Die Jungsfrage: Als Jugendlicher habe ich zwei Mal mit Mädchen geschlafen. Aus sexueller Verwirrtheit. Damals dachte ich, dass Jungs nun mal mit Mädchen schlafen müssen. Diese sexuellen Erlebnisse fand ich weder abstoßend noch Ekel erregend. Ein bisschen langweilig, vielleicht. Kickte eben nicht richtig. Wenn ein Schwuler mit einer Frau schläft, ist es für ihn ein bisschen, als säße er versehentlich im falschen Kinofilm. Du dachest, du hättest Karten für ein wildes, leidenschaftliches Drama mit mindestens ansatzweise pornographischem Einschlag. Dann geht das Licht aus - und plötzlich du stellst fest: "Hejaa, das ist aber eine seltsame Mischung aus dem Garfield-Animationsfilm und Ottos Sieben Zwergen, hier." Nicht gerade die Erfüllung. Aber das Leben hält weitaus schlimmere Prüfungen für einen Menschen bereit. Wer weiß: Falls gerade nichts Gutes auf dem Spielplan steht, schau ich mir vielleicht eines Tages noch einmal ganz bewusst den falschen Film an. Nur so aus Spaß und für den eigenen Erfahrungsschatz. Kürzlich saß ich mit drei heterosexuellen Freunden beim Rotwein zusammen. Die Themen: Studium (nüchtern), Fußball (nach dem ersten Glas) und Sex (nach dem vierten Glas). Entspannte Atmosphäre. Doch die Stimmung kippte, als ich fragte: "Jungs, wie isses, habt ihr schon mal ein bisschen was mit einem anderen Jungen probiert? Oder könnt ihr euch das zumindest theoretisch vorstellen?" Frank polterte als erster: "Nein, auf gar keinen Fall. Das würde ich niemals über mich bringen. Das fände ich abstoßend." Markus legte nach: "Völlig außerhalb dieses Universums. Da würd' ich mich eher einer Killerschlange zum Fraß vorwerfen lassen." Lars: "Allein, wenn ich mir vorstelle, wie da so ein steifer Schwanz in meinem Bett - also, wie der da rumliegt. Dann soll ich den womöglich noch in die Hand nehmen." Frank: "Geht gar nicht. So ein Schwanz. Das ist doch Ekel erregend." Lars: "Kein steifer Penis in meiner Nähe. Bloß nicht." Das gab mir doch zu denken. Ich kann bestens verstehen, dass heterosexuelle Jungs am liebsten oft und ausschließlich mit Mädchen schlafen wollen. Als Schwuler schlafe ich auch seit Jahren nur mit Männern. Doch warum ist jedes Experiment mit anderen Jungs für Hetero-Jungs so unvorstellbar abstoßend? Einen Schwanz in der Nähe hat doch jeder Junge, nämlich den eigenen. Wie der steif aussieht oder auch in der Hand liegt, wissen auch alle. Was jemand selbst hat, kann ihn doch nicht ernsthaft ekeln, oder? Also woher kommt diese Angst? Warum ist der männliche Körper eine schlimmere No-Go-Area für Euch als ein Kino, in dem ausschließlich Jane-Austen-Verfilmungen gespielt werden, eine zwölfstündiger Gottesdienst mit George W. Bush als Prediger, eine Grube voll gefräßiger Riesenschlangen oder ein Feld voller Landminen?

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Die Jungsantwort: Neben Fußball, Autos und Herrenwitz gehört der öffentlichkeitswirksam vorgetragene Ekel vor allem Schwulem zum Standardrepertoire des Klischeemännchens, stimmt. Und, stimmt auch, das ist widersprüchlich, albern und vor allem auch ein bisschen kindisch und man muss noch nicht einmal schwul sein, um diese Widersprüche zu sehen. Es reicht schon vollkommen, wenn man diesen Kanon der Männlichkeit einmal überdenkt und dann folgerichtig in Frage stellt. Keine Widerrede also – aber eine Erklärung dafür? Gar nicht so einfach. Die Umfrage im Freundeskreis führt zu keinem richtigen Ergebnis. Freund Malte, der – sein Name deutet das bereits leicht an – nicht direkt aus einer Familie kommt, in der klassische Geschlechterrollen aus- und vorgelebt wurden und der vielleicht ein bisschen zu oft in der Emma seiner Mutter geblättert hat, kommt ziemlich prompt mit einer Angstthese um die Ecke, bei der Potenz und Macht ungefähr das Gleiche sind und bei der am Schwanz auch gleich die gesellschaftliche Rolle des Mannes hängt. Freund Ole dagegen findet Männerschwänze erstmal total widerlich, sagt auf die nahe liegende Warum-Nachfrage: „Ach, keine Ahnung, ich interessiere mich einfach nicht für die Schwänze von anderen Männern. So toll sieht das ja auch nicht aus. Und ich will eben auch nicht, dass meine Freundin sich dafür interessiert.“ Und irgendwo in der Mitte, glaube ich, liegt wohl die Wahrheit, zumindest für mich: Ich habe kein Problem mit Schwänzen, aber seit sich das nervöse Schielen in Umkleidekabinen und Gemeinschaftsduschen gelegt hat, interessieren sie mich ungefähr so sehr wie die drei dutzend anderen erogenen Zonen – Ohrläppchen, Fußsohlen, Schulterblätter, was auch immer – bei wildfremden, für mich unattraktiven Menschen: nicht sonderlich. Und man muss auch nicht das Stilogramm auswendig gelernt haben, um zu sehen, dass es hübschere Dinge auf dem Erdenrund gibt als Männerschwänze, vor allem wenn sie gerade mal nicht ausschlagen. Gleichzeitig verstehe ich wohl, dass jeder fremde Schwanz für mich als Hetero nicht Lust verspricht, sondern auf eine Weise Konkurrenz – und zwar genau da, wo sich Männlichkeit letztlich beweist. Da kann man ganz allgemein schon mal Angst haben, als Mann, der die „Ausweitung der Kampfzone“ gelesen hat. Einerseits. Andererseits habe ich gar keine Lust, mich von dieser seltsamen – aber unter Männern offenbar gerne gepflegten – Logik einlullen zu lassen. Und ich will schon gar nicht so tun, als wäre der Fehler bei den anderen, bei den anderen Schwänzen und anderen Männern oder gar bei den Schwulen. Statt diese Angst als Ekel zu verkaufen, um meine Männlichkeit zu inszenieren, bleibe ich lieber gelassen. Das nämlich ist echte Männlichkeit: Keine Angst vor anderen Männern zu haben. Und auch nicht vor deren Schwänzen. daniel-erk