Die Jungsfrage:

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Auch wenn ich meine Schulzeit sehr genossen habe, bleibt ein Gefühl untrennbar mit meinen Jahren als Schüler verwoben: Langeweile. Das effektivste Mittel zur Monotonieflucht war der Streich.

Wenn meine Klassenkameraden unachtsam waren, biss ich ihnen ihre Pausenbrote aus der Hand, malte ganze Blockseiten mit Phallussymbolen voll oder betätigte den Lichtschalter, während jemand gerade auf der Toilette saß. Im Gegenzug schubste mich mein Banknachbar während des Unterrichts vom Stuhl. Ich lag plötzlich auf dem Boden und wurde von meinem Lehrer ermahnt, während mein Freund so tat als wäre er seit Stunden gewissenhaft in seine Lektüre vertieft.

Bei uns Jungs gibt es etwas, das man Schabernack-Spirale nennen könnte. Die Gleichung: Jeder Spaß auf Kosten anderer fordert auch Vergeltung. Die Vergeltung fordert Vergeltung. Und so weiter. So endeten harmlose Absichten in dreisten Eskapaden.

Törichte Streiche werden nicht umsonst Dummejungenstreiche genannt. Irgendwann lernen wir, dass es auch für Schadenfreude ein Maß gibt. Trotzdem bringen uns die kleinen Gehässigkeiten von damals auch noch manchmal zum Lachen, wenn es in unserem Leben längst Steuererklärungen gibt. Streiche, die unnötig gewalttätig sind, wie die Reißzwecke im Schuh, oder nur darauf ausgerichtet sind, jemanden bloßzustellen, reizen uns nicht mehr so. Unsere Streiche werden mit der Zeit subtiler, durchdachter und aufwendiger.

Doch nun zu euch. Ihr macht das irgendwie nicht, Streiche spielen. Zugegeben, die meisten Streiche sind ziemlich albern. Der unangefochtene Streichklassiker, das Furzkissen, arbeitet zudem mit Fäkalhumor. Klar, dass euch das nicht gefällt. Etikette und so. Aber seid ihr vielleicht auch ein bisschen zu verkrampft, um euch auf einen harmlosen Streich auf Kosten anderer einzulassen? Liegt euer ewiges Streichstreiken daran, dass ihr jedem gegenüber empathisch seid? Ihr habt doch bestimmt auch ab und zu Lust, euch ein bisschen zu bekriegen. Warum tut ihr es nicht? Geht ihr uns unbekannte Wege, um Rivalitäten unter Freunden auszutragen? Sind Streiche nicht feinfühlig genug, der grazilen Architektur von Mädchenfreundschaften gerecht zu werden? Oder habt ihr einfach Angst vor der Rache?

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Die Mädchenantwort von valerie-dewitt:

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Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, fallen mir schon ein paar Streiche ein, an denen ich beteiligt war. Ich habe zum Beispiel Nachmittage lang Klingelmännchen gespielt, ganze Straßenzüge und Wohngebiete habe ich durchgeklingelt. Ich habe auch Telefonstreiche geliebt, von Anrufen bei Fremden über Kunden- bis hin zu Flirthotlines  habe ich mit meinen Freundinnen alles abtelefoniert, was das Telefonbuch, das Fernsehen und die Zeitung hergaben. Ich bin auch mit dem von dir so heißgeliebte Furzkissen in Berührung gekommen und habe es auf den Stuhl am Lehrerpult gelegt. Aber all das bestätigt ja auch deine Beobachtung: Die Streiche galten immer Erwachsenen, Autoritätspersonen oder irgendwelchen Fremden in irgendwelchen Häusern oder an irgendwelchen Telefonen. Denen eben, die sowieso immer das Sagen hatten und die wir deswegen gerne ein bisschen verwirren wollte, damit sie endlich mal ihre blöde Contenance verlieren. Aber sie galten nie, nie, nie einer Freundin.

Ich glaube, das hat tatsächlich mit der Architektur der Mädchenfreundschaften zu tun, die du erwähnst. Allerdings nicht damit, dass Streiche „nicht subtil“ genug für uns sind, wie du vermutest. Es ist vielmehr die grundlegende Beschaffenheit des Bandes zwischen uns. Und ich will versuchen, das zu erklären.

Eure Freundschaften im Schulalter erinnern immer ein bisschen an einen Welpenhaufen. Ihr seid wie kleine, speckige Hunde mit zu großen Pfoten, die aneinander im Spiel den Ernst des Lebens trainieren: das Kämpfen, das Beißen, das Sich-verteidigen. Wie die Welpen tragt ihr kleine Machtkämpfe aus und wer dem anderen zuerst den Stuhl unterm Hintern wegzieht, hat gewonnen. Das Herz eurer Freundschaft ist das Spiel, nur wer gut spielen kann, wer laut, frech und schamlos ist, verschafft sich Respekt bei den anderen.

Unsere Freundschaften im Schulalter erinnern auf den ersten Blick immer ein bisschen an...naja, jetzt fällt mir nichts ein, aber zumindest nicht an einen Welpenhaufen! Freundinnen sind weniger Spielgefährten als Verbündete. Gegen Erwachsene und gegen Jungs, gegen Schulnoten und die blöden Tussis aus der Parallelklasse (die auch Verbündete sind, klar). Unter uns verschafft man sich zum Beispiel Respekt, wenn man verschwiegen und verständnisvoll ist. Wenn man gut zuhören kann, die andere in den Arm nimmt, wenn sie weinen muss, und bereit ist, mit ihr im Partnerlook über den Schulhof zu schlendern, obwohl die älteren Schüler einen dafür auslachen (und man später selbst mal über diese Mädchen lachen wird). Weiß der Geier, warum das so ist, und ja, bestimmt wieder wegen Gesellschaft und Rollenbildern und so weiter, aber Fakt ist: Dieses Mädchen-Freundschaftsgefüge beruht auf Vertrauen, auf Nie-alleine- und Immer-korrekt-zueinander-sein. Die kleinste Illoyalität wird mit Verachtung oder Schuldzuweisungen gestraft. Es gibt so eine Art Ehrenkodex unter Schulmädchen und wenn ihn mal jemand aufschreiben würde, dann lautete er vermutlich ungefähr so: gemein sein darf man nur zusammen, nie gegeneinander; auslachen darf man nur die anderen, nicht sich gegenseitig. In euren Streichen stecken eine leichte Gehässigkeit, ein bisschen Schadenfreude und der Wunsch, den anderen zu erniedrigen, wenigstens ganz kurz. All das muss aus Mädchenfreundschaften rausgehalten werden. Ist darin nicht vorgesehen. Macht sie kaputt.

Einmal gab es ihn übrigens doch in meinem Leben, den Dummemädchenstreich unter Mädchen. Zwei Freundinnen spielten ihn mir in der Grundschule. Sie nahmen mir heimlich meine Sachen vom Schultisch und versteckten sie, ich suchte verzweifelt danach. Ich habe dann bemerkt, wie sie gemeinsam über mich lachten. Und dann habe ich geweint. Weil sie die Regeln „gemein sein darf man nur zusammen“ und „auslachen darf man nur die anderen“ gegen mich verwendet haben. Sie haben mich ausgeschlossen. Wenn es Streiche unter Mädchen gibt, werden sie also nicht dazu verwendet, sich innerhalb eines Reviers zu messen, so wie bei euch. Sondern dazu, Reviere abzustecken.      




Text: julian-schmitzberger - Cover: Søren / photocase.com