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Das wird nun ein wenig heikel, weil es so leicht misszuverstehen ist. Deshalb ganz laut vorweg: Das hier soll auf keinen Fall die Debatte um die niedrigeren Löhne von Frauen ins Gegenteil verkehren und die Schuld bei euch suchen! Nein, nein, nein! Aber: Ich habe eine Beobachtung gemacht, und die betrifft nun mal genau dieses Thema – Geld. Genauer: Wie ihr im Beruf nach (mehr) Geld fragt.  

Wenn ihr es überhaupt tut. Denn in jedem Job, in wirklich jedem, den ich bislang hatte (egal ob das nun ein professionelles Umfeld oder Laientheater war), fiel irgendwann dieser Satz: „Da kann ich doch nicht nach Geld fragen!“. Immer eher mit einem Ausrufezeichen statt einem Fragezeichen am Ende. Und fast ausnahmslos von Frauen. Von starken Frauen. Von Frauen, die beim Boxen deutlich größere Männer verprügeln. Von Frauen, die mich unter den Tisch gesoffen haben. Kluge Frauen – und emanzipierte.  

Dieselben Frauen, an denen ich mich beruflich orientiert habe, weil sie brillante Ideen hatten oder ihre Arbeit so konstant gut war, schlichen immer wieder wie Praktikantinnen um die Büros ihrer Chefs, drucksten, räusperten oder duckmäuserten herum, wenn es darum ging, eine Gehaltserhöhung zu fordern. Ich habe mal eine Kollegin erlebt, die sich in einer Art Entscheidungsmonolog fast 30 Minuten lang selbst Argumente vorgesagt hat, warum sie NICHT nach mehr Geld fragen kann.  

Mich verwirrt das. Und ich befürchte Schlimmes, was die Gründe betrifft: Habt ihr derart viele schlechte Erfahrungen mit dem Thema gemacht, dass ihr schlicht resigniert? Weil ihr denkt (oder gar wisst?!), dass es eh nichts bringt? Oder ist es eine viel abstraktere Angst vor einer negativen Antwort? Eine, die womöglich damit zu tun hat, dass ihr das Gehalt – mehr als wir – als Gradmesser eurer Leistung empfindet? Und die Frage nach mehr Geld damit immer bedeutet, danach zu fragen, wie gut der Chef eure Arbeit findet? Hat der Satz „Über Geld redet man nicht!“ für euch eine irgendwie tradierte Bedeutung, die ich nicht sehe? Oder sind am Ende gar wir schuld? Etwa, weil wir ohne Rücksicht auf Verluste jede Gelegenheit nutzen, um mehr Geld rauszuschlagen, und ihr wollt dann nicht auch noch fragen? Und, so weit kann man das ja mal denken: Können wir euch da irgendwie helfen? Schon aus emanzipiertem Eigennutz wäre das interessant: Wenn ihr mehr verdient, könnt ihr uns öfter zum Essen einladen!

Auf der nächsten Seite liest du die Mädchenantwort von martina-holzapfl.


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Da du ehrenwerterweise schon alles unternommen hast, deine Frage nicht als herabschauendes „Ach, Mädels"-Getue wirken zu lassen, unternehme ich keine weiteren Relatvierungsversuche und lege sofort los mit der schmerzhaften Wahrheit: Du hast Recht. Mit ... naja, eigentlich mit allem. Mit deiner Beobachtung sowieso und auch mit den angerissenenen Erklärungsversuchen.

Aber warum? Ich kann an unserer Angst vor Geldverhandlungen nichts spezifisch Weibliches erkennen. Es ist nicht so, dass wir denken: Ich darf nicht nach mehr Geld fragen, ich bin eine Frau. Unsere Gründe erscheinen mir so geschlechtslos wie irrational. Sie sind, wenn man sie aufschreibt, so totalbescheuert, dass man sich dafür schämen muss. Da sie aber offensichtlich unser Handeln regieren und weil du so nett gefragt hast, tue ich es trotzdem. Und stelle vorsichtshalber einen Disclaimer für die supersmarten Businessfrauen unter uns vorweg: Bitte nicht ins "Wir" miteinbezogen fühlen.

