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Fotos: Privat / Collage: jetzt.de

Der Berufsalltag

Ich bin gegen halb 11 Uhr in meinem Studio „Forever Dark” in Velbert und fange an, meinen Arbeitsplatz herzurichten: Ich packe meine Instrumente steril ein, lege die Nadeln raus, die ich brauche und stelle schon den Stuhl auf das jeweilige Körperteil ein, das tätowiert werden soll. Ich arbeite in einem Terminstudio, was bedeutet, dass man im Vorfeld ein Datum vereinbart, an dem sowohl das Design als auch die Tätowierung umgesetzt werden. Noch bevor der Kunde kommt, suche ich also nach Referenzen, die ihm gefallen könnten. Eine grobe Vorstellung davon habe ich durch ein vorheriges Telefonat. Wie lange das dauert, hängt dann meistens auch davon ab, ob die Person sich zum ersten Mal stechen lässt oder schon ein Tattoo hat. Wenn das Thema zum Beispiel „Hollywood“ sein soll, schaue ich nach interessanten Gesichtern von bekannten Schauspielern.

Im Tattoo-Business gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man zeichnet komplett frei neue Motive oder erstellt Designs aus Referenzen wie alten Fotos. Das ist eine wichtige Entscheidung, weil Tätowierer selten beides können. Ich habe mich für das Design entschieden, da ich es liebe, Portraits zu zeichnen.

Wenn der Kunde dann gegen 11 Uhr kommt, stelle ich ihm meine Designs auf dem Laptop vor. In meinem Stil – dem Realismus – versucht man, das Tattoo so nah wie möglich am Originalbild zu halten. Können mein Kunde und ich uns zunächst nicht einigen und diskutieren lange, gibt es einen zweiten Termin. Denn umso später es wird, desto anstrengender wird es auch für meine Kundschaft. Die Motivation geht schnell flöten, weil ich bis zu fünf Stunden für meine Arbeit einplane. Meistens wird man sich aber relativ schnell einig.

Ich halte das Tätowieren für eine kreative Tätigkeit, die Pausen und etwas Muße braucht. Deswegen vergebe ich an nur vier Tagen in der Woche Termine. In der anderen Zeit mache ich mir Gedanken über Themen und Motive, recherchiere im Netz nach besonderen neuen Arbeiten und Methoden. Ich bilde mich so kontinuierlich weiter. Für mich ist das ein bisschen so wie für andere ihre Tageszeitung. Das Tätowieren darf niemals zu einer Massenabfertigung werden, bei der man sich keine Mühe mehr gibt. Selbst, wenn man die tausendste Blume sticht, hat man trotzdem noch die Möglichkeit, sie neu zu gestalten oder sie aus einer anderen Perspektive zu zeichnen. Wenn in einem Kundentermin alles glatt läuft, rauche ich meistens gegen 18 Uhr meine letzte Zigarette und habe Feierabend.

Der Weg

Schon mit 13 Jahren wusste ich, dass ich Tätowiererin werden will. Ich habe immer gern gezeichnet und bin durch meinen Vater früh mit Tattoos in Berührung gekommen. Er war Rockmusiker, Tattoos gehörten schon immer zu seinem Lifestyle, der mich begeistert hat. Meine Anfragen an Studios wegen eines Praktikumsplatzes waren damals ernüchternd, da ich viel zu jung war. Nach dem Abitur habe ich es dann wieder probiert und hatte Glück, dass es in Essen einen Tätowierer gab, der mich sympathisch fand und mich unterstützen wollte. Schließlich ist es kein anerkannter Beruf mit einer klassischen Ausbildung. Man braucht also irgendeinen Profi, der bereit ist, einem die Basics zu zeigen: Wie man zum Beispiel die elektrische Tätowiermaschine bedient. Mit der Nadel zu stechen, ist schließlich was ganz anderes, als mit einem Stift auf Papier zu zeichnen. Mit 10.000 Stichen pro Minute ist sie auch nicht mehr sichtbar. Um niemanden für sein Leben lang zu verunstalten, muss man erstmal auf Schweinehaut üben. Viele Metzger bieten diese zum Spottpreis an, weil es eigentlich Abfall ist. Ein Kilo in Lappen geschnittene Schweinehaut muss man eine Woche im Voraus bestellen und kostet ungefähr sieben Euro.

