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Es gibt Dinge, die kann man sehr schlecht vorhersagen. Den Verlauf von Gesprächen zum Beispiel. Nehmen wir mal eine Runde von Freunden: Jungs und Mädchen, ein Abend in einer kleinen Bar, ein paar Getränke auf dem Tisch, man unterhält sich, manchmal kommt jemand dazu, manchmal geht jemand. Egal, worüber gesprochen wird – es kann sein, dass es in zehn Minuten um etwas ganz anderes geht. Das ist ja das Schöne an solchen Abenden: Jeder ausgesprochene Gedanke löst irgendeine Reaktion bei den anderen Gesprächsteilnehmern aus, die wiederum was dazu sagen, was wieder etwas auslöst und so weiter. Kein Mensch weiß, wo einen die Gespräche des Abends noch hinführen. Es sei denn, es kommt ein schwangeres Mädchen in die Runde.

Dann gibt es plötzlich unter den weiblichen Anteilen der Bargesellschaft für die nächsten eineinhalb Stunden nur noch ein Themengebiet: den Bauch der Schwangeren, seinen Inhalt und alles, was damit zusammenhängt.

Es scheint ein Naturgesetz zu sein, oder ein Reflex: Wenn ein schwangere Freundin da ist, müsst ihr über das Schwangersein parlieren. Wir machen da ein bisschen mit, wir sind ja höflich und manchmal ja auch wirklich interessiert daran, wie sich das Herumgetrage so eines neuen Menschleins bewerkstelligen lässt. Aber nach einer halben Stunde ist es dann auch wieder genug. Von uns aus. Von euch aus nicht.

Klar, ihr habt naturgemäß ein größeres Interesse an den Details einer Schwangerschaft, das wissen wir ja, das ist ja auch total einleuchtend. Aber dieser scheinbar unendliche Gesprächsbedarf verwundert uns dann doch. Die Reflexhaftigkeit, mit der ihr das Gesprächs-Procedere mit jeder verfügbaren Neu-Bauchträgerin in eurem Freundeskreis wiederholt. Die Ausdauer, mit der ihr alles wieder von Neuem durchgeht, die Ernährungs- und Nicht-mehr-trinken-Fragen, die Hormonchaosfragen, die Kinderwagen- und Namensfragen. (Und wahrscheinlich auch die Sex-mit-Kind-im-Bauch-Fragen, aber die dürfen wir nicht hören...)

Warum denn nur immer und immer wieder? Bitte erklärt uns diesen Bauchreden-Reflex doch mal! Was ist seine Ursache? Mitgefühl? Mitfiebern? Pure Informationsbeschaffung? Vorauseilendes Schwangerschaftstraining? Instinkt? Oder einfach nur Höflichkeit? Etikette unter Frauen?

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Räusper, räusper! Du kriegst es nun mit meinem ungeschönten, weiblichen Mutterpotential zu tun. Falls das Richtung huhnblindes Rumglucken geht, tut es mir NICHT leid. Du hattest gefragt.

Also: Die Begegnung mit ebenbürtigen, und damit meine ich ungefähr gleichaltrigen (sagen wir mit einem Radius von plus minus sechs Jahren), Schwangeren, verwandelt meinen Kopf in ein sehr zudringliches Herzaugen-Emoticon. Ich will sofort und in heißbackiger Neugierde wissen, wie das ist, das Schwangersein. Und zwar in all seinen Intimitäten und Details, seien sie auch noch so unappetitlich.

Die Gründe sind nicht besonders kompliziert: Irgendwann kommt bei uns der Moment, an dem wir uns Kinderkriegen nicht mehr wie Oma-mit-grauer-Dauerwelle-sein vorstellen, sondern wie einen ziemlich coolen, sinnstiftenden Move (also, mal abgesehen von all dem hässlichen Buggy-Funktions-Kram, den man dann kaufen und durch die Straßen schieben und in die Wohnung stellen muss). Das heißt gar nicht, dass wir sofort selbst damit loslegen wollen. Aber wir können uns prinzipiell damit identifizieren und sind deshalb neugierig. Und das ist ein sehr schönes, britzeliges, und vor allem extremst neues Gefühl. Denn davor waren schwangere Frauen entweder fremde, alte Frauen oder die eigene, alte Mutter, und erstens interessieren einen da die Details von Natur aus noch nicht so sehr, zweitens wären deren damals gesammelte Informationen heute vielleicht auch nicht mehr so relevant. Na gut, vielleicht schon, ein bisschen. Aber jetzt ist 2014 und jetzt ist unsere Zeit und wir wollen gefälligst alle News aus der aktuellsten Quelle, und die sind nun mal eben plötzlich Frauen in unserem Alter! Wow, krass!

Dieser von euch beklagte Reflex ist also nichts anderes als unsere ganz persönliche Schwangerschafts-Prophylaxe. Langweilig wird die deshalb nicht, weil wir auf alles vorbereitet sein wollen. Jeder Körper ist anders und je mehr wir über die abgefahrensten Körpermutationen des Schwangerseins mitkriegen, desto entspannter sind wir vielleicht, wenn es uns selbst widerfährt.

Es ist aber auch psychologisch eine gute Möglichkeit des langsamen Hineingroovens in unser Mutter-Feature. Im Gespräch mit einer Schwangeren können wir uns als Noch-Unbetroffene so richtig schön in dem Wissen suhlen, dass wir all das noch vor uns haben. Danach können wir an die Bar taumeln und entspannt vier brennende Schnäpse bestellen: runter mit dem flüssigen Gold, wir sind jung und unabhängig! Und dabei stoßen wir aber gar nicht primär auf diese Unabhängigkeit an, sondern vor allem darauf, dass uns das Beste noch bevor steht. Dass uns irgendwann der Moment, in dem wir eben nicht mehr vor der Entscheidung stehen, sondern die Entscheidung längst getroffen wurde, von einer Menge blöder Zweifel und Ängste befreit: Schluss mit dem blöden Soll-ich-soll-ich-nicht-Gelaber, die Sache ist durch!

Das ganze Quatschen über Schwangerbäuche ist also nichts als das Zelebrieren der Vorfreude, in jedem nur möglichen Sinne. Die Freude am Jungsein, die Freude am Älterwerden, die Lust, auf alle Ängste zu scheißen und alles auszuprobieren, was im Leben so drin ist.

So, Jungs. So ist das. Davon kann man nicht genug kriegen.

martina-holzapfl


Text: eric-mauerle - Cover: morningside / photocase.de