nette Fahrt und die gute Musik. Das tut sehr gut, gelobt zu werden. 

Das Geld 

Der Mindestlohn für Taxifahrer beträgt neun Euro die Stunde. Mit circa 35 Stunden pro Woche komme ich da auf 1260 Euro brutto. Festangestellte arbeiten oft 55 bis 60 Stunden. Dann gibt es noch eine Umsatzbeteiligung von 10 Prozent ab 200 Euro und manchmal Trinkgeld, das ist natürlich steuerfrei. In einer guten Nacht sind das 30 bis 35 Euro. Interessanterweise geben die Geschäftsmänner, die nach Geld aussehen, am wenigsten. Die fahren auch private Fahrten auf Rechnung und geben deshalb keinen Cent Trinkgeld. Die Leute, die abends von ihrer Stammkneipe nach Hause fahren und nicht so aussehen, als sollten sie sich ein Taxi leisten, geben dafür oft am meisten.

Der Spruch auf Partys 

Die meisten Partys verpasse ich im Moment, weil ich da im Taxi sitze. Meine Freunde haben oft das Vorurteil, dass Taxifahren super gefährlich ist. Ich höre von Kollegen auch öfter mal Horrorgeschichten, in einer Kleinstadt wie Limburg hält sich das aber in Grenzen. Drei Mal habe ich bisher die Polizei gerufen. Ein Typ saß zum Beispiel mal auf meiner Motorhaube und hat nicht aufgehört, auf die Windschutzscheibe zu schlagen, weil ich ihn nicht mitnehmen wollte und er offensichtlich zu betrunken war. 45 Minuten hat er sich an meinem Auto ausgetobt, bis endlich die Polizei kam.

Die Absurditäten 

Eigentlich könnte ich nach jeder Schicht drei Geschichten aufschreiben und nehme mir auch immer fest vor, mir alles zu merken. Dann bin ich aber oft so fertig, dass ich nur noch einschlafe. An zwei krasse Erlebnisse erinnere ich mich:

Ich wurde mal „entführt“. Da wurde ich nachts in ein Bordell gerufen. Sowas kommt öfter vor, dass gerade ältere Besucher, die nicht mit einer Horde Kumpels unterwegs sind, sich einen Taxifahrer für die ganze Nacht mieten und mehrere Locations abklappern. Entweder, weil das für sie zum Luxus der Nacht gehört, oder, weil sie nicht allein sein wollen. Den einen Typ habe ich also am Bordell abgeholt und er wollte dann an den Flughafen fahren und mit mir nach New York fliegen. Das habe ich natürlich ausgeschlagen. Dann wollte er nach Frankfurt, auf die Kaiserstraße, auch nicht unbedingt das angenehmste Pflaster. Er hat immer mehr getrunken. Ich fühlte mich wie ein Babysitter. Die Taxiuhr lief die ganze Zeit weiter. Er wollte mich dann auch noch in ein anderes Bordell einladen, das habe ich ausgeschlagen und brav an der Theke meine Cola getrunken bis er fertig war. Am Ende hatte er 490 Euro auf der Uhr.

Es gibt auch traurige Geschichten. Eine Frau stieg mitten in der Nacht ein, sie hatte starke Blutungen von ihrem Darmkrebs. Eigentlich hätte sie einen Notarzt gebraucht, keine Ahnung, warum sie sich ein Taxi geholt hat. Ich habe das ganze Auto mit Plastik ausgelegt, sowas hab ich immer dabei, seit mir mal eine Festivalhorde das Auto mit ihren Schlamm-Schuhen verdreckt hat. In der Nacht habe ich alle Verkehrsregeln missachtet und bin mit der schwer blutenden Frau ins Krankenhaus gebrettert und noch länger bei ihr geblieben. Das war sehr traurig, weil mir klar war, dass sie wohl sterben wird. Es war aber auch ein schöner zwischenmenschlicher Moment.    

Die Zukunft 

Für mich ist Taxifahren nur ein Zwischenjob, um Geld zu verdienen. Ich mach das noch zwei Monate und dann würde ich gern mal wieder mein Hirn ein bisschen fördern. Das kommt bei dem Job zu kurz. Mich nervt auch, dass der Job so krass mein Leben beeinflusst und ich praktisch keine Freizeit habe, wenn ich mehrere Nächte hintereinander arbeite. Als Nebenjob könnte ich mir das aber weiterhin vorstellen. Den Taxischein habe ich ja jetzt.  

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