Die Jungsfrage:

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Mit dem Tätowieren ist es ja ein bisschen wie mit dem Pinkeln in der Dusche. Entweder kann man es überhaupt nicht verstehen, käme nie auf den Gedanken und goutiert es auch bei den anderen nur mit Befremden. Oder aber es gehört zum Alltag und die Frage ist gar nicht mehr ob, sondern nur wie oft. So ein Tattoo ist für uns Jungs eine Art Abzeichen, ein Zugehörigkeitssymbol, eine Tapferkeitsmedaille und ja, gelegentlich auch Schmuck. Dann aber auf keinen Fall niedlicher Schmuck, sondern eher martialischer, überbordender und männlicher. Schließlich ist der Akt des Tätowierens mit Schmerz, Blut und Eisen ja auch ein brachialer Akt und wenn dabei ein Schneeglöckchen rauskäme, wäre das irgendwie verschenkt. So ungefähr, als würde man mit dem Panzer in die Eisdiele fahren. Nun, bei euch bemerken wir neben ähnlichen Gründen für Körperbemalung noch eine Sonderform: Den kleinen Stern. Den lassen sich auch Mädchen tätowieren, die mit der Stecher-Szene nix am Hut haben und zwar in großer Häufigkeit. Mal sind es drei kleine Sterne auf der Hüfte, mal einer am Unterarm, an der Wade oder am Schulterblatt. Wir könnten uns täuschen, aber zum ersten Mal haben wir diesen Stern bei Sarah Kuttner gesehen und danach ziemlich schnell überall. Dieser Stern ist gar nicht unniedlich, wir würden ihn nur selber eher nicht auf dem Knöchel haben wollen. Also ist das ein Mädchending und ihr müsst erklären, was es damit auf sich hat: Ist es vielleicht Bösesein light?


Die Mädchenantwort

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Bösesein light trifft's ganz gut, liebe Jungs! Obwohl es sicherlich auch ein paar Stern-Tattoo-Mädchen gibt, die wirklich richtig böse sind. Alle anderen mögen den Stern, weil er so ein variables Tattoo ist. Je nach Alter, Laune und sozialem Umfeld ist der Stern ein bisschen punkig oder ein bisschen romantisch. Andere Tattoos besitzen diese Wandelfähigkeit nicht. Blumenranke? Mädchenhaft. Chinesische Schriftzeichen? Abgeschmackt. Arschgeweih? Jugendsünde. Wie ihr außerdem richtig beobachtet habt, sind unsere Stern-Tattoos oft kleine-Stern-Tattoos. Wir begeben uns freiwillig in die Hände eines von oben bis unten bemalten Hünen mit einer Nadel in der Hand, wir trauen uns – ein bisschen. Der kleine Stern ist schnell gestochen und bald verheilt. Bei Bedarf versteckt er sich dezent unter der Kleidung. Manchmal wollen wir nämlich weder punkig noch romantisch aussehen. Beim Vorstellungsgespräch zum Beispiel darfs ruhig ein bisschen seriös sein. Im Alltagsleben können wir den Stern zur Schau stellen, ohne rot anlaufen zu müssen. Sogar die Oma kriegt keinen Herzanfall, wenn ihr der Stern entgegenleuchtet. Ihr hätte zwar die Kreuz-Herz-Anker-Kombi noch besser gefallen, aber was solls? Wenn wir irgendwann Omas sind, haben wir beim Sterntaler-Märchen super Anschauungsmaterial für unsere Enkelkinder. Der kleine Stern ist sogar auf nicht mehr ganz so straffer Haut noch als Stern zu erkennen. Er wird uns selbst, wenn wir mal 85 Jahre alt sind, noch an unsere Jugend erinnern. An eine Zeit, in der wir in der zwölften Klasse darüber nachdachten, wie wir uns am Besten von den anderen abheben könnten. Die verrückten Klamotten von damals sind dann weg, das Piercingloch längst wieder zugewachsen. Aber das Tattoo, der kleine Stern, ist immer noch da. Und er ist immer noch ein bisschen wild. johanna-kempter