Mädchen, müssen wir größer sein als ihr?

Immer zum Wochenende. Jungs fragen Mädchen fragen Jungs. Weil manches kapiert man einfach nicht, bei denen.
philipp-mattheis

Eines vorweg: Es geht hier um ein relatives Problem. Ob etwas groß oder klein ist, entscheidet sich nur im Vergleich. (Und so klein bin ich auch gar nicht. Aber das tut hier nichts zur Sache.) Mir war bis vor wenigen Jahren nicht bewusst, dass ich ein eher kleiner Mann bin. Das lag zum einen daran, dass ich während meiner Schulzeit viel mit älteren – und damit größeren – Jungs zu tun hatte und zum anderen – sei es aufgrund lokaler, nationaler genetischer Dispositionen – die Männer in Oberbayern nicht so groß sind wie in Hamburg oder Berlin. Die meisten meiner Freunde waren also entweder älter oder genauso groß wie ich. Ich will kein Mitleid. Ich will nicht, dass man mir sagt: So klein bist Du doch gar nicht. Das weiß ich alles selbst. (Ich bin auch gar nicht so klein.) Ab einem gewissen Alter kann man sich selbst, die eigenen Stärken und die Schwächen ganz gut einschätzen. Man muss sich das so vorstellen: Betrete ich eine Bar oder einen Club, legt sich sofort ein unsichtbares Gitter über die Menschenmenge. Dieses Gitter hängt bei 1,77 Meter. Über 1,77 Meter beginnt eine andere Liga, in der ich nicht mehr mitspielen kann. Zwischen 1,70 Meter und 1,77 Meter ist so eine Könnte-unter-Umständen-gehen-Zone und erst darunter beginnt die Welt potenzieller Ideal-Kombinationen. Kleinere Männer würden jetzt vielleicht sagen: Der jammert aber auf hohem Niveau. Doch das Problem ist eben relativ: Zwischen mir und 177 oder mehr weiblichen Zentimetern wird nicht viel passieren. Weil Frauen eine starke Schulter wollen, jemanden zu dem sie aufsehen können, einen Fels in der Brandung – und sie wollen all das immer noch, wenn sie einmal Stöckelschuhe tragen. Das Problem eines kleinen Mannes ist nicht, dass er keine Frau findet (es gibt immer noch kleinere Frauen). Das Problem eines kleinen Mannes ist, dass seine Auswahl viel geringer ist als die großer Männer. Und kleine Männer beginnen große Männer zu hassen, wenn diese mit einer Körpergröße von 1,90 Meter mit 1,60 Meter-Frauen knutschen. Große Männer sollen sich aus Fairnessgründen bitte auch große Frauen suchen und nicht im Revier des kleinen Mannes wildern. Wahre Liebe setzt sich natürlich über Körpergrößen hinweg, aber Frauen lieben kleinere Männer nun mal nicht. „In kleinere Männer verliebe ich mich nie wieder“, beschloss eine Freundin von mir vor zwei Jahren, nachdem sie ihr – kleinerer – Exfreund mit einer noch kleineren Frau betrogen hatte. Sie ist 1,85 Meter. Mit solchen Frauen habe ich im Übrigen die stabilsten Freundschaften, weil jeder Gedanke an Sex von vornherein absurd erscheint. Jetzt noch eine Frage zum Schluss: Spinn ich mir eigentlich etwas zusammen? Auf der nächsten Seite kannst du die Mädchenantwort lesen


Ganz ehrlich - ich bin sehr gerne groß. So ganz allgemein, aber auch als Frau. Denn als großer Mensch hat man einige Vorteile: Zum Beispiel kommt man gut an Dinge in oberen Regalfächern ran, kann mit der Jeans-Größe angeben und auf Konzerten sieht man immer gut, was auf der Bühne gerade so passiert. Du hast schon recht: Normalerweise orientieren wir uns ganz automatisch an dem gesellschaftlichen Standard, der besagt, dass Frauen kleiner als Männer sein sollten. Gründe dafür kann ich nicht mal nennen. Es ist eben so, war schon immer so und man denkt nicht viel darüber nach. Erst recht nicht über dieses unsichtbare Gitter, das ihr offensichtlich mit euch herumtragt. Und ja, ich muss zugeben, ich habe auch so ein gewisses Schema, in das viele meiner Ex-Freunde reinpassen. In meinem Fall ist das ein großer, sehr dünner, leicht gekrümmt in der Ecke lehnender Bassist mit dunklen Haaren. Aber selbstverständlich gibt es da auch Ausnahmen. Und darunter waren bisher auch ein paar Jungs, die kleiner waren. Denn wir rennen ja nicht blind mit dem Meterstab durch die Gegend und blenden alles aus, was zwei Zentimeter kleiner ist, als wir. Mitunter treffen wir einen, der sehr toll ist und dann ist es ziemlich wurst, dass diesmal er es ist, der sich an uns anlehnen kann. Und wenn man als Mädchen einen kleineren Freund hat, dann wiegen die Vorteile die paar Nachteile (auf der Rolltreppe küssen, von unten nach oben schielen, durch die Gegend getragen werden – eben der ganze romantische und völlig überbewertete Mist) locker auf. Wie, bitteschön, kann man schneller und ganz ohne Worte seiner Umwelt vermitteln, wie irre unkonventionell man ist, und dass man so ü-ber-haupt nicht auf Äußerlichkeiten achtet, sondern den Menschen mit dem besten Herzen wählt. Gleichzeitig ist es auch ein lustiges Gefühl, wenn ein Junge (und nach meiner Erfahrung haben kleinere Jungs da oft eine Macke) einen von unten anschauen muss, wenn er versucht, eine männlich-dominante Rolle zu erfüllen. Das macht ihn irgendwie niedlich und man kann viel lachen dabei. Und lachen ist immer gut. Die Tatsache, dass es nicht viele Beziehungen zwischen größeren Mädchen und kleineren Jung gibt, liegt ja vielleicht weniger an uns konventionellen Damen, sondern an euch und eurem Minderwertigkeitskomplex. Denn wenn ihr uns dauerhaft begeistert, dann tut ihr das nur in den seltensten Fällen durch körperliche Überlegenheit. Sondern dadurch, dass ihr eben toll seid und hübsch und schlau und lustig. Und diese Kombination kommt bekanntlich in verschiedenen Größen daher. Wenn ihr es nun aber schwer aushalten könnt, wenn ein Mädchen euch die schweren Dinge aus den Hängeschränken reicht, euch bei Konzerten erzählt, was der Sänger gerade für ein Gesicht macht und den Arm dabei um eure Schultern schlingt, dann habt ihr eben weiterhin dieses Gitter-Problem und dann ist euch echt nicht zu helfen.

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