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Verwirrendes Telefonat vor ein paar Tagen: Ich war unterwegs – die Erwachsenen würden es wohl „auf Geschäftsreise“ nennen – und rief zwischen zwei Zügen noch mal zu Hause an. Die Bahn gibt einem da mit Verspätungen ja viele Möglichkeiten. Es war jedenfalls schon eher Nacht als Abend. Die Frau, die ich gut kenne, ist zu dieser Zeit sonst eher müde als fit. Manchmal schläft sie auch schon.  

An diesem Abend war sie aber sehr aufgekratzt. Sie habe nämlich, sagte sie deutlich kurz angebunden, „den Bachelor verpasst“! Das Finale! Und das schaue sie jetzt noch online nach. Weil der Subtext lautete „Und du störst dabei gerade!“, beendete ich das Gespräch eilig – und geriet in ein Grübeln, das menschenleere Bahnhöfe in wenig urbanen Umsteige-Städten besonders begünstigen.  

Es ist ja etwas müßig, die Leidenschaft für Trash-TV zu diskutieren. Spätestens, seit irgendwer das Konstrukt der ironischen Brechung zum gültigen Argument erhoben hat, geht da ja nix mehr. Und wer wäre ich, wo ich doch, wenigstens wenn ich gerade eh zu Hause bin, mitfiebere, wann bei GZSZ die Flemming endlich mit dem komischen Kiffer kopuliert. Aber dass es ausgerechnet der Bachelor sein muss, im Internet nachgeschaut (!), das bekomme ich nicht sortiert.  

Weil: Echt jetzt?! Wir reden doch immerhin über eine Sendung, die – wieviele dramaturgisch hervorragend konzipierten Shows – ihre Kraft aus ihrer Widerwärtigkeit bezieht. In diesem Fall: Echte Frauen reihen sich in Abendkleidern auf, damit ein Typ sich nach dem Trial-and-Error-Prinzip eine aussuchen kann. Ich könnte nun nachvollziehen, wenn Männer das mögen. Typen, die sich auch Schlamm-Catchen anschauen und im Lokal für ihren Frauen das Essen bestellen. Irgendwas mit Reminiszenz an irgendeine Zeit und „bei der würde ich schon auch mal meine Rose auspacken“, sagen die in meiner Vorstellung dann auch – mit etwas engem Hemdkragen und leicht rotem Kopf. Aber – und das ist nun zugegeben wieder unnötig dünne Empirie in meinem Umfeld – die schauen das nicht. Ihr schaut das. Das sind Formate für euch. Wie GNTM, das ja auch eine wenigstens etwas ähnliche Geschichte erzählt. Und das checke ich nicht.  

Was ist das also? Einfach nur derselbe Impuls, der Gafferstaus auf der Autobahn verursacht? Oder nicht doch mehr? Ist es überhaupt was Geschlechtsspezifisches? Etwas, das nur bei euch wirkt (ich glaube schon)? Eine besondere Form der Stutenbissigkeit vielleicht? Oder eine komische Genugtuung darüber, wie emanzipiert oder klug oder cool wir eigentlich alle schon sind, im Vergleich zu dem Glatzköpfigen und den Frauen, die ganz, ganz unbedingt ins Fernsehen wollen? Habt ihr die geschlechtergetauschte Runde mit der Bachelorette auch geschaut? Wurde die nicht wiederholt, weil die Jungs dramaturgisch nix hergegeben haben? Ist es also eigentlich doch nur die total reflektierte Betrachtung einer gut gemachten Show? Klärt uns bitte auf. 

elias-steffensen

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Folgende Szene vergangene Woche Mittwoch: Meine Freundin K., unser Freund A. und ich sitzen beim Essen. A. hat gekocht, sehr aufwändig, Spinat-Ricotta-Gnocci. Es gibt gehobenen Wein, Klaviermusik und Servietten. Und dann ist es Viertel nach neun, A. und ich schauen uns nur an und ich sage ein wenig unsicher: „Bachelor?“. Und A. sagt „klar“ und bevor K. überhaupt realisiert, was da gerade passiert, springen wir aufs Sofa, das Weinglas noch in der Hand, legen die Füße hoch und ziehen uns die folgende Stunde eine Sendung rein, in der ein glatzköpfiger Proll mit drei verschiedenen Frauen an abgefahrene Orte fährt mit dem Ziel, sie möglichst ins Bett zu kriegen. Polygamie nennt man das wohl. Am Ende wirft er übrigens die Frau raus, die ihn als einzige nicht knutschen wollte.  

