Die Jungsfrage

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Wie ihr nicht nur wisst, liebe Mädchen, sondern auch häufig genug augenrollend beklagt, sagen wir Jungs vieles nicht, obwohl wir es denken. Häufig geht es dabei um schwer zu greifende Dinge wie Träume, Wünsche oder den aktuellen Pegelstand unserer Liebe. Sachverhalte also, die so flutschig sind, dass wir selbst noch gar nicht wissen, wie zum Deibel die sich in Satzform pressen lassen sollen. Dann gibt es aber auch Dinge, die wir aus sehr gutem Grund nicht aus uns rauslassen. Sie bleiben unter Verschluss, weil sie auf der Liste der Sätze stehen, mit denen ihr erfahrungsgemäß nicht gut umgehen könnt.

Dazu gehören zu allererst Hinweise auf Problemzonen. Wenn wir etwa überraschend ein paar Winterpfunde über eurem Hosensaum entdecken, werden wir euch garantiert nie in die Seite knuffen und einen vielsagenden Blick darauf werfen, wie wir es in kumpeligen Jungskreisen tun würden. Viel zu groß ist unsere Sorge, euch damit versehentlich in Löcher voll Selbstzweifel und Seelennöten zu stoßen, die sich - so gut kennen wir euch inzwischen – für euch überall, jederzeit und unabhängig von ansonsten betörender Allround-Schönheit auftun können.

Was aber, wenn das Gegenteil eintritt - und ihr seid uns zu dünn? Es kommt ja durchaus vor, dass wir eines Tages entdecken, dass eure Schulterblätter plötzlich ganz schön große Schatten werfen, dass eure hübschen Knie auch schon mal weniger knubbelig aus der Jeans herausragten und dass diese Oberschenkellücke im vergangenen Sommer noch nicht da war. Wir stehen dann vor der Frage: Sollen wir es damit genauso halten wie mit dem Hüftspeck, ergo nix sagen? Weil es sich beim plötzlichen Dürrsein ja auch um eine Äußerlichkeit handelt, mit der ihr im Zweifelsfall selbst schon unglücklich genug seid, auch ohne von uns darauf hingewiesen zu werden? Oder ist es bei sichtbarem Untergewicht, das ja latent auch gesundheitsgefährdend sein kann, gar unsere Pflicht, was zu sagen?

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Die Mädchenantwort von charlotte-haunhorst

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Ehrlich gesagt wollte ich mich vor der Beantwortung dieser Frage ja drücken. Weil klar ist, dass der in dieser Rubrik sowieso schon schmale Grat zwischen ehrlicher Meinung und sozialer Erwünschtheit besonders kippelig ist. Da du damit aber tatsächlich aber in einem Schlund voller Selbstzweifel und Seelennöte rumstocherst und man damit niemanden alleine lassen sollte, gebe ich mir Mühe um eine ehrliche Antwort.

Zunächst einmal halte ich es mit der Theorie, dass man in einer Beziehung über alles reden können muss. Dazu gehört nicht nur das Eingeständnis, dass man den besten Freund des Partners zum Kotzen findet, sondern eben auch die empfundene Attraktivität des Gegenübers. Denn an Über- oder Untergewicht kann man prinzipiell etwas ändern, so lange es nicht krankhaft ist. Daran, dass die Liebe zerbricht, weil man sich nicht mehr körperlich anziehend fand, leider nicht.

Natürlich muss das in Maßen sein. Weder die drei Kilo Plätzchenspeck nach Weihnachten noch die drei Kilo zu wenig nach einer stressigen Prüfungszeit sollten Anlass sein, dass ihr unser Gewicht kommentiert. Damit löst ihr wirklich nur Selbstzweifel und ungesunde Verhaltensweisen wie eine FDH-Diät aus. Und der Freundin zuzusehen, wie sie jeden Abend nur noch verschüchtert Puffreiscracker mit Meersalz isst – das kann nun wirklich nicht in eurem Interesse sein.

Wenn der Winterspeck oder aber eben auch die Abwesenheit von selbigem sich allerdings verstärken, wird es Zeit zu reden. Und das heißt nicht nur feststellen, dass der andere sich körperlich verändert hat, sondern auch die damit verbundenen Sorgen formulieren. Ja, natürlich wird dieses Gespräch erstmal zu Selbstzweifeln, Gegenbeschuldigungen und Frust fühlen. Aber es ist notwendig. Denn anders als du beschreibst, macht viele von uns das Dürrsein nicht automatisch unglücklich. Im Gegenteil. Den Satz „Du bist zu dünn" vom eigenen Freund zu hören, das klingt für viele wie ein Kompliment. Und wenn einem klar ist, dass es vergiftet ist, dann ist das zumindest noch besser, als zu hören, man sei zu dick. Schlankheit ist nunmal ein Schönheitsideal, dem wir alle anhängen, auch wenn wir uns regelmäßig das Gegenteil versichern. An dieser aktuellen Oberschenkellücken-Diskussion kann man das ganz gut beobachten. Irgendwie sind sich nach außen alle einig, dass das gefährlich sein kann. Die, die tatsächlich eine haben, erzählen das aber trotzdem freudig und nicht so, als würden sie sich jetzt um ihren Gesundheitszustand sorgen. Hier gibt es also einen ziemlich großen Unterschied zwischen dem, was wir aus sozialer Erwünschtheit sagen und wirklich denken. Und wenn ein Mädchen einfach mal von Natur aus sehr dünn ist und sich darüber beschwert, bekommt sie mit Sicherheit sehr oft ein „deine Probleme möchte ich haben" zu hören.

Damit sich das ändert, gibt es nur eine Lösung, liebe Jungs: Ihr müsst mit uns reden. Sagt uns ruhig, dass ihr Pommespieker-Beinchen und eingefallene Wangen nur attraktiv findet, wenn sie zur natürlichen Figur gehören. Und wenn ihr es nicht so hart formulieren wollt, dann sprecht zumindest an, dass ihr euch Sorgen macht. Nur so kann es ein Gespräch über die Gründe für das Dünnsein geben. Das müssen wir dann auch aushalten, und es kann eine Beziehung ja durchaus stärken, wenn man weiß, warum die Freundin hungert. Und auch wenn wir nach diesem Gespräch dann Selbstzweifel haben, war es das wert, weil man sie dann gemeinsam in Angriff nehmen kann.

Und da ich mir nun zum Abschluss vorstellen kann, wie einige männliche Leser sich freuen, künftig den Freifahrtschein für das Kommentieren des Gewichts ihrer Freundin zu haben – diese Antwort gilt natürlich auch geschlechterumgekehrt. Also Jungs, bitte nicht beleidigt sein, wenn wir uns dann auch mal zu eurer Plauze oder Hühnerbrust äußern

Text: lucas-grunewald - Fotos: Seleneos / photocase.com