Irgendwann hatte ich den Eindruck, mich nicht mehr weiterzuentwickeln, wollte etwas ganz anderes machen und bin beim Fernsehen gelandet. Als Darstellerin habe ich dann bei „Verdachtsfälle“ nach Bösewichten gesucht oder bei „X-Diaries“ einen Club auf Ibiza eröffnet. Bis ich dann eines Tages als Tonfrau hinter der Kamera stand. Trotzdem war das Tätowieren immer in meinem Hinterkopf als Traumjob gespeichert. Knapp drei Jahre lang bin ich auf jede Tattoo-Convention in Deutschland gefahren und habe dort als Model Produkte wie Abheilsalben verkauft oder mich sogar live stechen lassen. Dadurch konnte ich viele Kontakte zu Tätowierern knüpfen und mir die unterschiedlichsten Stile anschauen.

Vor fünf Jahren hab ich mich dann endgültig dazu entschieden, meinen Traum Realität werden zu lassen. Anstatt direkt wieder ins Stechen einzusteigen, habe ich ein Jahr lang nur Input gesammelt, um meinen eigenen Stil zu entwickeln. Was bedeutet, dass ich in dieser Zeit der Schatten meines Mentors war. Ich habe ihn in Beratungsgesprächen, Tattoo-Sitzungen und auf Conventions begleitet. Als ich mich auf den Realismus und Black and Grey festgelegt habe, musste ich wieder eine ganze Weile auf Schweinehaut üben. Das ist mir wirklich ziemlich schwer gefallen, weshalb ich einen Mundschutz getragen habe. Tote Haut riecht zwar nicht, wenn man aber stundenlang darauf tätowiert, ist der Gestank kaum auszuhalten.

Der Ekel davor war auch mit meine größte Motivation, möglichst schnell so gut zu werden, dass ich endlich an ersten Probanden arbeiten durfte: meinen Eltern. Meinem Vater habe ich einen Schriftzug und ein realistisches Mikrofon aus den Sechzigern tätowiert. Meine Mutter hat eine Rose aufs Schulterblatt bekommen. Das war viel schwieriger als bei meinem Vater war, weil es erst ihr zweites Tattoo war und sie sehr schmerzempfindlich ist. Rein handwerklich habe ich in beiden Fällen aber gute Arbeit geleistet. Bis heute wünscht sich keiner von ihnen ein Cover up, also ein Übermalen des Tattoos.

Die Beziehung zu den Kunden

Ich nehme Tagessätze, was bedeutet, dass ich mir für jeden Kunden einen ganzen Tag Zeit nehme. Dadurch kann ich ein intensives Verhältnis zu ihnen aufbauen. Wir kennen das ja alle von Friseurbesuchen. Man kommt automatisch ins Gespräch und wird von Stunde zu Stunde offener, erzählt mehr Privates. Oft möchten sie besondere Momente in einem Tattoo auf ihrer Haut verewigen. Neben der Kunst gehört das Zuhören auch zu meinem Job, was ihn noch spannender für mich macht.

Die Herausforderungen

Jeder Tag ist anders, allein, weil jeder Kunde einen anderen Hautton hat. Auch, wenn man mit der Zeit ein gewisses Gespür dafür entwickelt, kann man erst nach dem ersten Stich wirklich sehen, wie sich die Farbe in der Haut entwickelt. Eine weitere Herausforderung ist es, den klaren Vorstellungen seiner Kunden gerecht zu werden. Viele bringen Referenzen mit, nicht selten ausgedruckte Fotos von bereits gestochenen Tätowierungen. Die kann und will ich aber nicht abpausen und womöglich noch auf der gleichen Körperstelle platzieren. In der Szene nennt man den Diebstahl anderer Arbeiten „Copycat“. Es ist unsere Verantwortung, den Kunden klarzumachen, dass man zwar im Thema und Motiv bleiben kann, es aber ein neues Design werden muss. Sind sie damit nicht einverstanden, wäre ich die falsche Tätowiererin für sie. Bisher musste ich aber nur einmal jemanden deswegen wieder nach Hause schicken.

