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Wir liegen im Bett, unser Mund dampft wie ein Aschenbecher, neben dem Bett liegen die Reste eines zerfetzten China-Böllers und überhaupt ist alles nahe an der Grenze zum Unerträglichen. Jemand hat gestern - wie jedes Jahr - wieder Böller an Stellen explodieren lassen, die an der Grenze zum Straftatbestand stehen. Jemand hat noch eine Runde bestellt, als eigentlich schon niemand mehr konnte. Es war viel zu spät oder zu früh, bis wir ins Bett kamen und jetzt liegen wir drinnen im denkbar unattraktivsten Zustand stinkend, dampfend, maulend und denken an – Sex. Und zwar nicht so mal hin und wieder, wie wir sonst halt eben auch statistisch alle acht Minuten an Sex denken, sondern richtig. Dieses Phänomen nennt man so halbwissenschaftlich „postalkoholische Geilheit“ und es wird sogar in einem Buch über Sex erörtert. Darin heißt es: „Für die im Volksmund bekannte „postalkoholische Geilheit“ (…) gibt es keine wissenschaftliche Erklärung. Möglicherweise lässt sie sich auf den Schlafentzug zurückführen, da die Schlafphasen Betrunkener gestört sind. In einem Tierversuch an schlafgestörten Ratten zeigte sich ein erhöhter Prolactin-Spiegel. Da Prolactin für die Lust bedeutsam ist, könnte dies vielleicht die Kater-Lust beim Menschen erklären.“ Vielleicht liegt es aber auch daran, dass wir bei so einem Kneipen-/Clubabend (wie zum Beispiel gestern) soviel Dekolletes und Mädchenzeugs sehen und riechen und hören. Die ganzen Reize stauen sich dann über Nacht an und wir sind am nächsten Morgen ganz untenrumfixiert. Prolactin hin oder her – wie ist das bei euch? Wirkt sich ein Kater bei euch ähnlich aus? Auf der nächsten Seite: Die Mädchenantwort von Penni Dreyer.


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Geilheit als natürliche Begleiterscheinung des Katers - allein die Tatsache, dass wir jetzt ganz schön lange über dieses interessante Phänomen nachdenken müssen, beweist uns: regelmäßig haben wir sowas nicht. Eine schöne Vorstellung ist es aber schon. Dann könnte man die prophylaktische Kopfschmerztablette vor dem Ins-Alkoholkoma-Fallen ja gleich weglassen. "Ach, ich nehme heute keine Aspirin vorm Schlafen gehen, ich freue mich schon so auf die postalkoholische Geilheit morgen früh!", würde ich mir im begeisterten Suff regelmäßig denken. Dass sie nicht immer da ist, heißt allerdings nicht, dass uns diese Katergeilheit vollständig unbekannt ist. Nach einigem Überlegen fällt uns ein, dass sie nämlich doch schon ein- oder mehrere Male mit uns aufgewacht ist. Wir wälzten uns mit ihr in unserer Fahne und auf dem vom nicht entfernten Augen Make-up schwarz verschmierten Kopfkissen. Weil Klardenken noch nicht funktionierte, blieb nur die flache Besinnung auf das, was eindeutig und unmittelbar zu spüren war: unser Körper und der in ihm auf höchsten Touren laufende Ausnüchterungsprozess; das bekannte Nachglühen. Unsere Haut fiebrig heiß. Im seltsam wummernden Kopf vermischten sich restalkoholische Schwachsinnsgedanken mit aufregenden Traumfetzen. Dieser unkontrollierten Intensität ausgeliefert empfanden wir plötzlich ein undefiniertes Verlangen nach Sex. Wir wollten unsere heiße Haut an andere heiße Haut pressen und mit halbgeöffneten Augen gegen die sich ankündigenden Kopfschmerzen anknutschen, angrabschen, anstöhnen. Manchmal löst ein Kater also doch solche Gefühle in uns aus, ja. Aber eben nur manchmal. In vielen Fällen nämlich wachen wir einfach nur angewidert auf, schämen uns für das uns wieder ins Bewusstsein dringende blöde Geschwafel des Vorabends und wollen bloß noch sterben. Hauptsache heraus aus der sich so schrecklich anfühlenden Haut. Kalt duschen, Zähne putzen und den ganzen Tag niemanden sehen. Zum Schluss ist es mit dieser postalkoholischen Geilheit bei uns also wahrscheinlich so, wie es eben auch mit unserer alltäglichen Sexlust ist. Im Gegensatz zu der euren klopft sie nicht alle acht Minuten - oder anderweitig verlässlich - an die Haustür unseres Unterstübchens. Sie schaut vorbei, wann es ihr gerade passt und erhält sich so den Status des stets willkommenen Überraschungsgastes. Dadurch beibt sie immer auch ein klitzekleines bisschen geheimnisvoll – was uns im Falle ihres Auftretens dann irgendwie gleich doppelt anmacht. penni-dreyer