1020040



Liebe Mädchen,

eigentlich weiß ich die Antwort eh schon: Im Geheimen wollt ihr euch ab und an fühlen wie eure eigenen Tanten, gell? Und zwar mit dieser nie ganz geklärten Mischung aus Ironie und stiller Bewunderung, mit der wir versuchen, uns die Schnauzer unserer Großonkel auf der Oberlippe nachzuzüchten. Das scheint mir die einzig logische Erklärung. Wobei ich natürlich in tiefem Dunkel stochere – wir sind ja nicht dabei, wenn ihr euch zur Sektrunden rottet. Aber in meiner Fantasie, da läuft das ungefähr so ab: Eine von euch denkt (vielleicht nuschelt sie es auch leise): „Hm, Piccolöchen wäre fein jetzt", und das überträgt sich dann funkwellenartig, über Kilometer wohl auch, und schickt ein golden-perlendes Leuchten in die Augen der anderen, die, wenn sie nicht schon da sind, sofort herbeieilen.

Und zack: Steht ihr da, in den Sektflöten blubbert's, aufgekratzt seid ihr wie Siebenjährige mit einem Familienvorrat Fritz-Kola intus, und außerdem gluckst und wiehert ihr und seid ganz wunderbar albern. Und manchmal – in schwächeren Momenten – stelle ich mir außerdem vor, dass ihr dann Hüte mit sehr breiten Krempen und aufwändigen Blumendekors und Schleifen tragt, so als würdet ihr beim Trinken auch noch ein Pferderennen ignorieren. Wie gesagt, Stochern im Dunkeln. Aber ist ja so: Es hat sich sehr viel getan beim Thema Saufen und Emanzipation.

Ihr trinkt eigentlich alles, was wir trinken, oft auch in ähnlichen Mengen, inzwischen oft auch aus Flaschen. Und das ist ja sehr gut so. Aber eine Getränkeart spaltet uns noch zielsicher. Ich subsumiere sie mal grobschlächtig unter „perlend alkoholhaltig", weil dann alle Formen und Qualitätsgrade drunter passen. Das ist wichtig. Asti/Prosecco Blu/Valdo/Veuve sind nämlich die große Konstante in eurer vita bibera – eurer Säuferhistorie. Von den verstohlenen Anfängen im Zeltlager bis rauf ins tantige Alter und/oder Einkommenssegment: Die Biere, Cocktails und Gin Tonics kommen und gehen – das Perlen bleibt. Schon immer.

Allerdings – und das verwirrt besonders – immer nur, wenn ihr das abhaltet, was halb-despektierlich unter „Mädelsrunde" läuft. Wenn ihr mit uns trinkt, geht die Blubberquote wieder schlagartig runter und ihr greift zu Bier-Schnaps-Wein. Und das verstehen wir nicht. Wir orientieren unsere Auswahl (die Anfänge mit Berentzen spare ich jetzt mal aus) an den Variablen Geschmack, Wirkung und Preis und zwar auch ungefähr in dieser Gewichtung. Und vor allem: Jeder für sich! Was im Rudel dann ein äußerst heterogenes Getränkebild ergibt.

Der Geschmack kann bei euren Sektrunden nun aber das Entscheidende nicht sein, sonst würdet ihr doch mit uns doch das gleich trinken. Aber was ist es dann? Entfaltet er tatsächlich eine besondere Wirkung, ähnlich der in meiner Vorstellung? Oder erfüllt ihr am Ende gar ein Rollenklischee? Unbewusst? Oder mit Wonne? Warum also immer Sekt in der Gruppe? Mädchen, entkorkt dieses Mysterium doch mal für uns.

Auf der nächsten Seite liest du die Antwort von charlotte-haunhorst.


1020041



Nun musste ich so lange über die Antwort auf deine Frage nachdenken, dass der Sekt in meinem Glas gar nicht mehr perlt, sondern eher nach einer Flasche Mineralwasser schmeckt, die sehr lange in einem sehr heißen Auto lag. Damit dieser gravierende Qualitätsabfall sich trotzdem lohnt, hier ein kurzer Einblick in meinen Gedankenfluss.

