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Mädchen, warum steht ihr alle auf Lars Eidinger?

Foto: dpa

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Die Jungsfrage:

Liebe Mädchen,

denke ich an Lars Eidinger, denke ich vor allem an das arme Würstchen Anfang 30, das er im wirklich sehr sehr gemeinen Durchschnittsbeziehungsdrama "Alle Anderen" spielt: Ein ungelenkes Wesen mit Filzhausschuh-Ausstrahlung, emotional entweder eingetrocknet oder mit allen deutschen Männlich- und Menschlichkeitskomplexen gleichzeitig vermauert. Dass dieses Wesen nur eine Rolle ist, ist mir klar. Und dass Eidinger diese und viele anderen Rollen ziemlich meisterhaft spielt, natürlich auch.

Trotzdem kämen viele meiner Geschlechtsgenossen und ich wohl eher nicht auf den Gedanken, uns das Auftreten oder die Bewegungen eines Lars Eidinger zu eigen zu machen.

Ihr allerdings scheint für jedes Theaterstück, in dem Eidinger sich natürlich mindestens teilweise ausziehen wird, Monate im voraus Karten zu bestellen. Besonders sein "Richard III", alternativer Titel "Die große Eidinger-Show", hat es euch angetan. Dort mordet sich Eidinger durchs England des 15. Jahrhunderts und verführt anschließend (eh klar: gerne nackt) deren Witwen. Und euch gleich mit. 

Während wir uns dann lieber Sitzplätze suchen, die gefeit sind vor Eidingers spontanen Publikums-Interaktionseinlagen (hinterste Reihe), wartet ihr nur sehnsüchtig darauf, dass Eidinger euch für ein paar Sekunden vor der versammelten Schaubühne bloßstellt. Denn wer weiß, er könnte sich ja verlieben, während er euch anschreit. "Richard III" habt ihr euch in dieser Hoffnung bereits drei Mal angeschaut, was uns an euer Verhalten zu "Titanic"-Zeiten erinnert. Ihr wart damals zehn.

Könnt ihr das alles also bitte mal erklären? Und lasst dabei dieses charmant-bodenständiger-Antityp-Ding weg, das liest man ja ständig. Wir haben euch schließlich auch die eigentliche Würstchen-Story erspart.

Eure Jungs

Die Mädchenantwort:

maedchenfrage

Liebe Jungs,

 

ich glaub euch das ja nicht. Ihr behauptet also ernsthaft, überhaupt nicht anfällig für Lars Eidinger zu sein? Sicher? Jedes Mal, wenn ich mich da in der Schaubühne umgesehen habe, saßen bei Richard III. nicht nur hochgestylte Mädchen mit Klimperaugen, sondern auch: ziemlich viele Jungs. Die dann auch von Eidinger angeschrien wurden und das offenkundig ziemlich aufregend fanden. Und quasi jeder männliche Journalist, den ich kenne, träumt doch von einem Interview mit dem. Vielleicht, weil Lars Eidinger wie jemand wirkt, mit dem man auf einer WG-Party mit einem Flens anstoßen könnte und der einem dann auch noch Fragen stellt und ganz tief mit diesen blauen Augen… okay, das führt jetzt zu weit.

 

Also: Ja, von außen betrachtet ist unser Lars-Eidinger-Crush natürlich bescheuert. Der Typ ist immerhin Anfang 40, verheiratet, hat gar nicht mal so kleine Geheimratsecken und in seinem aktuellen Film „Die Blumen von gestern“ sogar eine ziemlich fiese Platte auf dem Hinterkopf (die wurde aber nur so hervorgeschminkt, sagt er!).

Und, auch klar: Wir kennen den ja überhaupt nicht. Wir sehen ihn nur im Kino oder Theater, wo er meistens kranke Psychos spielt, mit denen man nie im Leben ein Bier trinken wollen würde. Wer zumindest ernsthaft gerne mit Richard III. ein Date hätte, gehört in die Klapse.

 

Aber, das habt ihr richtig beobachtet: Lars Eidinger fasziniert uns, auch als Psycho. Und das weiß er auch.

 

Und da nähern wir uns schon ein bisschen mehr dem Phänomen Lars Eidinger: Er selbst kokettiert ja ständig damit, überhaupt nicht bescheiden zu sein. Nennt sich „der beste Schauspieler der Welt“ und betont, wie ernst er das meine, um im nächsten Interview zu sagen: „War doch nur eine Gegenbewegung zur üblichen Koketterie von Schauspielern.“ Macht sich andauernd nackt, um dann genervt davon zu sein, dass alle ständig über seinen Penis reden. Lässt sich von Starfotografen in bizarren Posen ablichten, um danach darüber zu referieren, wie komplexbeladen und verängstigt er doch sei.

 

Kurzum: Der Typ ist uns ein Rätsel. Und das macht ihn so interessant. Weil man bei ihm überall nach dem doppelten Boden sucht und ihn vermutlich auch dort hineininterpretiert, wo er gar nicht zu finden ist. Wenn er neben Kristen Stewart in einem paranormalen Film namens „Personal Shopper“ mitspielt. Einen Holocaust-Forscher mit Errektionsstörungen in „Die Blumen von gestern“ darstellt. Oder eben bei dieser Wurst-Geschichte. Das Triviale bekommt durch Lars Eidinger immer eine Metaebene, und die finden wir, egal, wie billig der Zaubertrick ist, leider wahnsinnig aufregend. Das erklärt übrigens auch, warum wir immer wieder in die Eidinger-Theaterstücke rennen: Ein bisschen hoffen wir halt doch, dass es dieses Mal eine große Überraschung gibt. Ein neuer Dialog entsteht, ein Witz oder eine neue Tiefe, die wir mit unseren Kretin-Gehirnen in dem Stück bisher nicht begriffen haben. Am enttäuschendsten ist Lars Eidinger somit auch, wenn er uns nicht überrascht. Wenn er jetzt wirklich nur noch freundliche Interviews geben würde, in denen er von seiner glücklichen Ehe, seiner Liebe für Pfefferminztee und flauschigen Bademänteln erzählt.

 

Aber, und um die Frage kommen wir ja doch nicht drum herum: Ja, es macht uns auch Spaß, Lars Eidiger halbnackt bis nackt zu sehen. Ob er das jetzt als blöden Sexismus oder großes Kompliment sieht, können wir leider nicht einschätzen. Aber: Das macht ja auch seinen Reiz aus.

 

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