Mach das bitte aus...

Mach das bitte aus...

Illustration: Katharina Bitzl

Liebe Mädchen,

es fällt mir nicht ganz leicht, diese Frage aufzuschreiben, denn sie geht ans Eingemachte, oder besser ans Ausgemachte, nämlich: ans ausgemachte Licht im Schlafzimmer, wenn wir Sex haben.

Um Anlauf zu nehmen, erzähle ich kurz von einem guten Freund, der gerade eine spannende Erfindung zur Marktreife bringt: Eine Brille, die den mit ihr trainierenden Sportler im entscheidenden Moment (Abschlag beim Golf, Wurf beim Basketball etc. pp.) blind macht. Weil der optische Sinn den anderen, mitunter viel feineren Sinnen die Vorfahrt nimmt. Weil Golfer besser sind, wenn sie Schläger und Ball hören und fühlen, statt sie zu sehen. Weil die Dunkelheit uns in entscheidenden Momenten fokussiert. 

Und damit zurück zum Sex. Wir kennen das alle: Boy meets Girl, man redet, man fasst sich schüchtern an, man redet noch mehr, und irgendwann, egal ob beim fünften Date oder in der ersten Nacht, will man sich gegenseitig ausziehen und mehr anfassen und so weiter und so schön. Unter anderem, weil wir die Herzdame dann in ihrer ganzen Schönheit erblicken wollen, ziehen wir ihr umständlich das T-Shirt über den Kopf, fingern an Reißverschlüssen herum, kurz: betreiben einigen Aufwand, ganz praktisch-handwerklich, um hoffentlich weitere „ästhetische Brücken“ – wie ein anderer Freund gegenseitiges Gefallen nennt – bauen zu können. Und die Herzdame macht es bei uns genauso.

Findet ihr euch nicht schön genug? Oder uns nicht?

Aber was die Beleuchtung der entscheidenden Schritte jenseits aller Kleidung angeht, ergibt die anekdotische Empirie im KollegInnen- und FreundInnenkreis eine klare Geschlechterteilung. Kurz gefasst, vereinfacht und verallgemeinert: Frauen machen lieber das Licht aus beim Sex, Männer lassen es lieber an. Auf „unserer“ Seite besteht da eine wirklich erstaunliche Mehrheit. Warum ist das so, fragen wir uns und euch?

Findet ihr euch nicht schön genug? Oder uns nicht? Könnt ihr euch einfach besser fallen lassen, wenn das Licht aus ist? Weil anfassen, fühlen, spüren für euch einfach besser gehen, wenn man nichts sieht? Weil eure erotische Empathie und Intuition, die Sex erst spannend machen, so von Blindheit profitieren wie der Bewegungsablauf des Golfers? 

Oder liegt irgendwo in der Dunkelheit ein ganz anderer Grund, den wir mal wieder übersehen, egal wie oft wir das Licht wieder anmachen? Lasst uns bitte nicht weiter, Entschuldigung, im Dunkeln tappen! 

Eure Jungs 

Die Mädchenantwort

Mädchenantwort

Mädchenantwort

Collage: jetzt.de

Liebe Jungs, 

tatsächlich fühlen wir uns beim Sex oft wohler, wenn das Licht, zumindest das Hauptlicht eines Raumes, aus ist. Einige von uns erinnern sich deshalb sogar an so manche Rangelei mit euch am Lichtschalter. Denn dass ihr immer alles im Blick haben müsst, finden eben nicht alle von uns verständlich – eher im Gegenteil. Und das hat, wie ihr ja schon vermutet, verschiedene Gründe.

Zum einen den, dass wir uns tatsächlich oft nicht makellos genug fühlen. Wenn das Licht an ist, befürchten wir, dass euch dann beim Sex – wo ihr uns ja in ganzer Schönheit erblicken wollt, wie ihr sagt – all das an unserem Körper auffallen könnte, was uns selbst stört. Und das, so denken wir, ist der Lust dann ja nicht besonders dienlich. Wir konzentrieren uns also bei eingeschaltetem Licht vielmehr darauf, wie wir gerade aussehen. Versuchen unseren Körper sexy zu positionieren, unsere Mimik in den Griff zu bekommen und ringen mit unseren Selbstzweifeln. 

