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Ich habe ein schlechtes Gewissen. Weil ich immer wieder an diesen Papierlampenballon in der Wohnung von Clara, meiner Freundin, gestoßen bin. Und weil Clara eine neue Lampe gekauft hat. Weil sie dazu sagte: „Ich kaufe eine, an die du nicht mehr stoßen kannst.“ Und weil sie hinzufügte: „Aber du musst sie aufhängen.“ Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich die neue Lampe immer noch nicht montiert habe. Ich weiß nicht, wie man das macht. Muss ich den Strom abstellen? Muss man das dübeln? Welche Dübelgröße? Und woher soll ich eine Bohrmaschine nehmen? Und wie soll ich wissen, dass ich nicht auf eine Stromleitung treffe oder die Wasserleitung anbohre? Gut ist: Clara geht nicht davon aus, dass ich die Lampe nicht montieren könnte. Schlecht: Sie glaubt deswegen, dass ich faul bin. Aber, wie gesagt, ich weiß eben nur nicht, wie man so etwas macht. Jungs können Heimwerken, sagt Clara. Aber ich kann kochen, ich verwasche keine Hemden und weiß, dass man bei Salatsoßen das Öl als letztes hinzufügt und dass man Rotweinflecken mit Salz bekämpft. Und alles das erwartet Clara auch. Ich soll beides können. Ich soll sein wie unsere Väter, die einerseits sozialisiert wurde von Eltern, die ein traditionelles Männerbild hatten und ihnen alles beibrachten, was man als Mann so können muss: Sie können Autoöl wechseln, Waschmaschinen installieren, Holz hacken, eine Krawatte binden, Fahrradreifen flicken, sie könnten diese Lampe aufhängen. Andererseits haben sich unsere Väter in Frauen verliebt, die wollten, dass auch Männer einfühlsam sind, Wäsche waschen, wissen, wie man Hackbraten macht, Fenster putzt ohne Streifen zu hinterlassen, Hemden bügelt, Männer, die wissen, wer Jane Austen ist. Irgendwie sind die meisten ehemals typisch männlichen Fähigkeiten an mich nicht mehr weitergegeben worden, viele typisch weiblichen Begabungen schon. Ich werde meinen Vater fragen, wie man das macht, eine Lampe an die Decke schrauben. Und dies dann mit kompetentem Selbstkommentar in Claras Beisein tun. Ich werde mich so verhalten, als sei es selbstverständlich, dass Jungs gute Heimwerker sind, weil ich glaube, dass Clara das toll findet. Aber ist das wirklich so, liebe Mädchen? Ist es schlimm, dass dies eben nicht mehr selbstverständlich ist? Sind wir dann keine echten Männer mehr? Oder sind typisch männliche Eigenschaften nicht mehr so wichtig? Und: Warum lernt ihr denn eigentlich nicht, wie man eine Lampe befestigt und Holz hackt und Öl wechselt? Auf der nächsten Seite kannst du die Mädchenantwort lesen.


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Lieber Junge, um erst einmal einige Vorurteile aus der Welt zu räumen: Ich kann sehr wohl Holz hacken und Lampen befestigen. Okay, Öl wechseln kann ich nicht, aber ich besitze auch kein Auto, bin also noch nie in die Verlegenheit gekommen. Und die von dir als „weibliche Begabungen“ beschriebenen Fähigkeiten beherrsche ich im Übrigen auch – mitunter eher rudimentär und eher theoretisch, aber immerhin. Woran du meiner Meinung nach leidest, war mir bisher eher als sehr Mädchentypisches Phänomen bekannt. Dabei handelte es sich meist um sehr ätherische Geschöpfe, denen prompt die Tränen kamen, sobald ihre Fahrradkette herausgesprungen war. Immer war irgendwo ein ritterlicher Junge, der Mädchentränen schwer ertragen kann und sich prompt daran gemacht hat, alle Probleme aus dem Weg zu räumen. Daraufhin buk das Mädchen dem Jungen einen Dankes-Kuchen und zementierte so ganz nebenbei das uralte Bild vom schwachen Geschlecht noch ein bisschen fester in die Köpfe der Allgemeinheit ein. Für so eine Haltung habe ich, ehrlich gesagt, keinerlei Verständnis. Denn meiner Meinung nach gibt es einige Fertigkeiten, die jeder Mensch beherrschen sollte – unabhängig vom Geschlecht. Dazu gehören: ein zumindest minimales Koch-Wissen, mit dem man nicht verhungert; die Fähigkeit, einen Knopf anzunähen; Holz hacken; Fahrrad flicken; und tatsächlich auch die von dir genannte Beherrschung der Bohrmaschine. Ich will ja nicht den Teufel an die Wand malen, aber es besteht durchaus die Möglichkeit, dass du eines Tages aus unerfindlichen Gründen in einer Berghütte festsitzt und all diese Dinge gefragt sein werden. Klar kannst du dann zu deinem Begleiter sagen: „Hör zu, ich kümmere mich lieber um unsere Bibliothek und mache den Salat an.“ – allerdings könnte ich mir vorstellen, dass der nach kurzer Zeit relativ entnervt sein wird von einer solchen Haltung. Und eine solche unterstelle ich dir eben: Dass du eine Bohrmaschine nicht bedienen kannst, ist gar nicht unbedingt das Problem. Das Problem ist, dass du damit kokettierst. Ist ja auch bequem: in deiner Schöngeistigkeit hast du dich ganz hübsch eingerichtet und erwartest von deiner Umwelt, dass sie dir die lästigen Dinge, die Dreck machen, abnehmen. Und diese Haltung nervt ganz kolossal, egal, ob du Junge oder Mädchen bist. Um nun zu deinem Clara-Problem zu kommen: ich bin mir sicher, dass deine Freundin nicht von dir erwartet, dass du all das kannst. Sie erwartet nur von dir, dass du ihr hilfst. Also reiß dich zusammen, erkundige dich bei einer Vertrauensperson nach der Dübel-Situation und dann geh zu ihr und düble das blöde Ding fest. Damit keine schlimmeren Dinge passieren, denke daran, die Sicherung herauszumachen und dann kann es losgehen. Wenn am Ende ein schönes Lochmuster im Stuck ist, musst du eben zusätzlich noch einen Kuchen backen. Aber das kannst du ja. penni-dreyer