Die Jungsfrage

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Ganz früher mal, da durften Frauen nicht Zigarette rauchen. Rauchen war nur was für Männer. Genauso wie Trinken. Besoffene Frauen waren wilde, verruchte Femmes Fatales und so selten zu finden wie kochende Männer. Solche Zeiten sind zum Glück vorbei. Heute inszenieren sich Männer ständig am Herd und was den Konsum gesundheitsschädlicher Genussmittel betrifft, könnt ihr Mädchen es locker mit uns aufnehmen. Nur beim Kiffen ist das irgendwie anders. Schon klar, so ganz legal ist es nicht, und manche halten es auch für gefährlich. Aber das gilt ja auch für Jungs. Trotzdem haben wir den Eindruck, dass die Kiffer unter uns so viel häufiger anzutreffen sind als unter euresgleichen und wir fragen uns: Warum ist das so? Und vor allem: Wieso zählen männliche Kiffer quasi zur Stammbesetzung von Filmen und Serien während die Popkultur das Motiv "Mädchen mit Joint" komplett zu ignorieren scheint? Wenn wir euch einen Zug anbieten, macht ihr ein Gesicht, als hätten wir gefragt: Magst du auch mal mit meinem Gameboy spielen? Ihr lehnt ab und tut dann so, als ob wir irgendwo in der dunklen Pubertät hängen geblieben wären. Bei euch steckt Kiffen in einer imaginären Schachtel, die ihr pünktlich zum 18. Geburtstag auf den Speicher getragen und eingemottet habt - zusammen mit einer blau gefärbten Haarsträhne, depressiv-verstimmten Gedichten und einem Nirvana-Poster. Oben drauf steht dick geschrieben: "Pubertät, Wilde Zeiten". Natürlich haben manche von uns auch eine Kiffer-Sozialisation hinter sich, von der sie sich distanzieren. Bei uns sah das so aus: Jeden Nachmittag nach der Schule gingen wir zum dicken Manni und setzten uns auf die Couch. Manni war ein bisschen langsam, aß ständig Schokoriegel und trank ausschließlich Instant-Eistee. Zwar war er auch ein bisschen mundfaul, aber dafür hatte er eine Playstation und immer etwas zu rauchen. Eine viel zu lange Zeit unseres Lebens verdaddelten wir mit glasigen Augen und pickliger Haut auf Mannis Couch. Wir sind kein bisschen stolz auf diese Zeit und das letzte, was wir von Manni gehört haben, war, dass er für sechs Wochen in die Psychiatrie musste. Aber wenn wir heute mal einen durchziehen, heißt das noch lange nicht, dass wir auf der Stelle wieder zu einem kommunikationsgestörten Nerd mutieren, der damals auf Mannis Couch saß - eben weil wir wissen, dass wir von Drogen reden und die (die gleichnamige Kampagne hat es uns ja beigebracht) eben keine Macht haben sollen. Da muss man nur mal bei Manni nachfragen. Also: Warum sehen wir so selten kiffende Mädchen im Kino? Und: Warum tut ihr immer so erwachsen, wenn es ums Kiffen geht? Habt ihr Angst davor, euch in kichernde Hexen zu verwandeln und komplett die Kontrolle zu verlieren? Gefällt euch dieses wattierte "Ich checks gerade voll nicht finds aber endlustig"-Gefühl einfach nicht? Ist Kiffen also am Ende so was wie eine "Männerdroge"? Auf der nächsten Seite die Mädchenantwort, die es am heutigen Montag, 2. November auch in der Süddeutschen Zeitung gibt.


Die Mädchenantwort

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Stimmt, es gibt nicht viele Mädchen, die kiffen. Es gibt eigentlich kein Mädchen und keine Frau, die aus dem Konsum von Marihuana einen Lebensstil bastelt und den in der Öffentlichkeit stolz in angeranztem T-Shirt vor sich herträgt. Im Gegensatz zu einigen Jungs, die auf Partys oder in so genannten Kifferkomödien ihren Cannabis-Konsum zu einer Art Heldentat stilisieren - in Filmen wie Knocked Up, Harold & Kumar oder Lammbock sucht man kiffende Mädchen jedenfalls ebenfalls vergeblich. Immerhin kommt zumindest in Amerika gerade ein bisschen Bewegung in diese starre Geschlechterteilung. Die amerikanische Ausgabe der Marie Claire hat nämlich ein "neues" Phänomen entdeckt und ihm gleich einen Titel verpasst: den sogenannten "Stiletto-Stoner". Es gibt tatsächlich Frauen, die sich abends - statt ein Klischee-Glas Prosecco einzuschenken - einen Joint anzünden. Und der irrste Irrsinn daran: Diese Frauen sind gut in ihren Jobs, ziehen auch mal ihre Jogginghose aus und sind nicht dick. Und mit dieser messerscharfen Analyse wären wir eigentlich schon bei der Beantwortung deiner Frage: 1. Mädchen lassen sich ungern in der Öffentlichkeit gehen. Weil sie Angst davor haben, die Kontrolle über sich selbst und die Kontrolle über die Situation verlieren zu können. Wer schon mal gekifft hat, der weiß, dass mit dem wuscheligen Kopfgefühl auch andere Gefühle mitkommen können. Vieles ist plötzlich unglaublich großartig: Die Witze sind zum Wegschmeißen, die Musik ist der H-A-M-M-E-R und die Berührungen eines anderen Menschen auch. Die Aussicht, auf einer Party all diese Gefühle auf einmal zu fühlen und gleichzeitig seinen Körper und Geist nicht mehr so recht unter Kontrolle zu haben, kann Angst machen. Deshalb reichen wir den kreisenden Joint an den nächsten weiter. 2. Woher denn? Ich kenne kein Mädchen, das mal eben in die einschlägig bekannten Parks der Stadt laufen würde, um sich dann von einem Fremden annuscheln zu lassen, ob sie denn "was braucht". Wir haben auch hier: Angst. Ich bin sicher, ihr Jungs kennt diese Angst auch. Aber ihr baut doch tendenziell häufiger Mist. Und die Gesellschaft gesteht es euch tendenziell auch eher zu. 3. Eine peinliche, aber dennoch durchaus existente Angst ist die vor dem sogenannten "pot belly", dem unausweichlichen, sich rundenden Bäuchlein, das dem Menschen nun mal wächst, wenn er plötzlich so wahnsinnige Lust kriegt, sich jetzt sofort ein spezielles Eis-Sandwich zu basteln, bestehend aus vier Schokoladenkeksen, dazwischen Schoko-Eis und auf der Spitze noch ein paar Schokobonbons zur Zierde. 4. Es scheint gesellschaftlich einigermaßen anerkannt, wenn sich Jungs damit brüsten, sehr viel wegrauchen zu können, nur Unsinn zu labern und sich ausschließlich von Bringdiensten ernähren zu lassen. Ich habe noch nie von einem Mädchen gehört, oder eines im Fernsehen oder Kino gesehen, das so lebt. Natürlich gibt es trotzdem Mädchen, die kiffen. Aber die meisten tun es mit sehr engen Freunden, weil sie dann sicher sein können, sich in einer geschützten Umgebung zu befinden. Und vielleicht wäre es mal an der Zeit, dass sich die Kiffer-Mädchen in der Öffentlichkeit zeigen - wenn es nicht verboten wäre. penni-dreyer