2831 Euro brutto für die Lehrerin an der Waldorfschule

Eva, 27, unterrichtet Eurythmie – und kann über „Baumschul“- und „Tanzt ihr euren Namen?“-Witze nur den Kopf schütteln.
Protokoll von Charlotte Bastam

Eva unterrichtet an einer Waldorfschule.

Illustration: Julia Schubert

Der Unterricht

Eurythmie ist eine Art Tanzform, bei der geistige Inhalte durch Körperbewegungen und Gesten ausgedrückt werden. Dabei spielen Musik und auch mal Texte eine Rolle. Die freie Entfaltung steht ganz klar im Mittelpunkt. Es gibt zwar feste Bewegungsabläufe oder Gesten wie bei klassischen Tänzen, doch wie sie eingesetzt werden hängt von den Tänzern selbst ab. Kinder lernen in meinem Unterricht sich mit sich selbst, ihren Körpern und den Raum auf ihre eigene Art und Weise auseinanderzusetzen. Dazu machen wir unterschiedliche Übungen, die sich vor allem an Musik, aber auch an Texten orientieren können. Ich unterrichte die Klassen sieben bis zwölf an einer Waldorfschule in Kleinmachnow in der Nähe von Berlin. Meistens besteht eine Klasse aus 32 Schülern, die für meinen Unterricht noch einmal geteilt wird. Ich unterrichte also immer ungefähr 16 Schüler. Je nach Alter der Schüler habe ich eine andere Herangehensweise: Jüngere Schüler leite ich noch mehr beim Kreativsein an. Die Älteren sollen sich verstärkt individuell mit ihrem Körper beschäftigen und eigene Stärken herausfinden. Ich gebe für die Stunde ein Thema vor, dass wir dann zusammen erarbeiten. In der elften Klasse kann das zum Beispiel der Raum über einem selbst sein, den die Schüler entdecken sollen.

Ich habe meistens sechs Schulstunden am Tag. Die erste beginnt meistens um 10 Uhr 25. Hinzukommt noch die Vor- und Nachbereitung der Stunden, Organisatorisches um die jeweiligen Projekte herum und Elternabende. Auch an Waldorfschulen gibt es einen Lehrplan, der sich am Bund der Freien Waldorfschulen orientiert. Vor jedem Schuljahr mache ich mir Gedanken, wie ich den Schülern die Inhalte näherbringen möchte. Dabei kann ich sehr frei sein und vor allem auch auf die Vorstellungen der Schüler eingehen. Denn die persönliche Entwicklung steht bei uns im Vordergrund. Jeder soll sich auf seine Art und Weise entfalten können. Denn Eurythmie ist gerade während der Pubertät, wo sich der Körper stark verändert, ein toller Weg ein neues Gespür für ihn zu finden. Denn während dem Unterricht konzentriert man sich auf sich selbst und entdeckt eigene Stärken und neue Möglichkeiten. Gleichzeitig fördert es die eigene körperliche Präsenz und Kreativität. 

Die Ausbildung

Ich war selbst auf einer Waldorfschule und kenne somit das Konzept von klein auf. Tatsächlich habe ich persönlich ein anderes Schulsystem nie erfahren. Dass ich einmal selbst an einer solchen Schule unterrichten werde, kam aber vor allem durch die Musik. Seit der ersten Klasse spiele ich Geige. Meine Freizeit bestand aus Unterricht, Üben und Vorspielen. Irgendwann in der elften Klasse hat mir die Geige aber nicht mehr gereicht und ich wollte noch tiefer in die Musik eintauchen. Damals hatte ich auch Eurythmie und das Fach hat mir die Möglichkeit gegeben, mich auch auf anderen Ebenen damit auseinanderzusetzen. Dadurch habe ich diesen Bereich für mich entdeckt.

Eurythmie und Waldorfpädagogik kann man wie andere Studiengänge auch an öffentlichen Hochschulen studieren. Ich habe dann in Witten vier Jahre lang Eurythmie studiert und mein Diplom gemacht. Allerdings sind die ersten vier Jahre in diesem Bereich oft nur ein allgemeines Grundstudium. Deswegen habe ich anschließend in Den Haag noch einen einjährigen Bachelor drangesetzt, um meine Kenntnisse zu vertiefen. Währenddessen musste ich auch ein Praktikum absolvieren, welches ich an meiner heutigen Schule gemacht habe. Zurzeit mache ich noch einen Master in Teilzeit und spezialisiere mich in Bühnenkunst. Andere Richtungen wie Pädagogik wären aber auch möglich.