Erstens: Ist deine These, wie bei einer sauber durchgeführten Perlweindiskussion notwendig, überhaupt zutreffend? Trinken wir Sekt wirklich primär in Mädchenrunden? Kurz meine letzten Sekterlebnisse analysiert: Geburtstag einer Freundin – jep! Neue Wohnung – jep! Gemeinsam Kochen mit Freundinnen – jep! Zeugnisfeier – oh, jetzt wird's interessant, da haben auch die Männer an den Flöten geschlurpt. Gleiches gilt für Ostern, Omas Geburtstag und Silvester. Gegenprobe: Trinkt ihr Jungs untereinander manchmal Solosekt? Wenn ja, dann heimlich. Ist also prinzipiell möglich, aber nicht erwiesen. Schlussfolgerung: An deiner Frage muss was dran sein.

Zweiter Gedanke: Diese Sektsache scheint für euch Jungs eigentlich immer nur mit feierlichen Anlässen zusammenzuhängen, zu denen ihr euch dann als besondere Form der Liebesbekundung dazu zwingt, ein paar Prickler runterzuspülen. Wir hingegen, das kann ich als Pauschalbehauptung mal unbelegt raushauen, mögen Sekt. Klar, wir mögen auch Bier, Wein und wenn's hart auf hart kommt sogar den von dir ausgegrenzten Berentzen-Apfelkorn. Aber auf dem Weg zur Party eine Flasche Sekt zu leeren, die kitzelnden Bläschen dabei ein wenig zulange im Mund zu lassen, bis es in der Nase kribbelt – das geht in Maßen schon gut. Moment – vielleicht seid ihr einfach kitzliger und empfindet deshalb die Wirkung von Sekt als störend? Kurz gegoogelt (nachdem ich die zahlreichen Werbungen für Shirts mit dem Aufdruck „Sekt – knallt besser als so mancher Mann" weggeklickt hatte) – die Wissenschaft ist sich darüber uneinig, ob Männer oder Frauen kitzeliger sind. Unbefriedigend.

Drittens: Vielleicht geht es doch um Geschlechterklischees. Aber nicht im Sinne von großen Hutkrempen, Pferderennen und dem Wunsch von uns Mädchen, kichernd an Sektflöten festzuhalten. Sondern um die Alkoholmasse, die wir im Vergleich zu euch konsumieren können. Denn wie du schon treffend beschreibst, ist der Sektkonsum gut, wenn man schnell angeschickert sein möchte. Er geht direkt in den Kopf, dann passiert aber auch lange nichts mehr. Sich mit Sekt richtig aus dem Leben zu schießen, ist aufgrund des großen Kohlensäuregehalts eher kompliziert, dann doch lieber zwei Liter Fritz-Cola. Ihr Jungs fahrt ja ganz gerne die „Ganz-oder-gar-nicht"-Nummer, soll heißen „Acht Bier oder Fahrer". Da können wir natürlich mithalten. Wollen wir aber gar nicht immer.

Denn Sekttrinken bedeutet immer, dass es etwas zu Feiern gibt. Das haben wir gelernt. Sei es mit 12, als man das erste Mal einen Schluck Sekt anlässlich einer Hochzeit trinken durfte, oder mit 19, wenn zum Abi dann die erste Flasche Schampus gekauft wurde. Sekt bedeutet, dass man gerade aus gutem Grund in Maßen trinkt – warum also nicht öfter das Leben feiern und sich die guten Gründe zusammenfabulieren? In dieser Theorie bestätigt mich übrigens auch eine wissenschaftliche Studie aus dem Jahr 1979. Ein Professor stellte dafür eine Flasche Sekt und zwei Gläser auf einen Mensatisch. Was daraufhin passierte, beschrieb Der Spiegel damals folgendermaßen: „Auf der Suche nach Gründen, die Flasche zu entkorken, suchten Vorbeigehende stets belanglose Ereignisse zu Anlässen zu erheben. Beim Trinken fiel auf, daß der Oberkörper leicht vorgebeugt wurde, der linke Arm am Körper herunterfiel und mit der rechten Hand geprostet wurde: Die Trinkenden sahen sich dabei bedeutungsvoll in die Augen. (...) Sekttrinken bewirkt, anders als sonstige Getränke, stets eine Art festlicher Inszenierung."

Vielleicht haben wir im Gegensatz zu euch also einfach nur verstanden, wie man auch aus dem Rausch ein gesellschaftlich-akzeptiertes und (meistens) distinguiertes Ereignis machen kann.

In diesem Sinne– cin cin! 

Text: jakob-biazza - Foto: FemmeCurieuse / photocase.de