Die Jungsfrage:

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Wie ich so neulich besuchsmäßig durch meinen kleinen Heimatort wandelte, kam mir prompt einer der 50 Gründe entgegen, wegen derer ich dort weggegangen bin. Es war der Sportlehrer Feilner. Unser Gymnasium hatte natürlich viele Sportlehrer die kamen und gingen, aber nur einen, bei dem alle wussten wer gemeint war, wenn man stöhnte: Sport! Feilner ließ uns Jungs laufen bis uns schwarz vor den Augen wurde, den Mädchen gab er wann immer er konnte intensive Dehnungsanleitungen und alle zwei Jahre wurde ihm eine neue Affäre nachgesagt. Schließlich heiratete er tatsächlich auch ein frisch abituriertes Pferdeschwanz-Geschöpf und sein Lächeln war noch zufriedener, wenn wir uns fortan vor ihm in Krämpfen wanden. Er war übrigens nicht der einzige Lehrer, der eine Liebe mit einer ehemaligen Schülerin hatte, auch der nette Wirtschaftsreferendar und der wilde Kunstheini bedienten sich aus dem, äh, Häschenpool. Jenseits dieser handfesten Beweise für die Existenz einer besonderen Beziehung zwischen Lehrern und ihren Schülerinnen, erinnere ich mich an mindestens drei weitere junge Lehrer, die allgemein als anschwärmenswert galten. Bei deren Erscheinen blähten unsere Mitschülerinnen die Nüstern und setzten sich vorteilhaft hin, während wir Jungs weiter unsere Schlampermäppchen durchs Zimmer katapultierten. Wir kapierten das natürlich nicht. Lehrer waren doch immer doof und per se uralt, die einzige Lehrerin, in die wir je verknallt waren, war die Grundschullehrerin – und diese Liebe war eindeutig platonisch. Euch hingegen scheint mindestens einmal ein Studienrat ins Herz zu rutschen. Könnt ihr das erklären?


Die Mädchenantwort:

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Ha! Mit mindestens einmal liegst du aber weit daneben. Ich war im Laufe meiner Schulzeit in mindestens fünf Lehrer verknallt. Aber Jungs, mal ehrlich: Wo sollten wir denn auch hin mit unseren ersten diffusen Fantasien? Ihr wart ja noch im Lego-Technik-Alter, als wir in der 5. Klasse zum ersten Mal von so Liebe, Sex& Zärtlichkeit-Kram träumten. Da war aus unseren Kinderschuhen plötzlich ein Stück Weiblichkeit gewachsen, das nun ihr Gegenstück suchte. Und wo fanden wir das wohl? Richtig: in der Schule. Wir waren ja sonst nirgends. Und da gerieten zum ersten Mal echte Männer in unser Blickfeld, die nicht unsere Väter waren. So schauderlich das klingt, aber diese Männer hatten das, was wir suchten. In unserer aufmüpfigen Pubertät strebten wir nach Herausforderungen und Bestätigung. Es schmeichelte uns, wenn uns diese wissenden Lehrer nun aus der Menge herauslobten. Darüber definierten wir uns. Daran wuchsen wir. Und wenn dann gleich auch noch ein junger Referendar den Pulk der alten Grauköpfe erhellte, war es natürlich doppelt um uns geschehen. Wir verwechselten seine pädagogische Freundlichkeit und seinen jugendlichen Witz mit etwas, das wir nicht benennen konnten, sich aber ziemlich britzelig im Bauch anfühlte. Und so legten wir ein Verhalten an den Tag, das man im Nachhinein wohl als "erste Flirtversuche" bezeichnen könnte. Diese hitzige Vorfreude auf die Stunden war zuerst harmlos, später hin und wieder gespickt von expliziten Gedanken an nackte Haut und heimlichen Sex im Bioraum. Ein bisschen Aufregung im langweiligen Schulalltag eben. Wir verfolgten mit diesen kleinen Verknallungen kein Ziel. Wir wollten uns nur in Fantasien darüber verlieren, wie es wohl wäre unsere Lehrer abzuschleppen. Wissen, ob das ginge. Wir waren bloß in diesen Gedanken an verbotene Grenzgänge verknallt. Das war ein ganz egoistisches Spiel, um seinen eigenen Marktwert zu definieren, schon klar. Aber das wurde mir auch erst auf dem Abiball klar. Da tanzte ich nämlich zum ersten und zum letzten Mal auf engeren Hautkontakt mit einem Lehrer. Er war schon öfter Protagonist meiner erträumter Obszönitäten gewesen. Und als er mich da so leicht angetrunken berührte und herumschwang, da war mir plötzlich klar: Wäre das hier nicht der Abiball, und dieser Moment kein so offizieller, dann würde er mich jetzt vermutlich küssen. Schnipps! Er war ab jetzt also nicht mehr unerreichbar für mich. Er war nicht mehr Lehrer, ich war nicht mehr Schülerin. Und in diesem Moment scheiden sich dann wahrscheinlich die Geister. Da gibt es dann die a) Mädchen, für die es das Größte ist, diesen aufregenden Mann endlich zu ergattern. Das sind dann die jungen, pferdebeschwanzten Häschen. Sie heiraten. (Ich stelle mir vor, dass es kein schöner Moment ist, Monate später, wenn sie feststellen, dass dieser Mann mehr peinlicher Schlaumeier als ehrlich Wissender ist.) Und b) Mädchen, für die in diesem Moment alles vorbei ist. Mir ging es so. Der (zugegebenermaßen billige) Kopfporno, der mir da all die Jahre Funken in meinen drögen Schulalltag sprühte, hatte sich in Luft aufgelöst. Übrig war nur noch: Ekel. Herr Mosch, oder auch: „Gunni“ war doch zum Schluss nicht mehr als die Erweiterung eines armseligen Lehramtsstudenten. Und das waren in meinen Augen immer nur diejenigen, die so viel Angst vor dem Leben haben, dass ihnen nichts Besseres einfällt, als wieder zurück an die Schule zu gehen. Das stieß mich ab. Ich wollte so viel mehr. Und in meinem jugendlichen Hochmut war ich davon überzeugt, dass ich dieses ganze, große Mehr auch bekommen würde. Als das Lied und damit unser Tanz schließlich beendet war, strahlte „Gunni“ mir mit glühenden Augen entgegen. Nie blickte ich entliebter zurück. Diese vermeintlich heißen Junglehrer, sie waren der Zeitvertreib meiner Schulzeit gewesen, die Musen der drögsten Stunden, Inspirationsquelle für verbotene Fantasien. Damit sich diese elendigen Vor- und Nachmittage auf Teufel komm’ raus nach etwas anfühlten. Aber das war jetzt vorbei, ich war über sie hinausgewachsen. Ich hatte den armselig besiedelten Ententeich namens Schule verlassen. martina-holzapfl