 

Die Motivation

Meinen größten Antrieb ziehe ich aus der Arbeit mit jungen Menschen, da ich nicht nur ihnen etwas mitgeben kann, sondern auch unglaublich viel über mich selbst und das Fach lerne. Denn Kinder sind noch offener und unbelasteter als man selbst. Ich bin schon viel festgefahrener in meinen Strukturen und Herangehensweisen: zum Beispiel, wie ich meinen Körper einsetze. Von den Kindern lerne ich aber immer wieder, dass es ganz unterschiedliche Möglichkeiten gibt, sich auszudrücken und kreativ zu sein. Auch mich jeden Tag mit meinem Körper zu beschäftigen macht mir unglaublich viel Spaß. Dazu kommt noch, dass ich in einer sehr freien und kreativen Atmosphäre mit tollen Kollegen arbeiten darf.

 

Die Besonderheiten

An Waldorfschulen ist nicht nur die Lehre, sondern auch die menschlichen Beziehung zwischen den Kindern und den Lehrern sehr wichtig. Ein Jugendlicher verbringt den Großteil seiner Zeit in oder mit der Schule. Daher finde ich es auch so wichtig und schön, dass sich die Schüler an Waldorfschulen individuell entfalten und ihren eigenen Interessen und Stärken nachgehen können. Natürlich kann man nicht jeden Schüler ganz genau so fördern wie er oder sie es gerade braucht, doch versuchen wir hier an der Schule unser Bestes. Denn kein Schüler ist gleich.

 

Der Stressfaktor

Klar ist es manchmal auch stressig. Gerade kurz vor einer Aufführung gibt es immer viel zu tun. Aber eigentlich sind das auch immer schöne Phasen, weil man sich dann besonders intensiv mit der Arbeit auseinandersetzt. Was mich tatsächlich mehr stresst, ist die Selbstverwaltung an Waldorfschulen. Denn so etwas wie einen Chef und eine Verwaltung im herkömmlichen Sinne haben wir nicht. Im Kollegium teilen wir deswegen Aufgaben wie die Personalverwaltung oder die Finanzbuchhaltung untereinander auf. Dadurch haben wir für die unterschiedlichen Bereiche aus Lehrer bestehenden Gremien, die sich ein bis zwei Mal die Woche treffen und diese organisatorischen Aufgaben übernehmen. An sich finde ich die flache Hierarchie und die hohe Selbstbestimmung gut, aber das kann auch viel zusätzliche Zeit, Stress und Verantwortung bedeuten. Zurzeit habe ich allerdings Glück und bin wegen meinem Master von diesen zusätzlichen Pflichten befreit.

 

Das Geld

Wie viel man als Eurythmielehrer verdient hängt sehr davon ab, welche finanziellen Mittel die jeweilige Waldorfschule hat. Schließlich sind das alles Privatschulen. Bei uns verdienen jedenfalls alle Lehrer gleich viel. Nur wenn man relevante Zusatzqualifikationen hat oder länger als 15 Jahre an der Schule arbeitet, bekommt man mehr. Von meinen 2831 Euro brutto im Monat kann ich jedenfalls in Berlin gut leben. Allerdings mache ich auch in meiner Freizeit noch viel für die Arbeit – leider unbezahlt. Zum Beispiel muss ich Auftritte vorbereiten oder Elternabende abhalten. Diese Zeit sollte eigentlich auch entlohnt werden.

Die Frage, die auf Partys immer gestellt wird

Leider ist es wahr und ich werde tatsächlich oft gefragt: „Kannst du deinen Namen tanzen?“ Das finde ich immer sehr schade. Denn Eurythmie ist so ein vielfältiges und kreatives Feld – und diese Frage zeugt meistens von einer sehr einseitigen und vorurteilsbehafteten Sicht. Schon während der Schulzeit bin ich vielen Vorurteilen gegenüber Eurythmie und Waldorfschulen begegnet. Vieles davon glaube ich, gründet auf Unwissenheit. Wenn mir jemand einfach nur Ablehnung entgegenbringt und meint: „wir kommen von der Baumschule“, habe ich auch keine Lust mehr mich auf irgendeine Diskussion einzulassen. Doch oft haben Menschen auch echtes Interesse und wollen wissen, was es mit den Schulen und der Eurythmie auf sich hat. Dann erkläre ich es natürlich gerne.