Jungs fragen Jungs: Wollt ihr einfach rumknutschen?

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Die Jungsfrage: Die Grenzverläufe zwischen Freundschaft und einem möglichen „Mehr“ in meine Emolandkarte einzuzeichnen, fiel mir noch nie leicht. Während ich mich in alle meine Freunde sofort verlieben würde (wenn ich mich denn in Jungs verlieben würde), waren alle Mädchen mit denen eine Liebelei wenigstens mal zu Debatte stand, so super, dass ich jeder einzelnen ein jubelndes Empfehlungsschreiben in Sachen Freundschaft ausstellen würde (na gut, fast jeder). Schwierig wurde es aber dadurch immer dann, wenn das Mädchen und ich nicht so exakt wussten, was wir genau miteinander anfangen wollten. Ganze zwei Jahre habe ich zum Beispiel fast jedes Mal nachdem ich mit meiner besten Freundin Sophie unterwegs war, den Heimweg damit verbracht, zu überlegen, warum wir eigentlich nicht ineinander verliebt sind. Oder warum wir nicht wenigstens mal ein bisschen rumknutschen: tut ja keinem weh, wir kennen uns ja schon eine kleine Ewigkeit und dass wir uns mögen steht sowieso außer Frage. Ehrlich gesagt: Eine richtige Antwort konnte ich mir nicht geben und Sophie, als ihr davon erzählte, auch nicht. Wir haben es dann trotzdem gelassen, aus einer Mischung aus Angst vor Veränderung und einem Hoch auf die Freundschaft. Als ich nun aber mit den drei Rabauken, die ich meine Freunde nenne, durch die Stadt zog, es sehr spät und übermäßig schnapsig wurde und wir Arm in Arm wankend zur U-Bahn zogen, ereilte mich wie ein Blitz folgender Gedanke: Meine Güte, dachte ich, wie anstrengend wäre das denn bitte, wenn ich jetzt auch noch Bock hätte, mit einem dieser Schnapsdrosselfreunde zu knutschen? Dass ich, wären ich und die anderen schwul, zumindest einen ehrgeizigen Versuch unternommen hätte, daran bestand – ganz ehrlich – kein Zweifel. Seitdem frage ich mich: Wie regelt ihr das? Knutscht ihr dann, ausgelassen wir man euch vom CSD so kennt, einfach mal rum oder gibt es auch diese Freunde, bei denen die Freundschaft viel mehr wert ist als die hemungslose Rumschnullerei? daniel-erk

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Die Jungsantwort: Ralf ist einer meiner besten Freunde. Vor drei Monaten hat Tom ihn verlassen. Doch Ralfs Liebe klebt: er kann Tom nicht vergessen. Deshalb versprüht Ralf jetzt die Lebensfreude eines Menschen, der jeden Tag von Wirtschaftsredakteuren der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” mit vorgehaltenem Maschinengewehr gezwungen wird, den Börsenteil solange zu lesen, bis er ihn auswendig laut aufsagen kann. Ralf fühlt sich verarscht, einsam, unfähig, hässlich und nicht mehr liebenswert. Während ich Ralf vor kurzem mal wieder im Arm hielt, um ihn zu trösten, dachte ich: “Komm, was soll’s.” Dann begann ich langsam seine Tränen wegzuküssen, schob ihm meine Zunge in den Mund und machte mich an seinem Gürtel zu schaffen. Ralf reagierte zunächst regungslos, entschied sich aber bald zum Mitmachen. Hinterher sah er endlich mal wieder richtig entspannt und gelöst aus. Wenigstens eine Weile. Wenn Homo-Jungs untereinander befreundet sind, gibt es drei Konstellationen: 1. Beide fühlen sich körperlich und auch sonst sehr stark voneinander angezogen. Dann probieren sie einfach aus, was geht und was nicht. Wenn eine Beziehung nicht funktioniert, besteht die Möglichkeit einer reinen Freundschaft ja immer noch. Ganze zwei Jahre zu überlegen, ob sie jemanden küssen wollen, erschiene den meisten eine alberne Form der Zeitverschwendung. 2. Der eine möchte eine Beziehung, der andere Freunschaft. Auf Dauer kann das nicht gut gehen, so dass die Wege sich mindestens für eine Zeit lang trennen dürften. Kann ja später noch mal was werden, in die eine oder in die andere Richtung. Wer weiß. 3. Beide wollen eine Freundschaft, die hoffentlich viele Jahre und die ein oder andere wechselnde Beziehung überdauern. Die Anforderungen an eine solche Freundschaft sind hoch: Gesucht ist jemand, der geduldig zuschaut, wenn wir vor dem Disko-Besuch den Kleiderschrank durchprobieren. Die Person muss an betreffenden Abenden zudem in der Lage sein, uns mitten ins Gesicht zu lügen und dabei zu beteuern, wir hätten uns nicht zuviel Gel ins Haar geschmiert. Wir brauchen jemanden, der sich mit uns freut, wenn wir uns verliebt haben. Wenn wir uns so fühlen, als hätten wir drei Packungen Brausepulver mit Waldmeister-Geschmack in Cola gerührt und getrunken. Jemanden, der für uns da ist, wenn eine Liebe vor die Wand gefahren ist. Wenn ihre Einzelteile auf der Autobahn verteilt liegen und ein RTL-Team schnell noch ein paar Shots für die Nachrichten am späten Nachmittag macht. Ich persönlich erwarte von Freunden noch, dass sie jederzeit bereit sind, Bourbon auf Bourbon mit mir hinunterzustürzen, wenn einer meiner Vorgesetzten sich im Büro mal wieder wie eine Mischung aus drei der seltsamsten Personen der Weltgeschichte aufgeführt hat: George W. Bush, der römische Kaiser Nero und der Giftzwerg aus Teheran (Ahmadinedingsbums, oder wie der heißt). Gute Kenntnisse der Gilmore Girls sind für eine Freundschaft mit mir hilfreich, aber nicht zwingend nötig. Ralf war, ist und bleibt so ein Freund. Er ist sympathisch, verlässlich, unterhaltsam und übrigens auch nicht unattraktiv. Unser Verhältnis zueinander ist klar: Wir kennen uns sehr lang und waren nie ineinander verliebt. Es gibt eben Menschen, die sich super verstehen, zwischen denen es aber nicht funkt. Unsere Freundschaft ist uns sowieso mehr wert, als alles andere, was sein könnte. Daran können Küsse und Sex nichts ändern. Wer sich seiner Freundschaft sicher ist, kann sich in Notzeiten ruhig mal gegenseitig aushelfen. Dafür sind Freunde doch da. Gut, dass ich Ralf ein bisschen von seinem Kummer ablenken konnte. Beim nächsten Mal machen wir dann aber wieder was anderes. Halma, Mau-Mau oder “Mensch, ärgere dich nicht” spielen. Oder so.

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