Manchmal ist euer Gesichtsausdruck in unserer Vorstellung erregender als in Wirklichkeit

Diese Konzentration fehlt uns dann aber natürlich an anderer Stelle. Wie ihr es ja schon am Beispiel dieser dollen Brille erklärt, werden andere Sinne schließlich schärfer, wenn einer von ihnen zwangsweise ausfällt. Und andersrum weniger scharf, wenn einer mal wieder besonders busy ist. Noch dazu haben visuelle Reize beim Sex für uns auch über das Selbstzweifel-Problem hinaus nicht so viel Positives wie für euch. Vielleicht finden wir es sogar ein bisschen platt, uns an Optik aufzugeilen. Viel schöner ist es doch, in der Dunkelheit alles ein bisschen geheimnisvoller zu machen, spannender, unerforschter. Wir fokussieren uns aufs Spüren, Hören, Schmecken. 

Klar sehen wir ganz gerne, wie ihr zustoßt oder euer Bizeps sich beim Abstützen anspannt, aber wir brauchen den Anblick nicht unbedingt für ein exquisites Sex-Erlebnis – und wollen auf manch andere Anblicke lieber verzichten. Denn sie holen uns aus unseren Fantasien zurück in die Realität, die oft weit weniger spektakulär und aufregend ist, als wir sie uns beim Sex gerne ausmalen. Zum Beispiel wie ihr beim Sex guckt und die ein oder andere Grimasse zieht – tut uns leid, aber manchmal ist euer Gesichtsausdruck in unserer Vorstellung einfach erregender als in Wirklichkeit. Einige von uns haben sogar zugegeben, dass sie es genießen, wenn sie sich durch die mangelnde Beleuchtung eine ganz andere Person beim Sex vorstellen können. Den Exfreund statt des One-Night-Stand beispielsweise. 

Wir haben einen Kompromissvorschlag: gedimmtes Licht

Und dann ist es auch noch problematisch, dass das, was wir während des Sex mit Beleuchtung sehen, nicht immer damit zu tun hat, und uns darum noch mehr von der sinnlichen Erfahrung ablenkt als alle eure Grimassen. Das Licht blendet uns und reizt unsere Augen, wenn wir mal wieder auf dem Rücken liegen. Und wenn wir den Kopf zur Seite wegdrehen, um das zu vermeiden, richtet sich unser Blick auf andere unschöne Sachen: die dreckige Wäsche, den erleuchteten Handybildschirm oder Staub am Boden. Und weil Sex bei uns wirklich viel mit dem Kopf zu tun hat, ist er schnell nur noch halb so schön, wenn im Kopf jemand laut „DU MUSST DRINGEND NOCH WASCHEN, BEVOR DU IN DEN URLAUB FÄHRST!” oder ähnliche Lappalien ruft. 

Aber weil wir ja wollen, dass alle Spaß an der Sache haben, machen wir euch einen Kompromissvorschlag: gedimmtes Licht oder eine kleine Nachttischlampe. Blendet nicht, lässt alles, was sich nicht auf Tuchfühlung befindet, in der Dunkelheit, und zeichnet auch Haut, Mimik und alles andere, was gerade ganz nah beieinander ist, angenehm weich. Ihr dürft uns aber nicht böse sein, wenn wir vielleicht trotzdem ab und zu die Augen schließen. Wenn wir uns aufs Fühlen konzentrieren, fühlt es sich halt auch wirklich konzentrierter, heißt: besser an.

Eure Mädchen 

Der Autor und die Autorin dieses Textes haben darum gebeten, anonym bleiben zu dürfen.