Inhalte statt Ironie

In Berlin wird der neue Jugendkanal "funk" vorgestellt. Der gar kein Kanal ist.
Von Charlotte Haunhorst
Das neue Logo von funk

Das neue Logo von funk

Foto: Stefan Höderath

Ein bisschen erinnert das Logo an die Bauklötze, die als Kind immer in die dazu passenden Löcher einer Platte stecken musste.  Zwei eckige und zwei runde Formen gibt es, zusammen ergeben sie das Wort „Funk“. Und das ist, wie heute in Berlin bei einer Presseveranstaltung bekannt gegeben wurde, der Name des neuen Jugendprogrammes von ARD und ZDF.

funk, das ist natürlich ein bisschen ironisch. Weil es von „Rundfunk“ kommt und man gerade eben das auf dem Kanal ja nicht anbietet. Stattdessen wird funk ein sogenanntes „Content-Netzwerk“ für die Zielgruppe 14-29 sein. Bedeutet, dass die Inhalte nicht über einen eigenen Sender, sondern originär auf sozialen Netzwerken wie Youtube, Facebook und Snapchat ausgespielt werden. Die Marke funk ist dabei nur das Dach für die bisher 40 verschiedenen Formate, eine App und eine Webseite verschaffen ab dem ersten Oktober einen Überblick über das neue Angebot.

Das Ironische des Namens zieht sich auch durch die gesamte Präsentation von funk. Bereits vor einigen Monaten war ein Blog zum neuen Jugendkanal mit dem komplizierten Namen Jungesangebotvonardundzdf online gegangen, auf dem man sich präventiv mit möglicher Kritik auseinandersetzte ("Und DAS mit unseren Gebühren / Hört auf euch so anzubiedern / Ihr seid uncool"). Donnerstagmorgen, kurz vor der Pressekonferenz, tauchte dann auch noch ein Video auf, in dem zahlreichene Memes und Youtube-Hits collageartig verwurstet werden. Der Slogan dazu "Das Internet ist vorbei". Und auch bei der eigentlichen Präsentation des Senders wird nicht an ironischen Hipsterreferenzen gespart. In einer ehemaligen Fabrik in Berlin-Wedding findet sie statt, es gibt Stühle, die nicht zusammenpassen, Club Mate, an einer Wand steht sogar zu Dekozwecken ein Rennrad. Dazu werden Brotboxen aus Metall verteilt.

 

Wie sich der Rundfunk hippe Locations vorstellt

 

Eigentlich nett. Würden einem eben nicht ständig Menschen sagen: „So stellen sich Öffentlich-Rechtliche eben hippe Locations vor.“  Oder andauernd erklären , dass man ja auch wisse, dass die Jugend nicht auf diesen Sender gewartet habe. Aber man sich bemühen würde, sie dort abzuholen, wo sie ist: Im Netz. So als wolle man die Erwartungen möglichst gering halten.

 

Vielleicht hat diese Strategie funktioniert. Denn bei der Präsentation einiger der neuen Formate diesen Donnerstag sind die meisten Zuschauer positiv überrascht. Sicher, manches ist albern, aber vieles wirkt vielversprechend und vor allem: mutig. Da gibt es das Y-Kollektiv, das mit Flüchtlingen auf einem Boot im Mittelmeer mitfährt. Eine Sketch-Sendung mit dem sperrigen Titel "Gute Arbeit Originals" (wieder so eine ironische Hipsterreferenz) mit Katja Gerz und Florentin Will (manchen bekannt als "Beefträger" von Jan Böhmermann). Oder die eigenproduzierte Mystery-Serie "Wishlist" über eine App, die einem jeden Wunsch erfüllt. Diese Auflistung könnte man bei 40 Formaten noch sehr lange fortführen und es sind noch viele weitere in Planung.

 

Das alles wird produziert von jungen Menschen für junge Menschen, funk selbst tritt vor allem als Geldgeber und Vermarkter in Erscheinung. Manche der Formate existierten bereits vor dem Launch, andere wurden eigens in Auftrag gegeben. Die Redaktionen der öffentlich-rechtlichen Sender sind dabei vor allem unterstützend tätig. Sophie Burkhart, stellvertretende Geschäftsführerin von funk, erklärt das Konstrukt so: "Wir wollen, dass die Redaktionen möglichst autark arbeiten. Wenn wir unterstützen, oder auch Querverbindungen zu anderen Formaten hergestellen können, tun wir das natürlich gern." Trotzdem sind viele Redaktionen an öffentlich-rechtliche Einrichtungen angeschlossen. Das "Y-Kollektiv" kooperiert zum Beispiel mit Radio Bremen, das Reportageformat "Jäger und Sammler" (an dem auch unser Autor Friedemann Karig beteiligt ist) mit der Redaktion von Frontal 21 vom ZDF.

 

Gleichzeitig steht der neue Kanal aber auch unter einem gewissen Erfolgsdruck. Denn, anders als beim Fernsehen, weiß man hier sehr genau, was geklickt wird. "Natürlich sollen unsere Formate auch konsumiert werden. Dementsprechend werden wir schon auch auf Klickzahlen schauen oder darauf, wie oft etwas kommentiert und geteilt wird", sagt Sophie Burkhart. Dabei ist ihr allerdings ein "langer Atem" wichtig – nicht alles, was sich nicht klickt, wird sofort abgesetzt.

 

Eine Sache ist dann allerdings doch am Ende ein bisschen wie beim Fernsehen: Viele der neu vorgestellten Formate sind erst einmal auf zehn bis 12 Folgen angelegt, wobei einmal die Woche veröffentlicht wird. Zum 1. Oktober mit dem Binge-Watching anfangen, geht also nicht.

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