Die Jungsfrage:

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Bei einer Freundin von mir war es ein drogensüchtiger Clown. Also buchstäblich: Ein gelernter, hauptberuflicher Clown, der ziemlich viele, ziemlich harte Drogen nahm (und wahrscheinlich noch immer nimmt). Den fand sie toll. Weil er bei ihr anders war. Kreativ. Ungewöhnlich. Lustig. Meistens. Manchmal wurden sie nämlich auch von der Polizei kontrolliert. Weil: Ein tendenziell drogensüchtiger Clown, der sieht nicht aus wie, zum Beispiel jetzt, ein Vorsitzender bei den Jungliberalen. Und dann wurde es oft schwierig. Wirklich kooperativ war er schließlich auch eher selten gegenüber den Beamten.  

Auch eine eilige, nicht repräsentative Umfrage in der Redaktion legt nahe: Irgendwas ist an den Bad Boys, den etwas kaputten, selbstzerstörerischen Typen, bei dem’s euch juckt. Wenigstens ein bisschen. Wenigstens irgendwann mal in eurem Leben. Und dann ist da ja auch noch Dr. House: die Sucht, das Grundgeschlagene, die Beziehungsunfähigkeit. Alles Dinge, die ja eigentlich nur ohrenbetäubende Schreie nach der Liebe der Richtigen sind. Hinken tut er auch noch wie ein besonders wettergegerbter Seebär. Den finde ja sogar ich heiß!  

Und ein wenig beunruhigt uns das übrigens auch. Denn auch, wenn wir unsere präpotenten Sauftouren, die Kifferphasen und die „endskrassen“ Dinge, die wir da so gemacht haben, gerne als totales „Living-on-the-edge“-Borderline-Ding verkaufen: eigentlich sind wir ja mindestens auch eher kreuzbraves Heiratsmaterial, mit dem man am Samstag zu Ikea fahren kann.  

Deshalb frage ich mich: Mädchen, warum mögt ihr Typen, die ihr retten könnt? Warum wollt ihr uns überhaupt retten? Ist da ein seltsames Helfersyndrom, das ich nicht verstehe? Ist es vielleicht gar etwas Historisches: Wie bei den Trümmerfrauen, die nach dem Zweiten Weltkrieg den Dreck aufräumen, den die Männer gemacht haben? Weil: Wir haben das wenigstens in dieser Art nicht. Wir wollen natürlich gerne euer Held in scheinender Rüstung sein. Aber wir wollen dafür lieber mit Drachen oder vereisten Türschlössern kämpfen. Mit externen Dingen. Nicht mit euren Dämonen.  

Bei euch, habe ich zumindest das Gefühl, ist das etwas anders: Ihr kämpft euch lieber nicht mit direkter Konkurrenz ab, sondern eher mit Dingen, die ihr in uns findet – oder zu finden glaubt. Und das verstehe ich nicht. Denkt ihr, dass sich Menschen grundlegend ändern können? Und dass es nur den/die Richtige(n) dafür braucht? Und warum kann das ein Ansporn für euch sein?  

Ach so, und noch eine Frage aus Eigennutz: Können wir dieses Gefühl vielleicht hin und wieder künstlich bei euch stimulieren, ohne gleich abstürzen zu müssen? Mal sehr betrunken fahrradfahren? Uns während der Arbeit einfach mal ein Glas Wein einschenken? Das wäre sehr beruhigend...

Auf der nächsten Seite liest du die Mädchenantwort von charlotte-haunhorst.


"Borderline-Ding", "Helfersyndrom", "Dämonen" und ein drogenabhängiger, trauriger Clown - puh! Mit deiner Frage stecken wir ja schon ordentlich drin in der illustren Welt der Psychoanalyse. Das so tiefgehend zu beantworten, traue ich mir nicht ganz zu. Aber vielleicht reicht für den Anfang ja auch ein wenig Küchenpsychologie?

