Die Jungsfrage:

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Als Junge sieht man sich gelegentlich von der Annahme verfolgt, man hätte seine Pubertät vor allem mit einem Zeitvertreib namens „Kekswichsen“ zugebracht. Daraus wiederum entsteht mitunter der Generalverdacht, dass Männer es bei der Selbstbefriedigung gerne gesellig haben oder sich zumindest über zwei Biertische hinweg darüber austauschen können. Dem ist im Allgemeinen nicht so. Das Wahre daran ist aber, dass selbst in der langsamen, gesellschaftlichen Wahrnehmung die Selbstbefriedigung zum Jungsleben wie selbstverständlich dazu gehört und auch nicht erst seit heute oder Oswald Kolle. Jeder Junge macht es und die meisten schon lange bevor sie eines echten Damenbusens habhaft werden. So hat sich das Reden übers Onanieren natürlich auch in Jungsgespräche eingebürgert und erfährt dabei etwa die Behandlung wie das Reden übers Furzen – ein derbes drumherum Quatschen, ein kumpeliges „Ey, sind das Wichsflecken, Alter?“, ein vages Andeuten der biologischen Zwänge a la „Ich könnt’ schon wieder!“ Aber das ist es dann meistens auch gewesen. Sachlicher Gedankenaustausch dazu findet eher nicht statt und die Bereitschaft dafür nimmt interessanterweise mit dem Erwachsenwerden sogar noch mehr ab. Die Pubertät, der große Gleichmacher der Triebe und Säfte, fehlt dann und das Eingeständnis, sich immer noch selbst zu befriedigen fällt gestandenen Männern schwerer. Das liegt wohl daran, dass die männliche Selbstbefriedigung immer unter dem schlechten Leumund der akuten Triebentlastung steht. Schon Thomas Mann berichtet in seinen Tagbüchern von nächtlicher „Auslösung“ - der Orgasmus als mühsames Loskaufen vom Lendenzwang. Ganz anders euer toller Orgasmus, eure tolle Selbstbefriedigung! Da schwingt ja immer die wunderbar selbst entfaltete Frau mit, die sich Lust und Freude verschafft, in einem sinnlichen Akt femininen Selbstbewusstseins. Super! Aber warum haben wir dann das Gefühl, dass ihr darüber eigentlich überhaupt nie redet (von ein paar versteckten Web-Foren vielleicht abgesehen)? Müsstet ihr euch nicht eigentlich über Vibratoren unterhalten, wie andere über ihr neues Rennrad? Wäre es nicht das Normalste der Welt über angewandte Techniken, aufgetretene Probleme und Ähnliches zu sprechen? Oder macht ihr das dauernd, und wir kriegen es nur nicht mit? Oder interessiert euch Selbstbefriedigung gar nicht? Die Mädchenantwort steht auf der nächsten Seite!


Die Mädchenantwort:

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Selbstbefriedigung interessiert uns sehr wohl, mindestens so sehr wie euch, behaupte ich. Wir sind ja ansonsten nicht so zimperlich darin, Dinge zu verbalisieren, aber beim Thema Masturbation verstummt seltsamerweise unser vorlautes Mundwerk, wie du ganz richtig vermutest. Still und heimlich wird bei uns genauso viel alleine gesext wie bei euch. Bestimmt kennst du auch diesen Spruch, nachdem 99 Prozent der Menschheit onaniert und das andere ein Prozent es lediglich nicht zugeben will. In dieser Hinsicht liegt die Dunkelziffer der weiblichen Verleugner garantiert im zweistelligen Bereich. Wer nicht zufällig in einem Haushalt aufgewachsen ist, in dem die Eltern ständig nackt durch den Flur spazierten, der bekam als kleines Mädchen immer noch suggeriert, dass Schweinskram Jungssache ist. Hinzu kommt, dass der technische Aspekt der Selbstbefriedigung bei uns weitaus komplexer ist. Drücken wir es so aus: manuell erfolgreich sind auf Anhieb die wenigsten. Anders als bei euch landen unsere Selbstbefriedigungsgespräche also zwangsläufig bei der Klärung anwendungsbezogener Details. Weiß man als Mädchen noch nicht, wie das funktioniert mit dem sich Sichgutanfühlen, fällt es aber erst recht schwer, eine angemessene Sprache für diese Problematik zu finden. Über Sex mit Jungen reden wir dagegen von Anfang an gerne und ausführlich. An das Thema Solosex tasten wir uns dann langsam heran, wenn wir in Sexvokabular hinreichend erprobt sind und der Geschlechtsverkehr mit euch ausreichend diskutiert ist. Wenn man sich heute umschaut, teilen sich die Frauen beim Thema Selbstbefriedigung in zwei Lager: Die erste Fraktion bilden die Unter-den-Tisch-Kehrerinnen. Diese schweigen die ganze Sache einfach tot. Unangenehme Dinge werden in Helmut-Kohl-Manier kommentarlos ausgesessen. In ihrer Jugend behauptete die typische Vertreterin dieser Gattung, sich noch niemals selbst angefasst zu haben. Das stimmt vielleicht sogar. Wenn sie sich doch zu einem Statement durchringt, muss aber stets ausdrücklich klargestellt werden, dass es nicht um akute Triebentlastung geht. „Also für mich ist es eher eine Entspannungsübung“, sagt so jemand, „super zum Stressabbau, wie Yoga.“ Die zweite Fraktion besteht aus ungenierten Sex-and-the-City-Sozialisierten. Diese Gruppe muss ständig unter Beweis stellen, wie gut sie verbale Lockerungsübungen in der Untenrum-Thematik verinnerlicht hat. Demonstrativ aufgeschlossen werden Stiftung Warentest-mäßig die neuesten Produkte des Sexspielzeugmarktes diskutiert, der sprachliche Ton wird in solchen Runden einem maskulinen Gesprächsstil angeglichen, oder an das, was man dafür hält. Wir sind auch vielleicht deshalb ein bisschen verklemmt, weil bislang kaum ein ernsthafterer Diskurs zum Thema Selbstbefriedigung jenseits von "Penisverletzungen bei Masturbation mit Staubsaugern" geführt wird. Selbst in festen Beziehungen bleibt Sex mit sich selbst oft ein Tabu. Ein geschlechterübergreifender Austausch wäre also bestimmt aufschlussreich. So wurde ich erst kürzlich von einem Mann aufgeklärt was NORD in der Fachsprache bedeutet - der nicht onanierbare Restdruck. Den kennen wir wohl genauso wie ihr. xifan-yang