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Die Farbe Grau ist in etwa so beliebt wie Burger King und Wladimir Putin. Graues Wetter, grauer Star, graue Panther – braucht kein Mensch. In einem besonderen Fall sieht die Sache allerdings anders aus: Auf graue Haare steht ihr Mädels total.  

Bestes Beispiel (wie in fast allen Stil-Fragen): George Clooney. Seit Menschengedenken steht der elegant ergraute Clooney für den Inbegriff von lässigem Style und selbstverständlicher Sexyness – und zwar nicht trotz, sondern wegen des grauen Schopfes. Ihn umgibt eine ungeheure Smartness.  

Zugegeben: Für einen Hollywood-Star ist es kein Kunststück, Frauenherzen zu erobern. Doch in diesem Fall liegt die Sache anders. Graue Haare gelten unter euch Frauen mittlerweile gemeinhin als attraktiv, unabhängig davon, ob sie vom Weltstar oder dem Nachbarn getragen werden. Es gab mal eine Zeit, in der niemand graue Haare haben wollte. Da wurde gefärbt und getönt, was das Supermarktregal hergab. Und wem graue Haare angedichtet wurden, der sputete sich, eine Unterlassungsklage auf den Weg zu bringen. Womit wir wieder bei Putin wären – beziehungsweise seinem Busenfreund Gerhard Schröder.    

Damals, etwa zehn Jahre ist das her, war die Welt noch einfach und durchschaubar. Es galten allgemein verständliche Gesetzmäßigkeiten: Graue Haare = hohes Alter = kein guter Fang. Pech für jene Männer, denen die Farbpigmente schon in den Dreißigern ausgingen. Heute sorgt sich kein Mann mehr ernsthaft wegen der ersten graumelierten Stoppeln, die durch seinen Bart schimmern. Vielmehr stellt sich eine abgeklärte Gewissheit ein: Der Weg vom Normalo zum Frauenschwarm ist nicht mehr weit, bald schon werden Schläfen und Kopfhaar folgen.  

Doch was ist es, das Grauhäupter in euren Augen so attraktiv macht? Ist es der wohlige Hauch von Weisheit, der Männer mit grauen Haaren umgibt? Ist es die Hoffnung, einen patriarchalischen Beschützer vor euch zu haben? Oder ist es der Mythos, graubehaarte Männer würden später nicht an Haarausfall leiden?   Und noch etwas: Mir ist schon klar, dass ihr nicht plötzlich alten Säcken verfallt, nur weil sie graue Haare haben. Der zottelig-faltige Typ à la Dumbledore ist sicher nicht euer Ding. Aber welche Kriterien sind es dann, nach denen ihr entscheidet? Helft mir, ich verstehe euch nicht.

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In dem Film „Im August in Osang County“, der dieses Frühjahr in den Kinos lief, gibt es eine Szene, bei der ich ziemlich nachdenklich, wenn nicht gar traurig wurde. Da sagt Meryl Streep, deren Ehemann sich aus Frust ertränkt hat: „Frauen sind schön, wenn sie jung sind. Danach nicht mehr. Ein Mann kann seine erotische Ausstrahlung behalten bis ins hohe Alter.“ Später sagt sie noch: „Wären wir nicht alle besser dran, wenn wir aufhören würden bei diesen Dingen zu lügen und die Wahrheit sagen? Frauen sind nicht sexy, wenn sie alt sind.“ Schluck.  

Natürlich ist das eine klischeehafte Aussage. Es gibt alte Frauen, die toll und attraktiv aussehen. Aber sind das so richtige Vorbilder für uns? Ihr habt George Clooney über den ja quasi alle sagen, er hätte erst ergraut seine ganze Sexyness errungen. Und wen haben wir? Helen Mirren? Die sieht toll aus, keine Frage. Aber mit der wollt ihr vermutlich weniger schlafen, als wir mit George Clooney. Wenn wiederum eine jüngere Frau als Helen Mirren, zum Beispiel Prinzessin Kate Middleton um bei den Engländern zu bleiben, einen gräulichen Ansatz zeigt, sind alle entsetzt: „Hat sie etwa vergessen nachzufärben??“ Keine Überraschung also, dass es in dieser Altersklasse keine Vorbilder für uns gibt.  

Wenn ich also ganz tief in mich reinhöre und deine Frage rekapituliere, spielt in dieser ganzen Diskussion um eure ach so attraktiven grauen Haare wohl auch eine Rolle, dass Frauen das Altwerden an sich selbst so schlimm finden. Dass es wenige bis gar keine Frauen unter 40 gibt, die offensiv ihre grauen Haare zeigen und uns als Vorbilder dienen könnten. Hat Meryl Streep also vielleicht doch Recht?  

Wie du so treffend beschreibst – eine Zeitlang müssen Männer diese Angst auch gehabt haben. Da wurde noch penibel übergefärbt oder von Pur „ein graues Haaaaaaaaar“ bescheppert. Mittlerweile scheint es allerdings das Agreement zu geben, dass graue Haare bei Männern für Weisheit und Selbstbewusstsein stehen. Dass nichts unangenehmer als offensichtlich gefärbtes Männerhaar ist. Bei Frauen ist dieser Trend allerdings nicht angekommen. Über die ersten grauen Härchen lachen wir noch. Werden es mehr als zehn, ist’s auf einmal aber nicht mehr so lustig. Dann wird automatisch gefärbt – und das bis ins hohe Alter. Ich kann mich erinnern, dass meine Oma bis Mitte 70 eine rote Dauerwelle trug. Die Akzeptanz für die eigenen grauen Haare kam erst mit der Einsicht, dass sie vielleicht auch einen Rollstuhl braucht. Das hat ganz schön lange gedauert.  

Vielleicht liegt in dieser Beobachtung auch die Antwort auf deine Frage. Wenn ihr prüfend vor dem Spiegel steht und behauptet, eure Friseurin hätte gesagt, die hellen Haare seien gar nicht grau sondern nur ein sehr helles blond, dann lächeln wir wissend und sagen, sie würden euch so oder so gut stehen. Genauso versichern wir euch, dass eure Geheimratsecken eigentlich ganz niedlich wären und die Zornesfalten auf der Stirn ein Zeichen, dass ihr einfach nur seeeehr viel nachdenkt. Und Intelligenz ist ja auch attraktiv. Kurz: Wir sagen euch, dass älterwerden okay und attraktiv ist und das meinen wir auch so.  

Ein Stück weit tun wir das aber auch aus einem ganz egoistischen Grund: Um den Trend der attraktiven grauen Haare auch für uns zu nutzen. Damit ihr, wenn es dann so weit ist, auch bei uns nachsichtig seid und wir nicht bis an unser Lebensende Farbe auf unseren Ansatz klatschen müssen. Und vielleicht auch öffentliche Personen wie Das wäre wirklich fabelhaft – könntet ihr darüber einmal nachdenken? 


Text: michel-winde - Cover-Foto: afp