Jungsfrage: Mädchen, warum gründet ihr fast nie eine Band?

Immer zum Wochenende: Jungs fragen Mädchen fragen Jungs, weil manches kapiert man einfach nicht, bei denen. Ab sofort auch zum Anhören!
max-scharnigg

Die Jungsfrage zum Anhören wird präsentiert von Süddeutsche Zeitung Audio - dort gibt es auch weitere Fragen zum Anhören! Es gibt eine Zeit im Leben fast aller Jungs, in der sie überlegen, Rockstar zu werden. Oder eben Metaller, Indiepopper, Rapper oder Straßenmusiker, das hängt dann nur noch von Kleinigkeiten ab. Jungen, die bisher nur mit Kochlöffeln auf Eimern trommelten, werden in dieser Zeit zu Schlagzeugern, Nachdenkliche werden Bassisten und diejenigen mit der besten Frisur sind auf einmal Bandleader, brüllen Quatschenglisch ins Mikro bis die Stimmbänder leiern. Nach zwei Stunden Lärm fühlen sich alle drei als Band und bereit für den ersten Auftritt. So geht das, ein paar Jahre lang. Unsere Gründe für diese Form des Zeitvertreibs sind unterschiedlich, in den seltensten Fällen geht es um Virtuosität am Instrument. Stattdessen sind wir vor allem wütend, gefrustet und verkannt und haben so eine vage Ahnung, dass in dem Rumschreien in Bandräumen und auf der Bühne, im Texten von tiefgefühligen Liedern oder besonders todesverachtenden Reimen so eine Art Abkürzung zum Besseren liegen könnte. Außerdem erscheint uns die Chance, mit einem Bass in der Hand zu Ruhm (und an euch ran) zu kommen doch noch aussichtsreicher, als mit einem Fußball am Fuß. Wer zwar ein Junge, aber gänzlich fei von Musiktalent ist, der wird in dieser Lebensspanne vielleicht Punkband-Manager oder bedient die Lichtorgel bei der Party oder hat die größte gecrackte Playlist mit Liedern oder die verrücktesten Musikmagazine daheim – irgendwie scharen wir uns jedenfalls rund um das Rock’n’Roll-Monument und finden bei dieser Beschäftigung Trost und Freude. Aber wo seid ihr dabei? Ihr seid es doch, die seit Kindesbeinen an Instrumente lernt und die meistens viel besser bedienen könnt als wir. Warum aber ist euer Anteil bei Bandgründungen zwischen 12 und 17 Jahren so gering? Ihr seid doch auch sonst vorne dran, wenn es darum geht, Gefühle in Worte zu kleiden, ihr lest doch sogar manchmal Gedichte. Aber es zieht euch in dieser Stimmung nicht gerade auf die Bühne – woran liegt das? Warum müsst ihr keine Band gründen, um durch die Pubertät zu kommen? Auf der nächsten Seite die Antwort der Mädchen

Die Jungsfrage zum Anhören wird präsentiert von Süddeutsche Zeitung Audio Tja, da sprichst du einen wahren Missstand an. Es ist ja nicht so, dass wir Mädchen uns weniger für Pop, Frisuren und schwarzmalerische Lyrics interessieren würden. Schon im Kindergarten summen wir Derartiges in den Duschkopf und stellen uns dabei vor, im Abendkleid allein auf einer großen Bühne zu stehen. Ab der ersten Klasse werden wir wöchentlich zum Klavierlehrer geschickt, wir nehmen Mal- und Gesangsstunden, zitieren Rilke, wir stellen die Mehrheit im Schulchor, covern 70er-Jahre-Hits und wollen später alle werden wie Erykah Badu. Kurz: Eltern und Lehrer setzen in unserer frühen Kindheit alles daran, uns zu musischen Wesen heranreifen zu lassen. Währenddessen tretet ihr einem Fußballverein bei, reißt Ameisen die Beine aus und verprügelt auf dem Pausenhof die Jungs, die auf dem Sommerfest in der Aula vor Eltern und kleinen Geschwister vorsingen. Etwa ab dem Zeitpunkt, an dem ihr das erste Mal etwas von einer Band namens Nirvana hört, geht es dann bei euch los: Ihr wünscht euch ein Schlagzeug oder eine E-Gitarre zum 13. Geburtstag und trefft euch im Jugendzentrum oder in einer Garage, um als Kollektiv den einsamen Wolf zu mimen, der das Lied vom Tod spielt. Auch ihr werdet von Eltern und Lehrern darin bestärkt, eine musikalische Karriere zu verfolgen; aber zumeist in Form der besorgten Bitte, doch in Sachen Gewaltfantasie und Lautstärke einen Gang runterzudrehen. Vielleicht ist es ja so, dass ihr eure erste Erfahrung mit selbst gemachten Akkorden daher unweigerlich mit Rebellion und Eskapismus in Verbindung setzt, während für einige von uns Mädchen die musikalische Revolte eher darin besteht, uns endlich vom Zwang des Mondscheinsonaten-Übens zu befreien. Denn in den seltensten Fällen werden aus den vielen Klarinetten-, Klavier- und Geigenschülerinnen eine neue Joanna Newsom oder die neuen CocoRosie – stattdessen kehrt vermutlich irgendwann eine schnöde Einsicht ein: Wir haben einfach die falschen, da uncooleren Instrumente gelernt, um uns noch zu euch in die Menge vor dem Rock’n’Roll-Monument zu schmuggeln. Bleibt also die Frage, was wir tun, wenn wir mal wieder von der Welt im Allgemeinen enttäuscht sind. Denn mit dem Gefühl, mit all den Jungen und Pickeln nicht zu Recht zu kommen, sind wir ja in der Adoleszenz ebenso bestens vertraut. Auch hier fällt die Antwort etwas banal aus. Wir haben einen einfacheren, pragmatischeren Weg gefunden, unseren Schmerz zu kommunizieren. Wir wählen unmittelbare und umfassende Leidlinderung in allen Lebenslagen – die Telefonnummer unserer besten Freundin. xifan-yang

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