Hach, so ein eigenes kleines Café, das wär's...

Hach, so ein eigenes kleines Café, das wär's...

Foto: Krine / photocase.de

Liebe Mädchen,

gehen wir mit euch einen Kaffee trinken, ist die Wahrscheinlichkeit relativ hoch, dass man in einem dieser netten Kleincafés mit Naturholz-Theke, Karottenkuchen-Vitrine und sympathisch egalen Kunstdrucken landet. Hinter der Theke steht dort meistens eine Frau zwischen 30 und 50, sie sieht immer sehr glücklich aus, ab und zu kommt ein gut aussehender Typ mit zwei gut aussehenden Kindern vorbei, sie streichelt ihnen über den Kopf, sind ja ihre, dann muss sie aber weiterarbeiten, da steckt ja noch eine Quiche im Ofen. Der Papa geht dann mit den Kleinen auf den Spielplatz und wenn die Quiche fertig und der Mittagsansturm vorüber ist, setzt sich die glückliche Café-Frau auf ein Holzstühlchen in der Sonne und trinkt eine absurd gesunde Schorle. 

Sie liebt und kennt ihre Gäste, alle Gäste lieben und kennen sie und ihr Café. Mit dem hat sie nämlich einen Ort geschaffen, an dem sich Menschen von Angesicht zu Angesicht bei „kleinen Köstlichkeiten“ begegnen können, in einem der ausgelegten Indie-Magazine blättern, manchmal gibt's eine kleine Lesung oder sowas. Ansonsten plaudern, lachen, leben, hach, echte Nachbarschaft eben.

Soweit zumindest der erste Eindruck, dem man vielleicht nicht zu hundert Prozent vertrauen sollte. Dass das Betreiben eines solchen Cafés neben dem gemütlichen Schorle-Trinken auch einen Haufen Arbeit, nervige Möchtegern-Stammkunden, horrende Investitionen im Vorfeld, Existenzängste bei ausbleibender Kundschaft und sonstigen fiesen Mist beinhaltet, kann man sich ja denken.

Euch pauschal einen Hang zur Irrationalität vorzuwerfen, ist natürlich Quatsch und Lebensplanung ist individuell. Genau hier haben wir aber doch oft das Gefühl, dass ihr die Boshaftigkeit des spätkapitalistischen Geschäftsalltags zwar nicht ausblendet, aber zumindest kleinredet. Dass ihr alle insgeheim davon träumt, mal so einen netten Laden zu betreiben, vielleicht nicht sofort, aber irgendwann mal, als potenzielle Exit-Strategie aus dem Turbo-Berufsleben. Dass viele von euch beim Wort „Aussteigen“ nicht an das Eco-Hostel in Panama oder die einsame Berghütte denken, sondern an die leerstehenden Räumlichkeiten im Block nebenan.

Liegen wir da richtig? Und wenn ja, haben wir diese Faszination hier halbwegs akkurat beschrieben?

Eure Jungs

Die Mädchenantwort:

maedchenfrage

Liebe Jungs,

 

okay, bevor ich hier antworte, eine Frage: WO IST DIESES CAFÉ? SAG SCHNELL, ICH MUSS DA HIN!!!!!

 

So. Hyperventilations-Modus aus und weiter zur Antwort:

Na klar kenne ich den Traum vom eigenen Cafe, dem eigenen Laden mit wunderschönen Dingen, der Herrenboutique in Wuppertal. Nicht nur aus den mannigfaltigen Erzählungen von Freundinnen und Bekannten, in echt und in seiner digitalen Fortsetzung, den kleinen Etsy- oder Dawanda-Büdchen für Selbstgeschneidertes. Sondern ich kenne diese Sehnsucht auch sehr gut aus meinen eigenen Tagträumen.

 

Schon als Kind war ich eine ausgesprochen leidenschaftliche Betreiberin eines Pop-Up-Stores. Damals nannte man das noch „Kaufmannsladen“ und der poppte immer dann up, wenn mir langweilig war. Alle Menschen, die nicht rechtzeitig den Raum verlassen hatten, mussten bei mir einkaufen gehen: Mini-Erbsen-Dosen, kleine Milchflaschen, winzige Keksdosen in ihren Mini-Einkaufskorb legen, dann an die Kasse gehen, wo ich alles, wirklich ALLES erst mal abwog, anschließend sorgfältig verpackte und natürlich kassierte. An einer funktionierenden Miniatur-Registrierkasse aus Blech mit den obligatorischen „Ka-tschunk“- und „Bling“-Geräuschen – dem zentralen Schmuckstück meines Büdchens. Im Sommer verlegte ich den Pop-Up-Store nach draußen und belästigte Passanten, auf dass sie mir unvollständige Puzzles und „preloved“ Stofftiere für echtes Geld abkauften. Ich hatte in der Regel einen Tagesumsatz von 2,50 Euro und war stolz wie eine Königin.  

