Mädchen, warum seid ihr immer so furchtbar nett?

Immer zum Wochenende. Jungs fragen Mädchen fragen Jungs. Weil manches kapiert man einfach nicht bei denen.
jan-stremmel



Das Wort „Stoffel“ ist laut Duden eine Koseform von „Christoph“, und da fängt es schon an. Stoffel sind die, die sich nicht vorstellen, wenn sie sich als letzte an einen Tisch setzen. Die auf den Boden starren, wenn man sie an der U-Bahn-Haltestange wiedererkennt. Stoffel legen keinen Wert auf sozialen Schmierstoff, der die Verzahnung von Fremden und nur spärlich Bekannten leichtgängig macht. Statt zu lächeln und zu plaudern, mit unverbindlichem Floskulieren um schwierige Situationen zu tänzeln, schweigen die Stoffel. Die Beklommenheit, die sich so teuflisch schnell und dröhnend unangenehm zwischen Halbfremde schiebt - sie sitzen sie aus. Stoffel sind die Parkkrallen unter den Mitmenschen. Und sie sind eigentlich immer: männlich.


Der Christoph, auf den der Begriff zurückgeht, war der Legende nach ein Typ, der sich gelegentlich zu einer „ungeschlachten Gestalt“ verwandelte. Er war also eine Art Hulk unter den volkstümlichen Chimären. Bis heute sieht der Duden im Stoffel eine „ungehobelte, etwas tölpelhafte“, aber eben auch „männliche Person“. Einer der berühmtesten Popkultur-Stoffel ist Jack Nicholson in „Besser geht’s nicht“, ein herablassender, grober Klotz voller Zwangsneurosen und Vorurteilen. Robert DeNiro hat seit „Meine Braut, ihr Vater und ich“ eigentlich nur noch Stoffel gespielt, der Stoffel ist die Rolle seines Lebensabends.


Vom ungeschlachten Christoph bis zu dem Typen, der im selben Stockwerk arbeitet und auch nach zwei Jahren geteilter Teeküche nicht Hallo sagt: Warum fallen uns nur Männer ein, die mit dieser desinteressierten Kauzigkeit ihre Mitmenschen frustrieren? Ein weiblicher Stoffel ist uns nämlich weder aus Funk noch Fernsehen noch aus persönlicher Anschauung bekannt. Es scheint, als trüge auch die verbittertste Altjungfer immer noch ein paar alte Reserven an Nettigkeiten in der Handtasche, für den Fall dass das schwergängige Uhrwerk, das dieses soziale Miteinander ja leider sehr oft ist, noch ein bisschen geölt werden muss.


Warum bloß seid ihr immer so umgänglich? So unkauzig, so fluffig-angenehm, so unbürokratisch nett? So grundsätzlich an guten Vibes und smoothem Smalltalk interessiert? Arbeitet ihr hart daran? Lernt ihr es auf dem Weg zur Erwachsenen? Oder kommt euch das Nettsein ganz natürlich aus der Hüfte? Und wenn wir mal ganz eigennützig fragen dürfen: Was ist der Trick?






  Stoffel: Wie gut ich sie kenne in allen Ausformungen und Aggregatszuständen. Und du hast recht, zu 90 Prozent sind sie männlich (und gehen mir unfassbar auf die Nerven, je älter ich werde).  

Es ist schon etwas dran an diesen altbekannten Gemeinplätzen, dass Mädchen schon im Kleinkind-Alter eingebimst wird, sich sozial zu verhalten. Zu teilen, andere Kinder in ihr Spiel mit einzubeziehen, nett und höflich zu den Mitmenschen zu sein. Kurz gesagt: Das Miteinander für alle Beteiligten so angenehm wie möglich zu gestalten. Wir üben das ein. Und mit gutem Grund: Bis vor nicht allzu langer Zeit war es die wichtigste (und oft einzig mögliche) Rolle von Frauen, der Schmierstoff im sozialen Miteinander zu sein, das Leben für die Menschen um sie herum so angenehm wie möglich zu machen, was eben auch bedeutet, Reibungen minimal zu halten, damit es flutscht. Weil es sonst einfach zu anstrengend wird. Und ein echtes Zaubermittel dafür ist: Nett sein. Umgekehrt bedeutete das Jahrhunderte lang für die Männer, dass es für sie nicht ganz so wichtig war, soziale Kompetenzen zu erlernen, weil dieser Bereich ja auf ihre Mütter, Schwestern, Gattinnen ausgelagert war – die hielten die Familie zusammen, erinnerten sich an sämtliche Geburtstage aller Erbtanten und sorgten dafür, dass ihr Fred Feuerstein-Gatte bei nachbarschaftlichen Konflikten nicht gleich die Keule auspackte, sondern es erst einmal mit einem Gespräch versuchte.  

Nicht, dass wir uns da falsch verstehen: Es gibt viele Mädchen und Frauen, denen Smalltalk ein Graus ist und die von Natur aus eher die Tendenz zum Eremitendasein haben. Aber wir arbeiten dagegen an, unter anderem auch, weil es uns gar nicht erlaubt ist, in dieser Hinsicht aus der Bahn zu scheren. Heute können wir zumindest theoretisch alles werden, was wir uns in den Kopf gesetzt haben: Karrierefrau, Profi-Sportlerin, Verteidigungsministerin, feministische Hausfrau.
Nicht akzeptiert dagegen sind die Berufszweige verrückte Professorin, eigenbrötlerische Wissenschaftlerin oder noch im Elternhaus lebende Videospielerin ohne jegliche Sozialkompetenz. Diese Berufsfelder bleiben weitestgehend euch überlassen. Ich beneide solche kauzigen Menschen manchmal sehr. Einfach mal genau das sagen, was einem gerade durch den Kopf geht. Sich nicht ständig rückversichern, ob das nun gesellschaftlich akzeptables Verhalten ist oder nicht. Nicht ständig Gespräche mit Menschen führen, für die man sich eigentlich gar nicht besonders interessiert. Das muss ganz schön befreiend sein, wenn man so ganz ohne Schere im Kopf und Maulkorb vor dem Mund einfach so daher reden kann und sich über niemanden Gedanken machen muss, außer sich selbst. Leider ist es aber unfassbar unangenehm für alle anderen Beteiligten, die mit solchen Menschen zu tun haben.  

Selbstverständlich kenne ich auch einige weibliche Super-Stoffel (um genau zu sein: zwei). Komischerweise rege ich mich über die nicht ganz so auf, wie über ihre männlichen Pendants. Zum einen liegt es daran, dass der weibliche Kauz so selten vorkommt, dass er geradezu exotisch und erfrischend anders wirkt, wenn man ihm zum ersten Mal begegnet. Zum anderen habe ich festgestellt, dass ich bei Frauen mit extremen zwischenmenschlichen Defiziten oft eher den Eindruck habe, dass hinter dem Verhalten keine Unverschämtheit und Wurschtigkeit anderen Menschen gegenüber steckt, sondern eine handfeste psychische Störung. Was vermutlich nur daran liegt, dass man tatsächlich geradezu schockiert ist, wenn man diesem Verhalten bei einer Frau begegnet.    

Übrigens ist die Kehrseite unserer so tief verwurzelten Neigung, Konflikte zu vermeiden, dass es uns tendenziell schwer fällt, sie offen anzusprechen und aus dem Weg zu räumen. Und so gut wir darin sind, zwischenmenschliche Beziehungen zu pflegen, so gut sind wir darin, sie sehr zielgenau zu torpedieren. Aber das ist ein ganz anderes Fass, das ein andermal aufgemacht werden soll.   

christina-waechter

  • teilen
  • schließen