Die arme K. sah die Sendung zum ersten Mal und war komplett fassungslos. „Das ist nicht echt, oder?“, fragte sie irgendwann und schaute uns sehr besorgt an. Hundert Jahre Frauenbewegung, zunichte gemacht in einer Sendung. Und ihre eigentlich kultivierten Freunde liegen dazu grölend auf dem Sofa und amüsieren sich.  

Also habe ich versucht, ihr zu erklären, warum „Der Bachelor“ im Gegensatz zu Sendungen wie „Bauer sucht Frau“ aus meiner Sicht akzeptabel ist. Fürs Protokoll jetzt also kurz die Standard-Argumente. Danach dann noch die zweite Wahrheit:
„Der Bachelor“ läuft in Deutschland bereits zum dritten Mal (mal abgesehen von diesem unglücklichen Versuch mit der Bachelorette, die anstatt mit herkulesartigen Männern am Ende lieber mit dem kleinwüchsigen Oliver Pocher zusammen war), wer sich darauf bewirbt weiß, was dort passiert. Ergo glaubt auch niemand ernsthaft, dort die große Liebe zu finden, sondern vielleicht danach einen Werbevertrag mit einem Dosenprosecco-Hersteller abzustauben. Außerdem nett für die Kandidatinnen: Sie bekommen einen kostenlosen Südafrika-Urlaub und da sie eh alle von Beruf „Model“ sind oder andere Phantasie-Jobs haben („Account-Managerin“) stört es sie vermutlich auch nicht weiter, dass die Kamera ihnen konsequent auf die sehenswerten Brüste hält. Außerdem sind die Bachelor-Hupfdohlen, anders als bei „Topmodel“, alle volljährig und können sich frei nach Kant ihres Verstandes bedienen. Bei Sendungen wie „Bauer sucht Frau“ oder „DSDS“, wo sämtliche Handlungen noch mit zynischen Kommentaren unterlegt oder die Menschen unbewusst vorgeführt werden, finde ich das problematischer. Diese Sendungen gucke ich deshalb auch nicht.  

Die, für mich unrühmlichere, Wahrheit ist die eigene Gossip-Sucht. In der Sendung werden Dinge gesagt und getan, für die meine Mutter mich enterben würde. Und das ist halt dann doch auch ein bisschen aufregend anzuschauen. Somit geht es dabei auch um den Gaffer-Effekt. Anders als bei Topmodel, das einen ja zumindest noch mit den eigenen körperlichen Unzulänglichkeiten konfrontiert, sind die Bachelor-Mädels und Jungs sehr einfache Ziele, wie die Kollegin Schlüter es ausdrücken würde. Man kann ohne gesellschaftliche Sanktionen im Kollektiv über sie herziehen und sich gleichzeitig selbst bestätigen, dass man selbst nie so tief fallen würde, da mitzumachen. Bachelor-Kandidatin zu sein ist einfach keine Eigenleistung (abgesehen von der Leistung von Schönheits-Chirurgen und einem Personal-Trainer). Bei "Topmodel" behauptet man das zwar auch, in Wahrheit hätte aber wohl kaum eine Frau was dagegen, mit dem Titel „Germany’s next Topmodel“ ausgezeichnet zu werden. Die Mädels dort müssen auch nicht für den „Erfolg“ einem Glatzkopf ihre Zunge in den Rachen schieben.    

„Der Bachelor“ liefert also Gossip und dafür muss man nicht einmal das Haus verlassen. Er ist eine bequeme Form der Selbstbestätigung, glücklicherweise nie so verzweifelt zu sein, wie die Frauen im Fernsehen. Und das beste daran: Man kann sich auch noch gegenseitig versichern, dass der eigene Freund so eine Pute nie zur Freundin haben wollen würde. Bei den Topmodels ist man sich da nicht ganz so sicher (unabhängig davon, dass die mittlerweile alle Jahrgang 1997 sind und die biologische Altersgrenze eine Rolle spielen sollte).  

Aber, auch wenn du jetzt so bildungsbürgerlich tust und dein maximaler TV-Hades angeblich aus GZSZ besteht – auch Jungs gucken den Bachelor. Meistens offiziell aus der gleichen Motivation wie ich. Vielleicht aber auch, weil sie die Kameraeinstellung mit den Brüsten halt auch ganz gut finden. Deshalb hat die Bachelorette auch nicht so gut funktioniert – da gab’s nur ein Paar Brüste und die Männer kamen gar nicht auf die Idee, den „ich-suche-die-große-Liebe-Quark“ zu verzapfen. Das hat das Gossip-Potenzial leider in den Boden gerammt.  

Meine Freundin K. schrieb mir übrigens in der Woche drauf am Dienstag eine SMS: „Morgen Bachelor-Finale?“. Sie hatte die Message verstanden.