Vermutlich kennst du den Film "Eiskalte Engel"? Genau, dieser Film, den so ziemlich jedes Mädchen um die Jahrtausendwende toll fand und den ihr deshalb oft beim ersten gemeinsamen DVD-/Videoabend eingelegt habt, um uns einzuwickeln. Diesen Film mochten wir Mädchen vor allem wegen "Sebastian". Der ist ein ziemlicher Dreckssack, gespielt von Ryan Philippe, der die arme Reese Witherspoon entjungfert um mit seiner Stiefschwester zu schlafen und auch sonst echt kein Typ ist, bei dem zukünftige Schwiegereltern einen Kniefall machen. Und trotzdem wollten alle Mädchen so einen Sebastian in ihrem Leben. Denn am Ende zeigt ihm Reese Witherspoon, wie schön es sein kann, nur einen Menschen zu lieben und für den Rest aller Zeiten gemeinsam mit offenem Cabrioverdeck durch die Welt zu fahren. Schade nur, dass Sebastian dann ziemlich flott tot ist.

Dieses Motiv zieht sich nicht nur durch die Filmgeschichte (Dr. House & Lisa Cuddy; Hank Moody & Karen in "Californication" usw.), auch im realen Leben stand jedes Mädchen schon einmal auf einen Sebastian. Der muss nicht unbedingt drogenabhängig und Clown sein, der bekannte Alles-Flachleger aus der Uni oder lebensunfähige Muttersöhnchen eignen sich genauso hervorragend dafür. Hauptsache eine leicht zerbeulte Biografie.

Wenn wir mit diesen Männern etwas anfangen, dann nicht, weil uns der Gedanke an Geschlechtskrankheiten einen Kick gibt oder wir furchtbar gerne Jungs erklären, dass sie die Folie von der Tiefkühlpizza abziehen müssen vorm Backen. Nein. Wir wollen euch nur so gut erkunden, wie keine zuvor. Wollen wissen, warum ihr so zerbeult seid. Die Geschichten hören, wie eure erste Freundin euch so mies hat sitzen lassen, dass ihr danach mit gebrochenem Herzen alles mitgenommen habt. Ergründen, wie euer Verhältnis zu euren Eltern ist und aus welchen Versagensängsten heraus ihr mit den Drogen angefangen habt. Halt den kleinen, an irgendeinem Punkt quergegangenen Jungen rauskitzeln.

Und dann wollen wir, ganz kitschig und naiv, "die Eine" sein. Diejenige, die euch zeigt, dass es auch schön sein kann in der Welt und man sich nur auf einen anderen Menschen (in diesem Fall: uns!) einlassen muss. Dann wird alles gut. Ein Helfersyndrom also, das hast du schon richtig erkannt.

Dieses Syndrom kann allerdings küchenpsychologisch vereinfacht immer nur in zwei Varianten enden: Entweder, ihr lasst euch darauf ein und schwört der Polygamie/Siffigkeit/den Drogen ab und wir klopfen uns innerlich auf die Schulter, diesen sowieso schon heißen Typen jetzt auch noch auf die richtige Umlaufbahn zurückkatapultiert zu haben. Oder aber, wir arbeiten uns jahrelang an euch ab. Das sind dann die unschönen Beziehungen, wo Menschen sich auf Parties anschreien, voneinander weglaufen und am Ende doch wieder kleinlaut zusammen nach Hause gehen. Diese Paare fahren allerdings in den seltensten Fällen auch am Ende mit offenem Cabrioverdeck in den Sonnenuntergang.

Deiner Vermutung, dass es als im Herzen ikeaerpobtes Heiratsmaterial ganz klug sein kann, mal den Bösewicht durchblicken zu lassen, gebe ich trotzdem recht. Es sollte nicht besoffen Auto fahren sein. Aber betrunken radeln und sich danach von uns die Schrammen von dem Gebüsch durch das ihr geschlittert sein verarzten lassen, darauf können wir uns einigen. Dann können wir uns selbst versichern, wie gut es doch ist, dass ihr uns habt. Wäre ja schrecklich, wenn ihr nach so einem Vorfall alleine wärt und wieder mit den Drogen anfangen müsstet.

Text: jakob-biazza - Coverfoto: photocase.com/Tillidin