450 Euro brutto für die Dragqueen

Tagsüber studiert Marcel, 21. Abends verwandelt er sich in „Rachel Intervention“.
Protokoll von Laura Hornberger

Foto: privat; Illustration: jetzt

Der Weg

Ich liebe Unterhaltungskunst, ich liebe Comedy und ich liebe es zu performen. Schon mit 14 habe ich in Musicals mitgespielt. Meine Drag-Karriere begann mit der Fernsehshow RuPaul’s Drag Race. Dort treten Dragqueens aus Amerika in verschiedenen Bereichen gegeneinander an: Gesang, Tanz, Schauspiel, Comedy und Moderation. Den Großteil der Show werden jedoch die Männer gezeigt, die hinter den Queens stehen. Das hat mich so inspiriert, dass ich bei den nächsten Kostümpartys, an Halloween und an Fasching, als Frau aufgetaucht bin. Mit 18 stand ich dann das erste Mal als „Rachel Intervention“ im Kreatief in Neckarsulm auf der Bühne. Eigentlich war es als Scherz gedacht, die Resonanz des Publikums war aber so positiv, dass ich dachte: „Das hat Potenzial.“ So richtig als Dragqueen arbeite ich nun seit drei Jahren. Meine Solo-Shows heißen „Eiersalat“ und sind eine Mischung aus Stand-Up-Comedy und Lip-Sync-Performances, ich „singe“ also Playback zu Musik.

Der Job 

„Drag“ ist eine Kunstform, die das Darstellen einer erweiterten Persönlichkeit – egal ob männlich, weiblich oder geschlechtslos – bezeichnet. Das Ganze findet auf einer Bühne vor einem Publikum statt. „Dragqueen“ zu sein bedeutet also einfach, dass diese Persönlichkeit dem weiblichen Geschlecht angehört. Es gibt aber auch Dragqueens, die Wert darauf legen nicht allzu weiblich auszusehen, die keine Brüste tragen und sich nicht rasieren. Bärtige Queens, wie beispielsweise Conchita Wurst. Viele machen auch „Nachahmungen“, imitieren also beispielsweise Britney Spears oder Madonna. Ich habe mich jedoch auf Rachel Intervention festgelegt: eine zuckersüße Diva mit Domina-Attitude. Sie ist für mich mehr als eine Rolle. Es ist nicht so, dass ich zu einer anderen Persönlichkeit werde, sobald ich mich abschminke. Das bin ich in einer erweiterten Form. So kann ich hundertprozentig ich selbst sein und noch drei Schippen drauflegen. Als Dragqueen kann ich das Beste aus beiden Welten, der männlichen und der weiblichen, kombinieren. In meinen Shows versuche ich immer auch auf Politisches aufmerksam zu machen. Wir haben Trump im Weißen Haus, wir haben die AfD im Bundestag. Das sind Sachen, die für ein harmonisches Zusammenleben nicht optimal sind. Mithilfe meiner Figur Rachel versuche ich, Harmonie zu schaffen, Toleranz zu erzeugen und aufzuklären.

Die Verwandlung

Das Umstyling von Marcel zu Rachel dauert ungefähr drei Stunden, wobei zwei fürs Make-up draufgehen, das ich selbst mache. Anschließend ziehe ich mich um, was zusätzliche 20 Minuten beansprucht. Dann noch Nägel aufkleben, Perücke aufsetzen und dann bin ich startklar. Rachel ist eine Comedy-Queen. Ihr Kleidungsstil ist zwar nicht androgyn, aber ich versuche immer ein männliches Merkmal in ihren Look einzubauen. Sei es eine Hose oder ein Hemd. Wenn ich Kleider trage, kombiniere ich sie mit Kurzhaarperücken. Ich mag diese Girly-Girly-Sachen nicht so.

Herausforderungen

Drag gewinnt immer mehr an Popularität, aber es gibt viele Menschen, die das nicht verstehen oder nicht verstehen wollen. Unsere Gesellschaft denkt größtenteils immer noch binär. Das heißt: schwarz, weiß. Mann, Frau. Die Grauzonen werden nicht beachtet. Auf jemanden, der als Dragqueen arbeitet und die Geschlechtergrenzen verschwimmen lässt, wird teilweise herabgesehen. Wenn ich nach einem Auftritt noch mit geschminktem Gesicht durch die Gegend laufe, muss ich immer ein wenig aufpassen. Ich schaue dann meistens, dass ich nicht alleine bin. Beispielsweise bin ich schon im Drag-Outfit mit der U-Bahn nach Hause gefahren. Manche Leute schauen halt. Aber wenn mich jemand fragt, warum ich so geschminkt bin, dann sage ich: „Ich arbeite als Dragqueen, das ist meine Arbeitsuniform“.

Travestie

Es gibt eigentlich keine wirkliche Unterscheidung zwischen Drag und Travestie. Im Grunde genommen ist es das Gleiche. Drag ist aber eher neuartig, Travestie würde ich eher als das „Old-School-Drag“ bezeichnen.

Die Zukunft

Für die Zukunft wünsche ich mir, dass Drag noch mehr Aufmerksamkeit bekommt und dass Drag als Kunst und nicht als irgendetwas Verwerfliches gesehen wird. Wir sind auch nur Clowns, die hübscher aussehen. Drag bedeutet Spaß, Drag bedeutet frei sein, Drag bedeutet sich inspirieren zu lassen. Das ist etwas, was alle Leute miteinander verbindet und sollte deshalb mit Respekt angesehen werden. Ich fände es schön, wenn sich Menschen einen Ruck geben würden, einfach mal vorbeikommen. Was ich mache, ist Unterhaltungskunst und ich glaube, das ist nie falsch. Egal für wen. Die Shows sind nicht exklusiv für Schwule, Lesben oder transidente Menschen. Drag ist für Männer, für Frauen und alles, was dazwischen liegt.

Das Geld

Als Künstler habe ich kein geregeltes Einkommen. Das Gehalt ist davon abhängig, ob ich gebucht werde. Manchmal habe ich einen Monat lang keinen Auftritt, im nächsten Monat dafür aber mehrere. Durchschnittlich komme ich auf circa 450 Euro brutto im Monat. Manchmal mehr, manchmal weniger. Den Großteil des Geldes investiere ich jedoch gleich wieder in neue Outfits, Make-up und Perücken. Da ich noch Student bin, ist es sehr kostspielig, Drag zu betreiben.

Die Frage, die auf Partys immer gestellt wird

„Wie lange brauchst du morgens im Bad?“, „Läufst du so jeden Tag rum?“ Viele Menschen gehen davon aus, dass ich jeden Morgen aufstehe, mich stundenlang schminke und als Rachel Intervention meinen Alltag bewältige. Da muss ich die Leute immer wieder aufklären: Auch wenn ich sehr weiblich scheinen mag, ist das „nur“ mein Beruf. Es ist ein Teil meiner Identität, aber ich bin ein Mann, der sich in seinem Körper wohlfühlt und auch als Mann lebt. Rachel gehört für mich nur auf die Bühne.