Wichtig ist auch, die richtige Platzierung für ein Motiv zu finden. Nicht jedes Gesicht sieht auf jeder Muskelgruppe gleich gut aus. Deswegen kontrolliere ich die Anordnung und Komposition meiner Designs im Vorfeld mit Hilfe von Photoshop auf Fotos der jeweiligen Stelle.

Die häufigste Frage auf Partys

Kann man davon leben? Meine Antwortet lautet dann ganz klar: „Ja.“ Man muss sich einen Namen in der Szene machen, was einem nur gelingt, wenn man sich permanent weiterentwickelt, mutig ist und sich hohe Ziele steckt. Natürlich kann man sich auch damit zufrieden geben, ein mittelmäßig guter, aber solider Allrounder zu bleiben. Dann läuft man aber auch Gefahr, ersetzt zu werden. Traut man sich aber an große Werke wie zum Beispiel einen ganzen Rücken heran, hat man auch eine größere Chance, als Tätowierer zu polarisieren. Für einen Rücken brauche ich heute circa 30 Stunden, was dann fünf Sitzungen wären. Um irgendwann eine eigene Handschrift zu entwickeln, sollte man sich außerdem auf einen Stil spezialisieren.

Oft werde ich gefragt, ob auf ein Tattoo immer ein Zweites folgt. Ich kann das nicht wissenschaftlich belegen. Meiner Erfahrunf nach bleibt es aber selten bei einem.

Das Geld

Als Selbstständige im eigenen Tattoostudio variiert mein Einkommen stark. Für eine Tagessitzung verlange ich 500 Euro, was ich für angemessen halte. Einerseits möchte ich meine Kunst nicht unter Wert verkaufen und hochwertiges Material verwenden. Wenn man qualitatives Material benutzt, gibt man pro Kunde im Schnitt dreißig Euro aus. Darunter fällt zum Beispiel das Desinfektionsmittel, Einwegrasierer- und nadeln sowie für die Nachpflege Abheilsalben. Für jede Sitzung brauche ich mindestens fünf Nadeln. Andererseits möchte ich aber auch finanziell schwächeren Menschen eine Chance geben, auf ein Tattoo sparen zu können. In einem guten Monat komme ich auf ein Bruttogehalt von knapp 3.000 Euro. Mittlerweile habe ich mir aber auch einen stabilen Kundenstamm erarbeitet.

Die eigene Handschrift

Ich habe mich bewusst gegen schwarze Außenlinien und Farbe entscheiden. Der Stil nennt sich Realismus und Dark and Grey. Das Bild wird auf der Haut also ganz anders aufgebaut: Mit Schattierung und Kontrasten. Für mich ist es simpler und epischer. Handwerklich ist es allerdings anspruchsvoller, weil man das Tattoo so aufbauen muss, dass es viele Jahre hält. Was mit einer schwarzen Außenlinie wesentlich einfacher ist.

Ich arbeite mittlerweile fast ausschließlich an Projekten, was bedeutet, dass ich ganze Arme oder Beine in einem Thema tätowiere. Das war hartes Schmieden, weil es wirklich seine Zeit braucht, bis Kunden einem ihre blanken Körperteile anvertrauen. Ich steche ungern Schriftzüge. Ich find, das Bilder Menschen und Ereignisse besser in Ehren halten. Deswegen trage ich selbst auch nicht die Namen meiner Eltern, sondern ihre Gesichter auf dem Arm. Mein Spezialgebiet sind alte Portraitfotos mit vielen schwarzen Kontrasten: Von Charlie Chaplin oder Salvador Dali. Kurz: markante Gesichter, die vom Leben gezeichnet sind.

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