 

Irgendwann verschwand der Kaufmannsladen im Keller und meine Interessen verschoben sich vom Handel in Richtung Konsum. Ich hing, wie die meisten meiner Freundinnen, nach der Schule mit großer Leidenschaft in Geschäften ab, befummelte jedes Stück in den Regalen und wenn ich es mir leisten konnte, kaufte ich was von dem Kram.  

 

Und dann fing das Ausgehen an. Mein Geld wurde in Eintritte und Getränke investiert und ich malte mir mit Freundinnen aus, wie unsere eigene Bar aussähe, würden wir denn eine betreiben. Wir waren uns immer einig, dass es nicht viel mehr brauchen würde als gut gelegene Räumlichkeiten und unseren unfehlbaren Geschmack, damit das Ding wie von selbst laufen würde. Und natürlich hatte ich in den Winkeln meines Gehirns immer auch die Vorstellung genau dieses wunderschöne Café zu eröffnen, das du da oben beschrieben hast.

 

Die Idee kriecht auch heute noch zuverlässig aus den Hirn-Winkeln, wenn es irgendwie nicht läuft, ich Zweifel an meinem Beruf habe oder Schwierigkeiten, die sogenannte Work-Life-Balance herzustellen. Wenn ich, kurz gesagt, frustriert bin – und vielen Frauen in meiner Umgebung geht es genauso: Immer dann erscheint die Vorstellung paradiesisch, einfach alles hinzuschmeißen, einen Laden zu mieten, ein paar Wochen in Latzhosen zu renovieren und sich dann an den Herd zu stellen oder an die Nähmaschine zu setzen und mit den eigenen Händen etwas herzustellen, was man in dem mit wunderbar angeranzten Second-Hand-Möbeln eingerichteten Geschäft verkauft.

 

Ich glaube, die Idee ist deshalb so verführerisch, weil sie sehr viel von dem vereint, was unserer Idealvorstellung nahe kommt: Sein eigenes Ding ganz ohne Chefs und Vorgaben durchziehen können, ein Produkt herstellen und das Ergebnis gleich sehen können, für seinen guten Geschmack und seine kreative Arbeit wertgeschätzt werden (in Form von echtem, barem Geld), jedes einzelne Ding im Laden befummeln dürfen und zu wissen: Das gehört alles mir, solange es noch im Laden liegt. Mit seinem Laden eine Institution im Viertel werden, wo sich die Leute treffen und Neuigkeiten austauschen. Und natürlich eine Registrierkasse haben, die heute vielleicht nicht mehr „ka-tschunk“ macht, aber dafür „rrrrrrr“, wenn der Zaster fließt.

 

Dass die meisten gastronomischen Betriebe nach kürzester Zeit pleitegehen, dass Gewerbe-Immobilien in guter Lage nahezu unbezahlbar sind, dass Frauen, die Selbstgenähtes verkaufen, sich fast immer selbst ausbeuten, um ihre Produkte verkaufen zu können: All das blenden wir dabei gnädig aus. Und uns ist natürlich durchaus bewusst, dass der Traum vom eigenen, gemütlichen Laden oder Café nicht besonders feministisch und glass-ceiling-breaking klingt – und überhaupt nicht nach „Frauen in die Vorstände!“.

 

Das liegt daran, dass es eben unsere Exit-Strategie ist, wenn wir mal wieder erschöpft davon sind, all den Ansprüche genügen zu wollen, die an uns gestellt werden (oder von denen wir annehmen, sie erfüllen zu müssen). Wenn wir die Schnauze voll davon haben, unseren Lebenslauf „strategisch“ zu planen und uns mit Menschen zu arrangieren, die uns in Wahrheit zum Hals raushängen. Aussteiger-Träume sind nun mal in den seltensten Fällen politisch und gesellschaftlich durchdacht, sondern fast immer sehr private Fantasien.  

 

Dass unsere Aussteiger-Träume nicht in Panama oder auf der Berghütte spielen, liegt dann doch wieder an einem gewissen Pragmatismus, der uns auch in unseren Tagträumen nicht verlässt: Viele von uns sehen in ihrer Lebensplanung auch Kinder vor – und die brauchen ab einem gewissen Alter eine funktionierende Infrastruktur wie sie auf Berggipfeln selten zu finden ist. Aber im Block nebenan eben schon.

 

So, jetzt aber Schluss hier, ich muss schauen, was mein Suchauftrag bei Immoscout macht...

 

Eure Mädchen

Was die Jungs sonst noch interessiert: