Mädchen, machen uns Haustiere attraktiver?

Immer zum Wochenende: Jungs fragen Mädchen fragen Jungs. Weil manches kapiert man einfach nicht bei denen.
stefan-winter

Die Jungsfrage:

Bevor ich zur heutigen Frage komme, muss ich eine kleine Geschichte voraus schicken: Sie handelt von einem guten Freund, nennen wir ihn J. Wir kennen uns schon seit Jahren, waren zusammen in der Schule, in der lokalen Disco und auf Interrail. J. hat, seit er fünf Jahre alt ist, eine Wasserschildkröte. Er fand sie damals toll, bequatschte seine Eltern und bekam ein Aquarium samt Tier. Vergangene Woche ist das Tier gestorben.

J. und ich tranken einen Trauer-Trunk und sprachen über den Einfluss, den die Schildkröte auf unsere Jugend hatte. Dabei machte ich eine erstaunliche Beobachtung: Ich hielt das Tier immer für eine Art Makel in Bezug auf Mädchen. Beim ersten Besuch von Js erster Freundin hoffte ich für beide, dass J. die Schildkröte versteckt habe. Gestern nun gestand er mir, dass er das Tier im Gegenteil immer als Waffe im Kampf um Freundinnen eingesetzt habe.

Denn sobald ein Mädchen bei ihm daheim das Aquarium entdeckte, sei er in ihren Augen plötzlich zu einem potenziellen Kindsvater geworden, der treue Sorge und Verlässlichkeit nachweisen kann, weil er schon seit Jahren ein liebevoller Schildkröten-Versorger ist. Er sei eben nicht nur wilder Liebhaber, sondern auch verlässlicher Partner, sagte J., grinste und nahm einen Schluck. Die Worte uncool oder peinlich, die ich stets mit dem Tier verbunden hatte, fielen in J.s Erzählung nicht. Den ganze Abend lang nicht.

Deshalb jetzt mal unter uns: Machen uns Haustiere tatsächlich attraktiver? Oder ist mein Kumpel J. eine tierische Ausnahme? Auf der nächsten Seite kannst du die Mädchenantwort lesen.


  Die Mädchenantwort:

Hättest du mir nicht die Geschichte von der Wasserschildkröte erzählt - es hätte alles so einfach sein können! Mein Kopfkino hätte bei den Stichworten Jungs, Haustier und attraktiv nämlich folgenden Film abgespielt: Großer, gut gewachsener Junge mit Dreitagebart tollt zwischen wehenden Herbstblättern auf einer großen Naturwiese mit seinem Hund herum. Der Hund ist nicht etwa ein lausiger, kleiner Stolperdackel oder ein schielender Menschenfresser, nein, es ist ein schnittiger Jagdhund oder ein hübscher Retriever. Ein Mädchen steht am Rande der Wiese und schaut den beiden Wilden verliebt beim Toben zu. Die ganze Szene strotzt nur so vor grober Wollstrickpullis, Leben, Liebe und Freiheit. Ich wäre aufgestanden und hätte lauthals gerufen: Ja, Jungs! Haustiere machen euch attraktiv! Schafft euch eines an! Aber jetzt erzählst du von der Wasserschildkröte und ich muss, wie immer, dem echten Leben in sein makel-behaftetes Gesicht blicken. Und da ist das mit der Zuordnung des Begriffs attraktiv zu Haustieren so eine Sache. Denn: Haustier ist leider nicht gleich Haustier. Ich bin zwar nicht vom Fach, aber für mich gibt es, grob gesagt, zwei Gattungen von Haustieren. Das wären a) die Großtiere, zu ihnen zählen Pferde, Hunde und Katzen. Und b) die Kleintiere.  Zu ihnen gehören Ratten, Mäuse, Kaninchen, Meerschweinchen, Leguane, Fische, Schildkröten, sogar Vögel, Spinnen, Skorpione und das restliche Krabbelgetier. Die Gattung der Großtiere, würde ich behaupten, hat mehr Sexappeal als die Gattung der Kleintiere. Sie sind immerhin eigenständige Tiere, sie dürfen frei herumlaufen, man tollt und tobt mit ihnen, beschützt sich gegenseitig - gemeinsam kann man so etwas wie ein starkes Team sein. Kleintiere dahingegen werden in Käfigen gehalten, sie haben keinen anderen Zweck, als den Niedlichkeitshunger ihres Besitzers zu stillen. Kleintiere werden aus purem Egoismus gehalten, sie sind nicht mehr als bewegliche Kuscheltiere für den Menschen. Und der Mensch gibt ihnen nichts zurück, er hält sie als Gefangene. Sie bleiben ihrem Halter immer auch ein bisschen ein Mysterium, ganz egal wie lang er über ihrem Käfig hockt und sie mit aller Inbrunst bekümmert. Diese Art verkappter Tierquälerei vereint mit der blinden Faszination dafür, finde ich persönlich ziemlich unsexy. Hinzu kommt, dass es bei allen Kleintierhaltern, die ich kenne, unangenehm müffelt. Und wenn es nicht müffelt, dann ist es ramschig. Sägespäne, bunte Plastikgitterarrangements, verschüttete Futterkörner, vergrindete Scheiben oder die röchelnde Pumpe eines Aquariums -  all das finde ich dermaßen abtörnend, dass ich rückwärts und auf Nimmerwiedersehen aus der Wohnung meiner potentiellen Liebschaft hinausstolpern würde. Aber da es für jeden Typ Haustier offensichtlich einen passenden Typ Mensch gibt, gibt es für jeden dieser Typen auch den passenden Partner. Dein Kumpel J. hat also sicherlich nicht Unrecht, wenn er sagt, dass er in seiner Rolle als liebevoller Schildkröten-Versorger bei manchen Mädchen Eindruck schinden konnte. Seine Angebetete war eben ein Schildkrötenmädchen - oder zumindest ein Kleintiermädchen. Das soll es geben, durchaus zuhauf, ist aber eher geschlechterunabhängig, denn diese Mädchen finden auch die Kleintiere ihrer besten Freundinnen süß. Ich möchte deinem Kumpel J. natürlich auch die These nicht absprechen, dass Mädchen darauf stehen, wenn ein Junge Verantwortung übernehmen kann. Doch man sollte sich darüber im Klaren sein, wie man wahrhaftige Verantwortung für sich definiert. Ich persönlich finde es ja beeindruckender, wenn ein Junge voller Bedacht seinen Haushalt pflegt, regelmäßig wäscht, putzt, aufräumt, wenn er kocht, wenn er mit seinem Geld umgehen kann und wenn er sich voller Liebe und Zuneigung darum bemüht, dass ich und andere sich in seiner Gegenwart respektvoll behandelt fühlen. Ein Haustier sagt für mich deshalb erst einmal überhaupt nichts über einen Menschen aus. Der Leguan eines Jungen ist letztendlich auch nicht mehr als ein Hobby, wie es zum Beispiel ein Videospiel oder ein Auto sein kann. Und wenn sich ein Junge um solche Dinge mehr sorgt als um seine Mitmenschen, dann ist er in meinen Augen ein Freak. Und nicht der potentielle Vater meiner Kinder. mercedes-lauenstein  

Text: stefan-winter - PhotoSuse / photocase.com

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