Also: In uns sitzt diese Grundangst, dass wir für alles, was wir beruflich tun, in Wahrheit noch gar nicht gut/groß/reif genug sind. Wir fürchten deshalb den Tag, an dem wir bei diesem So-tun-als-ob-Spiel ertappt werden. Unterschwellig fühlen wir uns manchmal noch wie eine 16-jährige, die froh sein darf, überhaupt einen Taschengelderweiterungsjob als Tellerwäscherin bekommen zu haben. Wie zur Hölle wir in den letzten Jahren an einen seriöseren Beruf gekommen sind, ist uns im Grunde ein Rätsel. Wenn wir jetzt anfangen, plötzlich ganz ‚erwachsen' zu tun und über Geldsummen verhandeln, die über den Stundenlohn einer Tellerwäscherin hinausgehen, dann fürchten wir jedes Mal, dass jemand uns enttarnt. Dass wir gefeuert werden, weil wir entbehrlicher sind, als wir uns wünschen. Wir haben Angst, für unsere Vorstellungen ausgelacht zu werden oder als „geldgeil" und übergeschnappt abgestempelt zu werden. Den meisten von uns wurde immerhin beigebracht, immer schön bescheiden zu sein und lieber einmal weniger stolz auf uns zu sein, als einmal zu vorschnell.

Das richtig Hirnrissige an der ganzen Sache ist aber auch, dass uns nicht nur eine negative Verhandlung Angst macht. Mindestens genau so sehr fürchten wir den Verhandlungserfolg. Denn auch er hat verletztende Seiten: Wieso ist da auf einmal Luft für mehr? Wenn jetzt plötzlich easypeasy mehr Geld drin ist, wieso hat man es uns nicht gleich gesagt? Wieso geht man schon davon aus, uns klein zu halten, bis wir den Mund aufmachen? Wieso können wir nicht einfach transparent und von vorneherein genau das kriegen, was angemessen ist für unsere Arbeit? Will man uns etwa verarschen? Sehen wir also tatsächlich so aus, als könne man das mit uns machen? Na danke, alles verfehlt, wir ziehen in den Wald.

All das und noch einige situationsspezifische Spezialängste mehr rasen durch unsere Hirne, wenn wir anfangen, darüber nachzudenken, dass wir vielleicht für eine Sache gern mehr Geld hätte. Und wenn uns dann eine supertoughe außenstehende Person mit den Worten „Jetzt steh doch mal für dich ein, du darfst dich doch nicht unter Wert verkaufen" zu Hilfe kommen will, dann setzt plötzlich alles aus. Denn jetzt kommt zu all den anderen Ängsten noch der Schrecken dazu, dass wir das vielleicht schon viel zu lange getan habe und dass es jetzt eh zu spät ist.

Und das sind dann diese Momente, in denen ihr uns plötzlich dabei zuhören müsst, wie wir tausend Gründe finden, warum mehr Geld gar nicht nötig ist. Wir legen urplötzlich jene trotzige Abwehrhaltung an den Tag, die wir schon in der Schule in einem gehassten Fach haben raushängen lassen: "Ich kann das nicht, ich will das nicht, ne Fünf ist auch okay, hauptsache ihr lasst mich endlich alle in Ruhe mit eurem Scheiß!"

So. Das war die unschöne, peinliche, ziemlich unemanzipierte, aber ehrliche Antwort. Wir hoffen auf gute Besserung. Darauf, dass sich Erwachsenwerden nicht mehr wie ausversehen Kleinbleiben anfühlt. Darauf, dass wir besser heute als morgen anfangen, uns zu holen, was wir verdienen.